Corona-Virus

Warum das Virus ein Angriff auf die Psyche ist

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Marktforscher erforschen nicht nur die Wünsche sondern auch die Ängste der Menschen. Was liegt näher, als in diesen Tagen die Befürchtungen der Bevölkerung zum Corona-Virus zu untersuchen. planung&analyse fasst die ersten Studien zusammen. Mit dabei Untersuchungen von GIM, LINK, Ipsos und eye square.

„Die Deutschen verfallen beim Thema Coronavirus nach wie vor nicht in Panik“, so das Resümee der GIM Gesellschaft für Innovative Marktforschung nach einer aktuellen bevölkerungsrepräsentativen Studie. „Stattdessen meistern sie eine tägliche Gratwanderung zwischen Besorgnis und Gelassenheit“, heißt es. Wie bei vielen anderen Themen zerfalle die Bevölkerung dabei in zwei nahezu gleich große Gruppen: Die „Gelassenen“ mit 53 Prozent der Gesamtbevölkerung und die „Besorgten“ mit 47 Prozent. Lediglich acht Prozent aller Befragten geben dabei an, sich wegen des Coronavirus „sehr große Sorgen“ zu machen. Von einer Panik scheint die Bevölkerung dabei noch weit entfernt.

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In der Schweiz sieht es offenbar ähnlich aus, wobei man sehen kann, wie die öffentlichen Maßnahmen auch das Gefühl der Menschen beeinflusst. Laut dem Schweizer Link Institut empfanden bis zum 28. Februar 58 Prozent der Schweizer das Coronavirus als eine Bedrohung für ihr Land, seit der Entscheidung des Bundesrates Veranstaltungen zu verbieten, sind es 66 Prozent.
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Wovor konkret die Menschen Angst haben, hat Ipsos in den vergangenen Wochen bereits zweimal in einer internationalen Befragung untersucht. Dabei steht vor allem die Furcht vor negativen Auswirkungen auf die eigene finanzielle Situation im Vordergrund. In Deutschland ist jeder fünfte (19 Prozent) besorgt, das sind acht Prozentpunkte mehr als zwei Wochen zuvor. In den anderen befragten Ländern ist die Sorge vor finanziellen Auswirkungen deutlich größer, vor allem natürlich in Italien. Inzwischen stellen sich laut Ipsos mehr als vier von zehn Italienern (41 Prozent) darauf ein, dass sich der Corona-Ausbruch finanziell auf die eigene Person bzw. die eigene Familie auswirken wird.
© Ipsos

Immer mehr Deutsche sehen Gefahr fürs ganze Land

Stärker als ihren eigenen Wohlstand sehen die Deutschen das eigene Land als Ganzes gefährdet. Fast jeder dritte Bundesbürger (31 Prozent) ist inzwischen der Meinung, dass das Coronavirus eine hohe oder sogar sehr hohe Bedrohung für Deutschland darstellt, was beinahe einer Verdopplung im Vergleich zur letzten Befragung gleichkommt (plus 14 Prozentpunkte). Am größten ist das Bedrohungsempfinden der Menschen in diesem Bereich derzeit in Japan (65 Prozent), Vietnam (63 Prozent) und Frankreich (49 Prozent).

Bundesregierung trägt keine Schuld an der Ausbreitung

Ipsos fragte auch nach der Ursache für die zunehmende Ausbreitung des Coronavirus. Aus Sicht der meisten Deutschen ist das nicht im Krisenmanagement der Bundesregierung begründet. Eine überwiegende Mehrheit der Bevölkerung (80 Prozent) glaubt, dass es schlichtweg unmöglich ist, die genaue Ausbreitung des Virus vorherzusagen. In allen anderen befragten Ländern wird deutlich häufiger Kritik an den staatlichen Behörden geäußert – vor allem in Japan, wo jeder Zweite die Wirksamkeit der getroffenen Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus anzweifelt (50 Prozent).

Ein Angriff auf die Psyche

Was die Bedrohung durch den Virus oder deren Auswirkungen für die Psyche der Menschen bedeutet, hat eye square untersucht. Das Berliner Institut hat die Menschen nicht einfach nur gefragt, sondern auch implizite Verfahren genutzt und herausgefunden „wo die Corona Ängste sitzen und was zu ihrer Bewältigung fehlt“.
Corona-Dossier
Es gibt kaum eine Branche, die nicht von den Folgen der neuen Virusinfektion betroffen ist. Den Durchblick zu bewahren, fällt schwer. Genau hier setzt unser neues Informationsangebot an. Aus mehr als 100 Medienangeboten, die in der dfv Mediengruppe erscheinen, bündeln wir die wichtigsten Beiträge zum Thema in einem wöchentlichen "Corona-Dossier".
Die Dynamik, die durch Corona hervorgerufen wird, unterscheide sich deutlich von der Grippe: Corona wird mit Angst, Bedrohung, Schicksal, und Problem assoziiert. „Das Corona Virus ist für die Menschen ein salienter Reiz, der die eigene Sterblichkeit triggert“, heißt es in dem Bericht. Gleichzeitig werden Corona und Grippe ähnlich stark mit „krank“ und „ansteckend“ assoziiert. Aufgrund der fehlenden Erfahrung gegenüber der von Corona ausgehenden Gefahr und dem Charakter eines Medienereignisses rufe Corona nicht nur konkrete Furcht hervor, sondern löse auch das Gefühl der allgemeinen Angst und Bedrohung aus. So die Ergebnisse von eye square.


Das gelte vor allem für Familien: Menschen mit Kindern im Haushalt fühlen sich stärker bedroht (44 vs. 33 Prozent) und machen sich mehr Sorgen um sich (50 vs. 35 Prozent) und ihre Familie (61 vs. 49 Prozent) als Menschen ohne Kinder. Grundsätzlich haben die Befragten mehr Angst um ihre Familienangehörigen als um ihre eigene Gesundheit. In den jungen Altersgruppen tritt die Angst besonders stark auf. Die jungen Teilnehmer fühlen die Angst implizit stärker, als sie es rational angeben.

Die Bewältigungsstrategien der Bevölkerung

Die Möglichkeiten zu agieren sind begrenzt. Es zeigt sich vor allem ein erhöhter Medienkonsum. Auf Mikro- und Makroebene werden Verdrängung und Verleugnung beobachtet. Man stelle den Corona-Hype als „übertrieben” dar, dies geschieht explizit jedoch stärker als implizit. Die Menschen seien sich also nicht so sicher, ob der Hype wirklich übertrieben ist, aber stimmten vorsichtshalber zu, um die Gefahr aus dem eigenen Alltag zu verdrängen. Dabei verdrängen Männer ihre Angst besonders stark, während Frauen offener mit ihrer bewussten Angst umgehen.

Zusammenfassend sagt eye square, dass die Gefühle der Menschen in dieser Krisenzeit ernst genommen werden sollten. Neben der Erfassung der Erkrankungszahlen sei es unbedingt notwendig, die emotionale Lage glaubwürdig und zuverlässig zu erfassen und ihr zu begegnen.
© eye square
Die Studien
Die bevölkerungsrepräsentative Studie „The German Gratwanderung“ wurden von der GIM in Deutschland im Zeitraum vom 3. bis 9. März 2020 mit 1.000 Online-Interviews (CAWI) und 507 Telefoninterviews (CATI) durchgeführt. Zur Studie >>


Das Schweizer LINK Institut hat in drei aufeinander folgenden Wochen in einer Online Befragungen rund 1000 Schweizer befragt. Zu den Ergebnissen >>

Ipsos in der Ipsos Global Advisor-Studie, die vom 28. bis 29. Februar 2020 unter 10.000 Erwachsenen im Alter von 18 bis 74 Jahren in Kanada und den Vereinigten Staaten bzw. 16 bis 74 Jahren in Australien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Russland und im Vietnam durchgeführt wurde, die Frage nach Corona gestellt. Zur Studie >>
Hier geht es zu den Ergebnissen der Erhebung vom 7. bis 9. Februar >>

eye square führte am 6. und 7. März 2020 eine implizite Online Panel Studie mit 300 Teilnehmern in Deutschland durch. Erhoben wurden die Daten durch eine Kombination aus impliziter Messung (Reaktionszeitmessung mit 33 Attributen) und expliziten Fragen. Die Messungen wurden sowohl für „Corona Virus“ als auch für „Grippe“ durchgeführt. Zu den Ergebnissen >>

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