Themenspecial Innovation

Insights finden – ohne zu suchen

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Bereits die alten Mystiker hatten einen Zugang zur „Wolke des Nicht-Wissens“. Mit der kreativen Systemaufstellung bekommt die qualitative Marktforschung ein Tool an die Hand, um in die Tiefen des kollektiven Unbewussten einzutauchen und Neues entstehen zu lassen, glaubt Dr. Jürgen Rippel und appelliert an die Kraft der Intuition.

Pablo Picasso sagte einmal: „Suchen – das ist Ausgehen von alten Beständen und ein Finden-Wollen von bereits Bekanntem im Neuen. Finden – das ist das völlig Neue!“ Was heißt das für die Kreativität, für die Innovation und natürlich auch für die Marktforschung?



Es macht laut Picasso keinen Sinn, „das völlig Neue“ mit herkömmlichen Methoden wie Befragung oder Beobachtung suchen zu wollen. „Das völlig Neue“ will vielmehr gefunden werden. Für den Künstler sind „alle Wege […] offen und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer!“ Aber welcher Manager, Forscher und Berater wagt noch ein solches Abenteuer, den Schritt ins Unbekannte? Gibt es heute noch den Unternehmer, der die Witterung im Markt aufnimmt und den Mut beweist, gegen den Strom des Mainstreams Innovationsgeschichte zu schreiben? Ich denke da an Steve Jobs, der mit neuen Produkten den Markt für Smartphones und Tablet-PCs erfand. Wer noch?

Eines ist sicher, es wäre illusorisch zu glauben, dass wir allein durch Zahlen, Daten und Fakten die Zukunft voraussehen könnten. Künstliche Intelligenz basiert auf Bestehendem und kann damit logisch das Nächstmögliche entwickeln. Dieses „Digital-First-Denken“ leistet also nur eine Verbesserung des Bestehenden. So kann aber eine Innovation nur auf inkrementellem Niveau mit leichten Veränderungen des Bestehenden stattfinden. Picasso hatte aber vielmehr eine disruptive Innovation im Kopf. Er forderte: „Offensein für jede neue Erkenntnis im Außen und Innen: Das ist das Wesenhafte des modernen Menschen, der in aller Angst des Loslassens doch die Gnade des Gehaltenseins im Offenwerden neuer Möglichkeiten erfährt.“

Mit der Systemaufstellung neue Horizonte erschließen

In meiner Dissertation war ich auf der Suche nach dem „völlig Neuen“ und stieß auf die Methode der Systemaufstellung. Dort fand ich einen inspirierenden Zugang zum kollektiven Unbewussten, das in Organisationen ungeahnten Nährboden für Innovationen bieten kann. Dank der Methode der Systemaufstellung können wir unseren bisherigen rationalen Denkprozess durchbrechen und uns neue Erkenntnishorizonte erschließen. Das Besondere an diesem Ansatz liegt in der Abkehr der Idee, dass der Mensch alleine kreativ ist. Systemische Kreativität entsteht einfach gesagt durch den offenen Dialog mit dem System. Die Systemaufstellung ist dann nichts anderes als eine Kommunikationsform, die uns Menschen mit dem individuellen und kollektiven Unbewussten verbinden kann.


Bereits C.G. Jung erkannte in seiner Tiefenpsychologie die unsichtbare kreative Kraft des Menschen. Mit diesem Ansatz kommt ein neuer Inspirator ins kreative Spiel der Innovation. Die Aufstellungsarbeit wurde von Bert Hellinger vor allem zur Familientherapie entwickelt. Er war Theologe und Pädagoge und Autodidakt in Therapie und Psychologie. Seine Missionsarbeit als Priester in Afrika führte ihn zum gruppendynamischen Arbeiten. Er bemerkte seine Fähigkeit, in den „seelischen Erfahrungsraum“ von Personen eintreten zu können. Diese spirituelle Erfahrung war sein Schlüsselereignis und er entwickelte die klassische Familienaufstellung.

In einer Gruppe von Menschen wird von einer Person ein Thema eingebracht, etwa ein Konflikt zwischen Eltern und Kind. Die Person wählt aus der Gruppe Stellvertreter für ihre Familienmitglieder, die dann die Thematik im Raum aufstellen. Das heißt, sie stellen sich zueinander in der problematischen Situation und bewegen sich unter Anleitung, bis sich die Konstellation für sie gut anfühlt. Daraus können für die Person Lösungsvorschläge abgeleitet werden. Wie sich die gewählten Personen als Stellvertreter in die Situation einfühlen können, ist noch weitgehend unerforscht. Mittlerweile wird die Aufstellungsarbeit auch in Organisationen genutzt und es sind nicht nur zwischenmenschliche Probleme damit zu lösen, sondern auch abstrakte Fragestellungen wie die Suche nach dem Neuen.
Dr. Jürgen Rippel

ist Dozent für besondere Aufgaben an der Hochschule Ansbach. Als Betriebswirtschaftler unterrichtet er die Schwerpunkte Marketing,  Marktforschung, Intuition und Systemaufstellung.

juergen.rippel@hs-ansbach.de

Rippel
© Hochschule Ansbach

Was heißt das für das Innovationsmanagement und die Marktforschung? Nach meinem Empfinden eignet sich die Methode der Systemaufstellung für einen Dialog zwischen Mensch und System. Im Rahmen meiner Dozententätigkeit habe ich für meine Marketing-Studenten die damalige Situation im Handymarkt lernpädagogisch nachgestellt. Als Protagonisten waren drei Elemente vorgegeben: das Unternehmen Nokia, die Marktforschungsbranche und der Rebell Steve Jobs. Sie wurden doppelt verdeckt aufgestellt, das heißt, sie wussten weder, worum es geht noch welche Rollen sie einnehmen. Wie von einer unsichtbaren Hand geführt, fanden die Protagonisten ihren Platz im Raum. Die Stellvertreter von Nokia und von der Marktforschung stellten sich gleich zusammen und tauschten sich selbstzufrieden aus. Beide bemerkten nicht, dass sich ein weiteres Element an ihnen vorbeischlich, auf eine Bühne kletterte und die Worte hinausposaunte: „Ich bin der neue Star am Himmel!“ Obwohl keiner etwas wusste, entstand dieses wahrheitsgetreue Abbild der damaligen Situation am Markt.

Eine modernes Orakel

In dieser phänomenologischen Offenheit wird die Systemaufstellung zu einer modernen Form des Orakels. Mit der dann richtig gestellten Frage kann man die „zukünftige Möglichkeit“ – wie Scharmer es nennt – sichtbar machen. Ein Sportwagenhersteller wollte beispielsweise von uns wissen, ob der Markt neben dem bestehenden Premiumprodukt noch eine kleinere Variante aufnehmen kann, ohne dass beide sich gegenseitig kannibalisieren. Die Aufstellung zeigte das Potenzial des neuen Produktes. Es zeigte sich sogar, dass durch die mögliche Einführung eines „kleinen Bruders“ eine noch nicht angesprochene Zielgruppe hinzukommen kann. Unser orakelhafter Blick entsprach eins zu eins den internen Informationen des Unternehmens. In der Symbiose aus rationalen Daten und intuitivem Gespür erfolgte die erfolgreiche Einführung in den Markt.

Vielleicht ist es an der Zeit, eine neue Sicht auf das Zukünftige zu entwickeln. Ich glaube fest daran, dass wir die Innovation von morgen ganzheitlicher sehen sollten. Es geht um das Einbinden unbeachteter Zielgruppen, es geht um die Integration unterschiedlicher Menschengruppen, es geht um das Wertschätzen unserer Natur und vieles mehr. Durch meine Experimente mit der Systemaufstellung habe ich mich diesem innovativen Tool angenähert. Man kann den Dialog zwischen Mensch und System gestalten. Es kann sogar gut sein, dass man sich durch das System selbst führen lässt.

Um diese Methode richtig zu verstehen, empfiehlt es sich, sie einmal mitzumachen. Wenn wir mit der Methode der Systemaufstellung arbeiten, trainieren wir gleichzeitig unbewusst das Vertrauen in unsere Intuition und unsere Sinne. Dank ihr können wir die unsichtbare Hand des Marktes sichtbar machen und wir können hinter die Kulissen schauen. In dieser intuitiven Schau können wir möglicherweise etwas finden, wonach wir vorher nicht gesucht haben. Im Rahmen eines anderen Experimentes an der Hochschule Ansbach ging es um die Zukunft der Marktforschung. In dieser Aufstellung konnten wir das Bild zwischen quantitativer und qualitativer Marktforschung widerspiegeln. Neben der starken Dominanz der Künstlichen Intelligenz zeigte sich das Potenzial für ein Erstarken der Qualitativen Marktforschung. Wir sahen einen bunten Blumenstrauß aus unterschiedlichsten Tools, die die Innovation der Zukunft mit ungeahnten Insights beflügeln können. Eines dieser Tools war auch die kreative Systemaufstellung.

Erschienen in planung&analyse 3/2019

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