Tiefe Einschnitte

Kantar schließt Standorte in Bielefeld und Hamburg

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Für zahlreiche Mitarbeiter der Kantar GmbH in Deutschland wird in diesem Jahr eine Kündigung unter dem Weihnachtsbaum liegen. Zwei Standorte werden schließen. Die Abteilung Health wurde verkauft. Einer der größten deutschen Marktforscher wandelt sich fundamental.

Die Einschnitte sind gravierend. Bei der Kantar GmbH Deutschland wird nicht nur der Standort Bielefeld - wie im September bekannt wurde -, sondern auch der Standort Hamburg geschlossen. Spätestens Ende März gehen dort die Lichter aus. Außerdem trennt sich das Unternehmen von Mitarbeitern anderer Standorte, vor allem aus zentralen Bereichen.



Es trifft vor allem die Abteilung Insights. Für die Abteilung Health hat sich global eine Lösung ergeben, die gestern veröffentlicht wurde. Cerner, ein amerikanisches Unternehmen für Gesundheitstechnologie übernimmt Kantar Health mit 600 Mitarbeitern weltweit für 375 Millionen US-Dollar. Für die Politikforschung steht derzeit noch alles offen.

Damoklesschwert ist gefallen

Damit ist ein lange Zeit schwebendes Damoklesschwert gefallen. Zahlreiche Mitarbeiter, zum Teil langjährig beschäftigte kompetente Forscher, stehen im Laufe des kommenden Jahres dem Markt zur Verfügung.

Die Verhandlungen zwischen den Betriebsräten und der Geschäftsführung von Kantar Deutschland waren sicher nicht einfach, es musste eine Einigungsstelle eingeschaltet werden. Das ist ein betriebsverfassungsrechtliches Organ, das zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat schlichtet. In der Regel sitzt der Einigungsstelle ein Amtsrichter vor, der mithin das Zünglein an der Waage ist.


Doch nun ist man sich einig, alle Mitarbeiter sind seit heute über das weitere Vorgehen im Bilde, ebenso wie die ersten betroffenen Kunden über den Wegfall von Kapazitäten und Ansprechpartnern informiert wurden. Einige große Aufträge sind Kantar bereits im Laufe des Jahres weggebrochen, darunter der für die Durchführung des Sozioökonomischen Panels (SOEP), eine der größten und renommiertesten Längsschnitterhebungen der Sozial- und Wirtschaftswissenschaft in Deutschland. Der Auftrag für die kommenden fünf Jahre ging an das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft in Bonn.

Ist die Corona-Krise Schuld an dem Sparkurs?

In den USA war die geplante Einsparung von zehn Prozent der Arbeitsplätze mit dem Corona-bedingten Rückgang von Aufträgen begründet worden. Die Corona-Pandemie habe hierzulande zwar eine Delle hinterlassen, diese sei aber keineswegs über alle Geschäftsbereiche hinweg zu spüren, hört man aus dem Unternehmen. In Deutschland wird der Anlass für den Umbruch vor allem mit strukturellen Veränderungen des Marktes beschleunigt durch die Corona-Pandemie begründet.

Bain Capital als Haupteigentümer

Seit Sommer 2019 gehören 60 Prozent der Anteile an dem Marktforscher Kantar der Private Equity Firma Bain Capital, 40 Prozent verblieben beim vormaligen Besitzer, dem Werbeagentur-Riesen WPP. Vor dem Verkauf wurde die Marktforschungs-Tochter fein gemacht. Aus einem Konglomerat von Unternehmen wie Millward Brown, Added Value, TNS und anderen wurde überall auf der Welt "Kantar", auch wenn der Name in manchen Märkten, wie zum Beispiel in Deutschland, kaum bekannt war. Bereits der vorgezogene Abschied des weltweiten Kantar-CEO Eric Salama Anfang diesen Jahres ließ darauf schließen, dass die neuen Eigentümer mehr als nur die Anteile halten wollen. Auf dem Esomar-Kongress 2019 in Edinburgh sagt Sören Haefke von Bain Capital: „Es ist definitiv nötig, das sich die Branche neu erfindet.“ Es sei nicht länger sinnvoll, lediglich Daten zu sammeln, eine tiefere Analyse und Anreicherung der Daten tue Not. Allerdings sagt er damals noch, das Management von Kantar „can keep doing what they do“.

Nach der Transformation und Vereinheitlichung der Marken folgt nun die nächste verordnete Wandlung. Was entstehen wird, ist Vermutungen von Insidern zufolge ein Unternehmen, welches auf Automatisierung, Standardisierung und Plattform-Kultur und weniger auf Ad-Hoc-Forschung setzt. Diesen Weg sind bereits die Schwergewichte der Branche, Nielsen und die GfK, gegangen, ebenfalls (fehl)geleitet von Private-Equity-Eigentümern. Ob diese Art der Dienstleistung wirklich dem Bedürfnis der Unternehmen nach echten Insights nachkommen kann?

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