Vom Weltmeister zum Corona-Trottel?

Warum Deutschland in der Pandemie an die Fabel vom Hasen und vom Igel erinnert

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Die Krisenbewältigung der Nationen erinnert an das Märchen „Der Hase und der Igel“: Deutschland war lange vorbildlich an der Spitze. Doch plötzlich hatten andere Nationen die Nase vorne, vermeintliche Verlierer wurden Gewinner beim Impfen. Die Krisenbewältigung zeigt psychologische Unterschiede zwischen Nationen und Kulturen. Diplompsychologe Jens Lönneker, Inhaber vom rheingold salon, beleuchtet die deutsche Herangehensweise.
In Deutschland wird mehrheitlich eine Messlatte angelegt, nach der das Land besser und überlegener sein muss als andere Nationen. Hat Deutschland jedoch im Nationenvergleich keinen Spitzenplatz, machen sich nicht nur bei Querdenkern Wut, Verzweiflung und Unsicherheit breit. Im Hintergrund lässt sich ein kollektiver Bewältigungsmechanismus ausmachen, der Sicherheit geben soll, aber in der Praxis die Corona-Bewältigung oft mehr behindert als fördert. Es ist ein arrogantes Perfektions-Narrativ, das sich im Land auch bei anderen Gelegenheiten schon seit Jahren erzählt wird - mit oft fatalen Folgen. Entweder sind die Deutschen bewunderte Weltmeister, vielleicht auch noch auf dem Weg dorthin, oder aber sie sind krachend scheiternde Trottel. Es gibt in diesem Narrativ kaum Zwischentöne, wie sich auch an der psychologischen Chronologie zur Corona-Krise zeigen lässt. Die Analogie zur Geschichte vom Hasen und dem Igel ist dabei nicht nur vordergründig spannend.

Überheblichkeit als Selbstschutz

Am Anfang der Pandemie wurde das Maskentragen in asiatischen Ländern zunächst belächelt und meist als unsinnig eingestuft, u.a. weil die Viren kleiner seien als die Lücken im Gewebe der Masken und sich so vermeintlich doch verbreiten könnten. Corona-Infektionen wurden zudem erst einmal von offiziellen Stellen als nicht sehr besorgniserregend oder zumindest nicht gefährlicher als Grippe-Infektionen eingestuft.

Im Nationenvergleich sahen sich die Deutschen auch besser aufgestellt: Die Italiener hatten angeblich weniger Intensivbetten, die Engländer waren aus deutscher Sicht fahrlässig, der damalige US-Präsident Trump agierte chaotisch… Die deutschen Reaktionen waren somit am Anfang stark davon geprägt, die Corona-Infektionen nicht allzu ernst zu nehmen und sich selbst stark zu reden: Überheblichkeit als psychologischer Selbstschutz.

Auch der Hase machte sich am Anfang der Geschichte über den Igel und dessen schiefe Beine lustig, nahm ihn und seine Fähigkeiten nicht ernst. Im Märchen heißt es: „Du bildest dir wohl ein“, sagte nun der Swinegel zum Hasen, „dass du mit deinen Beinen mehr ausrichten kannst?“ - „Das denke ich“, sagte der Hase.

Große Anfangserfolge durch Tugenden und Selbstdisziplin

Im weiteren Verlauf des Jahres 2020 wurden diese positiven Selbsteinschätzungen durch den Anstieg der Corona-Infektionen herausgefordert. Die Gefahr wurde sukzessive anerkannt und nun mit Hilfe klassischer deutscher Sekundärtugenden behandelt: Disziplin, Einschränkung, Gemeinwohlorientierung und Verzicht halfen die Ausbreitung des Virus erfolgreich einzudämmen. Im Märchen vom Hasen und Igel startet der Hase auch fulminant. Wortwörtlich heißt es über den Lauf des Hasen: „Und fort ging er wieder wie ein Sturmwind, dass ihm die Ohren um den Kopf flogen.“

Das deutsche Bewältigungsrezept stellte dabei eine Art psychologische Gleichung auf: Je mehr lustvolle Tätigkeiten die Einzelnen zugunsten der Sekundärtugenden opfern, umso mehr Erfolg, Anerkennung und Lob. Psychoanalytisch formuliert: Die ursprüngliche Lust am Feiern, am Essen gehen, am Miteinander wurde verschoben auf den Lustgewinn, eine deutsche Überlegenheit mit drei Vorteilen zu erreichen: Infektions-Sicherheit, externe Bewunderung sowie die Möglichkeit, auf andere herabzusehen oder sie zu kritisieren. Die Formel: Sicherheit und Lustgewinn durch Überlegenheit.

Der Autor
Jens Lönneker

Jens Lönneker ist Diplom-Psychologe und Geschäftsführer von rheingold salon. Er lebt in Köln und befasst sich national und international mit tiefenpsychologischen Analysen – von der Grundlagenforschung und Produktentwicklung bis hin zur Überprüfung von Werbemaßnahmen und strategischen Empfehlungen mit einem Fokus auf Food, Getränke und Medien. Lönneker ist zudem Präsident der Gesellschaft zur Erforschung des Markenwesens (GEM).
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Man war in Deutschland stolz auf die Erfolge und bereit, dafür noch mehr lustvolle Tätigkeiten zu opfern. Noch im Januar 2021 konnte rheingold salon für Deutschland den Befund formulieren: „Es gibt eine neue gesellschaftliche Lust an Härte und Selbstkasteiung. Aus der konsequenten Haltung im Umgang mit Corona wird im öffentlichen Meinungsbild ein Überbietungswettbewerb, bei dem zur eigenen Profilierung immer weitergehende, strengere Maßnahmen gefordert werden.“ Qualitative und quantitative Befunde zeigten seinerzeit, dass knapp 80 Prozent der Deutschen den Lockdown befürworteten, wobei ca. 30 Prozent die Maßnahmen am liebsten noch verschärfen wollten. International wurde das deutsche Krisenmanagement sehr gelobt und die Bundekanzlerin wurde nicht nur in den USA als Vorbild dargestellt.

Das deutsche Bewältigungsrezept fokussierte in der Konsequenz so stark auf Strenge und Selbstkasteiung, dass Alternativen nicht mehr ernsthaft diskutiert wurden. Der Strengste wurde zum König in der öffentlichen Meinungsbildung. So gilt der gerne mehr Härte einfordernde Herr Söder bei den Wählern als der attraktivste Kanzlerkandidat der Union, obwohl die Fakten Bayern bislang nicht unbedingt als Vorzeigestaat in Sachen Pandemiebewältigung ausweisen. Dagegen wird sein Konkurrent Armin Laschet bei seinen Versuchen, alternative Lösungswege in der Pandemiebewältigung zu suchen, als wankelmütig und nicht konsequent genug beschrieben und in den Umfragewerten abgestraft - obwohl die Lage in NRW den Vergleich mit Bayern nicht zu scheuen braucht.

Vom Vorbild zum Trottel: Frust und Wut

Im Februar und März 2021 gab es nun aber eine Phase, die überhaupt nicht zu dieser These und den Befunden vom Januar zu passen schien. Denn viele Deutsche plädierten offensichtlich für eine Lockerung der Corona-Maßnahmen und eine Rückkehr zum öffentlichen Leben. Eine YouGov-Untersuchung im Auftrag der dpa sprach Anfang März von einer Trendwende, nach der eine Mehrheit von 60 Prozent der Deutschen erstmals eine Lockerung des Lockdowns wünschte. In den Umfrage-Werten - etwa in den Infratest Dimap-Erhebungen von Mitte Februar bis Mitte März 2021 - manifestierte sich dies ebenfalls: Der Zustimmungs-Wert zu der Aussage, dass die Corona-Maßnahmen zu weit gehen, stieg von 15 auf 30 Prozent.

Was war passiert? In den qualitativen rheingold-salon-Befragungen im Februar äußerten die Gesprächspartner große Enttäuschungen darüber, dass andere Länder wie England, Israel und die USA beim Impfen deutlich schneller waren und die deutsche Selbstdisziplin „nichts gebracht“ habe. Viele der Befragten hatten angesichts der Erfolge anderer Nationen nun plötzlich den Eindruck, wie der Hase im Märchen als Depp dazustehen. Disziplin und Verzicht in Deutschland brachten demnach vor allem Nachteile aber keine Vorteile. Und wie im Märchen stand der Vorwurf im Raum, es wurde getrickst: „Das geht nicht mit rechten Dingen zu.“

Dass andere auf einmal schneller waren, zeigte, dass es bessere Wege zum Erfolg gab. Diese Wege beinhalteten - wie beim Igel - durchaus das Brechen von bestehenden Regeln, das Ausprobieren neuer anderer Methoden. Und es zeigte sich die Kehrseite des Überlegenheits-Traum: Geschichten von gestürzten Weltmeistern und Goliaths werden geliebt. Ein Weltmeister wird schnell zum Trottel, wenn er sich nur brav auf die Sekundärtugenden stützt und an die bestehenden Regeln hält.

Dennoch blieb die Summe der Menschen, die die Corona-Maßnahmen für angemessen halten oder sogar noch weitgehendere Einschränkungen fordern im Erhebungszeitraum von Januar bis März 2021 immer stabil bei circa 70 Prozent und höher. Denn die Strenge wurde ja nicht allein durch den Wunsch nach Überlegenheit gespeist sondern auch der Notwendigkeit von Sicherheit. Und die dritte Corona-Welle mit ihren steigenden Inzidenz-Zahlen rollte an. Aber wohin mit dem Wunsch nach Überlegenheit? Die Bürger nahmen nun die Überlegenheit für sich selbst in Anspruch. Sascha Lobo formulierte das so: „Ich mache und befolge jetzt meine eigenen Regeln.“

Eine Wendung gegen die Politik

Das Prinzip der Selbstkasteiung wurde somit in ein neues Narrativ transformiert: Die Bürger sind demnach in ihrer großen Mehrheit gar nicht so schlecht unterwegs. Verbockt hat es die Politik. Konsequenzen sind Frustration und Wut auf die politische Führung. Vor allem die CDU wird von den Wählern deutlich abgestraft. In der politischen Führung gewinnen diejenigen, die für Härte und Konsequenz plädieren und nicht die, die sich für Beweglichkeit und Ausprobieren einsetzen. Das sind zurzeit vor allem die Grünen und Markus Söder. Bei den grünen Wählern ist auch die höchste Akzeptanz für härtere Maßnahmen vorhanden. Psychologisch ist das nachvollziehbar, denn die Motive für die strenge, deutsche Überheblichkeit sind letztlich Unsicherheiten über das eigene Können.

In Anlehnung an das Märchen lässt sich formulieren, dass der deutsche Hase noch nicht aufgegeben hat und an sich an seinem Überlegenheitsprinzip festklammert: „So lief der Hase noch dreiundsiebzigmal.“ Folgt man der Geschichte, sind die Aussichten, auf diese Weise zu gewinnen, nicht rosig: „Der Swinegel hielt es immer mit ihm aus.“

Strenge als Behinderung – Vielfalt als Chance?

Im März entwickelte sich angesichts des Frusts gegenüber der politischen Führung eine kurze Phase, in der mit vielen unterschiedlichen Ansätze um die Frage gerungen wurde, wie man in Deutschland doch wieder einen besseren Umgang mit der Pandemie erreichen kann. Regionalisierung war dabei ein möglicher Weg: Regionale Unterschiede drängten auf politische Berücksichtigung, Landesfürsten versuchten Einfluss zu gewinnen und alternative lokale Modell-Lösungen mit Tagestestungen wurden entwickelt. Aber auch neue Kanzlerkandidaten wurden ins Spiel gebracht. Es schien, als ob ein bisschen mehr Lustorientierung, Beweglichkeit und Pfiffigkeit – wie sie der Igel mit seiner Frau ins Spiel bringt – in der deutschen Krisenbewältigung Einzug halten könnten.

Der Lockdown-Wiederholungszwang

Die Vielfalt macht Angst, verunsichert und wird als Chaos eingestuft. Der deutsche Hase gibt daher nicht auf und tritt zum Bundes-Lockdown an: Durch ihn wird das Geschehen wieder weitgehend zentralisiert und das Prinzip der Selbstkasteiung weiter angewendet. Damit sind auch die psychologischen Spielräume für alternative Erfolgsmodelle wieder verschlossen.

Strenge kann jedoch auch ein Indiz dafür sein, dass die angewandten Methoden nicht richtig greifen. Die Hoffnung ist dann, dass man die vertrauten Methoden und Muster nicht ändern, sondern nur strenger anwenden muss. Das kann das Lernen von erfolgreicheren Methoden aus anderen Nationen behindern: In Vielfalt und scheinbarem Chaos stecken eben unter Umständen auch Chancen: So wurden in England Pharma-Einkauf-Profis eingesetzt, die an den üblichen Ordnungen und staatlichen Organisationen vorbei die Impfstoffe besorgt haben. In den USA greift man dagegen bei nationalen Notlagen gerne auf militärische Kompetenz und „Think Big“-Ansätze zurück – im Zweifel wird eben viel mehr Impfstoff besorgt als vermeintlich benötigt. Mut zur Verschwendung statt Sparsamkeit als Sekundärtugend. Israel ist schon längst digital unterwegs, während in Deutschland noch über die Luca-App diskutiert wird.

Es braucht Alternativen zum Weltmeister-Trottel-Narrativ. Der Traum von der deutschen Überlegenheit wird sonst zur fatalen Behinderung. Er führt zu mehr oder weniger unterdrückter Wut oder großer Müdigkeit, wie Ines Imdahl in einem Beitrag herausarbeitet. Die Strenge hemmt und bindet kreative Energie und führt zum Festhalten an überkommenen Rezepten. Sie unterminiert massiv die Akzeptanz der Politik und ihrer Entscheidungen. Der Hase lief 73 mal – solange bis er starb. Ich finde, man sollte in Deutschland lieber früher damit aufhören, immer wieder dieselbe Lockdown-Methode anzuwenden, weniger an die permanente eigene Überlegenheit glauben und mehr Igelmethoden zulassen. Der Preis dafür ist zunächst ein geringeres Sicherheitsgefühl, als Lohn winken aber auf Dauer bessere Lösungen und tatsächliche Sicherheit. Dafür braucht es auch ein Ziel. Der amerikanische Präsident will den Unabhängigkeitstag am 4. Juli auch zum Tag der Befreiung der USA vom Corona-Virus machen. Der Igel wollte in seiner Wette Gold und Branntwein. Das sind attraktive Ziele. Permanente Überlegenheit ist vielleicht ein Traum, aber kein Ziel.
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