Themenspecial Innovation

Die Genialität im Absurden finden

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Innovationen sind aus keinem Wirtschaftszweig wegzudenken. Während manche dabei helfen, bereits vorhandene Konzepte oder Produkte zu verbessern und weiterzuentwickeln, schaffen andere ganz neue Märkte. Doch ganz gleich um welche Art der Innovation es sich handelt, neue Ideen sind unabdingbar für Wachstum, Modernisierung und Weiterentwicklung unserer Gesellschaft.

„Wenn eine Idee zuerst nicht absurd erscheint, dann taugt sie nichts“ – das sagte einst einer, der es wissen muss, nämlich Albert Einstein, dessen Theorien und Forschungen die Wissenschaft maßgeblich revolutionierten. Doch natürlich ist nicht jeder absurde Einfall gleichbedeutend mit einer revolutionären Innovation. Wie also lässt sich erkennen, ob eine Idee Potenzial hat oder doch nur ein utopischer Gedanke ist? Und wie kommt es überhaupt zu einer solchen Idee? Ist es der sprichwörtliche Gedankenblitz, der Kreative unerwartet zu einer genialen Idee inspiriert, oder kann auf Innovationen diszipliniert hingearbeitet werden?



Die schiere Anzahl an Startup-Schmieden, unternehmenseigenen Innovationslabors und Trendforschungsinstituten deutet darauf hin, dass man Innovationen in der Tat erarbeiten und erforschen kann. Auch wenn der ein oder andere Erfinder sicher schon einmal den oben beschriebenen Gedankenblitz-Moment erlebt hat, so reicht ein solcher alleine nicht aus, um ein Produkt oder eine Dienstleistung zu realisieren und zu vermarkten.

Der Meinung ist auch das Hamburger Trendforschungsunternehmen Trendone, das 2019 mit dem Titel „Innovator des Jahres“ ausgezeichnet wurde. Dessen Slogan lautet: „Für eine erfolgreiche Zukunft reicht es nicht mehr aus, einfach nur Schritt zu halten – Sie müssen die Richtung vorgeben.“ Mit diversen Tools und Teams, die sich unter anderem aus Trendscouts und Industry Insidern zusammensetzen, werden dort Trends in verschiedenen Bereichen identifiziert, anhand derer Unternehmen eigene Innovationen vorantreiben können. Durch genaues Beobachten von Märkten, Entwicklungen und Zielgruppen können Zukunftsprognosen gestellt werden, getreu dem Motto: Heute schon wissen, welche Innovationen morgen gefragt sind. So werden Unternehmen nicht bloß zum Mitläufer, sondern zum Vorreiter. Innovationen sind also mehr als zufällig generierte Geistesblitze. Man kann sie beobachten, analysieren und häufig eben sogar vorhersagen.

Vom absurden Gedanken zur genialen Innovation

Während Dienstleister wie Trendone sich der Analyse von Innovationen verschrieben haben, versuchen andere, diese aktiv zu kreieren. Immer mehr Unternehmen aus verschiedensten Branchen gründen eigene Innovationszellen oder finden sich zu solchen zusammen – so geschehen im Falle des Accelerators Seedhouse, der von 28 mittelständischen Unternehmen in Kooperation mit dem Land Niedersachsen ins Leben gerufen wurde. In dem Startup-Zentrum, dessen Fokus auf den Themen Agrar, Ernährungswirtschaft und Digitalisierung liegt, forscht beispielsweise das Unternehmen Tioli an einer App für Menschen mit Lebensmittelunverträglichkeiten. Ein Accelerator (zu Deutsch: Beschleuniger) hilft Startups durch Coaching und die Bereitstellung einer entsprechenden Infrastruktur bei der Umsetzung neuer Ideen. Eine solche Institution bietet den Nährboden für Innovationen und hilft, aus absurden Einfällen Geschäftsmodelle mit Hand und Fuß zu machen. Die Beliebtheit von Accelerators in der Startup-Szene beweist einmal mehr, dass richtig gute Innovationen in den seltensten Fällen vom Himmel fallen.


Auf Innovationen kann also in der Tat hingearbeitet werden. Und: Wer heute konkurrenzfähig bleiben will, muss innovativ sein. Das wissen die meisten Unternehmen, und zwar branchenübergreifend. So hat der Reinigungsgeräte-Hersteller Vileda ein eigenes E-Products Labor gegründet, in dem nach neuen Ideen für den Bereich E-Cleaning – darunter fallen beispielsweise Saugroboter – geforscht wird. Auch die Konsumgüter-Größe Beiersdorf investiert mit dem neuen Startup-Labor Oscar&Paul, das sich der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und Marken widmen soll, in Innovation. Dabei gibt es natürlich Faktoren, die die Ideenfindung begünstigen beziehungsweise erst so richtig in Gang bringen. Der Co-Founder der Kreativ- und Innovationsagentur Berliner Ideenlabor, Timon Schinke, sieht dafür drei Aspekte vonnöten: Die physische, die soziokulturelle und die organisationale Umwelt. Laut Schinke beschränkt sich das ideale Umfeld für innovatives Arbeiten nicht bloß auf eine angenehme Gestaltung der Arbeitsräume, sondern umfasst auch ein gutes Unternehmensklima sowie geordnete Arbeitsstrukturen.
„Wenn eine Idee zuerst nicht absurd erscheint, dann taugt sie nichts“
Albert Einstein
Soviel zur Frage, wie aus einem Einfall eine Innovation wird. Doch ab wann spricht man überhaupt von einer Innovation? Muss es immer etwas Bahnbrechendes, noch nie Dagewesenes sein? Nicht unbedingt. Da gibt es zum einen die inkrementelle Innovation, in deren Zuge Produkte und Prozesse konstant verbessert und weiterentwickelt werden. Auf der anderen Seite steht die disruptive Innovation, die, wie der Name bereits vermuten lässt, eine (Zer-)Störung eines vorangegangenen Produkts oder Prozesses beschreibt – die Innovation ist so revolutionär, dass sie ein althergebrachtes Produkt ablöst und dadurch einen neuen Markt kreiert. Geschehen ist dies beispielsweise mit dem Computer, dessen Technologie durch den PC und später durch das Smartphone komplett neu ausgelegt wurde, nämlich für den Individualverbraucher. Für Innovatoren heißt das: Man muss das Rad nicht unbedingt neu erfinden. Das Gabler Wirtschaftslexikon definiert Innovation nicht ohne Grund sowohl als Neuheit als auch als (Er-)Neuerung eines Objekts.

Am Anfang steht die Idee: Wie sich gute Einfälle generieren lassen

Das Umfeld stimmt, die Ressourcen und Infrastruktur ebenfalls – was jetzt noch fehlt, ist jene absurde Idee, die laut Einstein am Anfang eines jeden Innovationsprozesses steht. Wie man auf eine solche kommt? Der US-amerikanische Psychologe und Autor Adam Grant hat in seinem Bestseller Originals: How Non-Conformists Change the World diverse Ratschläge für Gründer, Erfinder und alle, die es werden wollen, zusammengestellt und auch für das Generieren guter Ideen zahlreiche Tipps parat. Einer davon lautet: „Je größer der Output, desto höher die Wahrscheinlichkeit, auf eine gute Idee zu stoßen.“ Wie bereits erwähnt, entsteht eine solche eher selten rein zufällig, sondern vielmehr dann, wenn man sich lange und ausgiebig mit einem Thema, einem Produkt oder einem Konzept beschäftigt. Thomas Edison beispielsweise meldete in seiner Laufbahn 1.093 Patente an, von denen nicht alle von gleichem Erfolg gekrönt waren. Während das Edison-Gewinde zu den größten Erfindungen der Menschheit zählt und noch heute in fast jedem Haushalt zum Einsatz kommt, kann die Erfindung von Möbeln aus Beton wohl kaum als genial bezeichnet werden.

Ein zweiter Rat, den Grant Innovatoren mit auf den Weg gibt: „Die vielversprechendsten Ideen beginnen mit Neuerungen und fügen dann Vertrautheit hinzu.“ Das Absurde mit dem Bekannten zu kombinieren, das heißt sich am Ideenpool anderer zu bedienen, ist also keinesfalls ein Zeichen von Einfallslosigkeit, sondern, sofern man Grant Glauben schenken mag, eine Erfolgsstrategie. Ein Beispiel aus den frühen 1990er Jahren unterstützt seine These jedenfalls: In den amerikanischen Disney Studios kommt einer Gruppe Drehbuchautoren die Idee, nach einer Reihe erfolgreicher Trickfilm-Adaptionen bekannter Märchen erstmals eigene Storys zu produzieren. Der Vorschlag: Ein Film namens König der Löwen, in dem es unter anderem um Thron-Streitigkeiten und Rivalitäten innerhalb einer Familie gehen soll.

Die Idee kommt beim damaligen CEO Michael Eisner zunächst nicht gut an. Sie wird lange aufs Abstellgleis geschoben und beinahe verworfen, bis einer Produzentin auffällt: Die vorgeschlagene Handlung ist praktisch eine Adaption von Shakespeares Hamlet. Anhand dieser Erkenntnis verbessert das Team das Drehbuch – unter anderem wird den Kreativen bewusst, dass es dem Film an einem entscheidenden „To be or not to be“-Moment mangelt – und bekommt bald grünes Licht von der Chefetage. Bis heute ist König der Löwen einer der erfolgreichsten Trickfilme aller Zeiten.

Pioniere, Siedler und die Angst vor externen Ideengebern

Die Verbesserung beziehungsweise Veränderung eines bereits existierenden Produkts oder Konzepts hat nicht nur den Vorteil, dass sie Bekanntes mit Unbekanntem kombiniert und so die Akzeptanz oftmals höher ist als bei einer komplett neuen Idee. Sie gibt Innovatoren zudem die Chance, aus den Fehlern anderer zu lernen. Gerade in der Startup-Szene herrscht häufig die Überzeugung: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Auch hier kontert Adam Grant und setzt diesem vermuteten First-Mover-Vorteil ein entscheidendes Argument entgegen. Er vergleicht diverse Unternehmen miteinander, von denen sich jeweils eins in die Kategorie des pioneers einordnen lässt – ein Unternehmen mit einer noch nie dagewesenen Idee –, das andere in die des settlers – ein Unternehmen, das eine bereits existierende Idee mit eigenen Innovationen vorantreibt. Dass es häufig sinnvoll sein kann, den Markt und bestehende Innovationen zu beobachten und dann erst in den Wettbewerb einzusteigen, zeigen unter anderem die Erfolgsgeschichten von Nintendo und Netflix, beides Unternehmen aus der Kategorie der settlers. Oder haben Sie schon einmal von der Spielekonsole Magnavox Odyssey oder dem Online-Video-Verleih Kozmo gehört? Letztere waren beide First Mover in ihrer jeweiligen Branche. Selbst Edison, der lange Zeit als alleiniger Erfinder der Glühbirne galt, hat diese nur optimiert und wird mit folgenden Worten zitiert: „Ich bin ein guter Schwamm, ich sauge Ideen auf und mache sie nutzbar. Die meisten meiner Ideen gehörten ursprünglich Leuten, die sich nicht die Mühe gemacht haben, sie weiterzuentwickeln.“
„Ich bin ein guter Schwamm, ich sauge Ideen auf und mache sie nutzbar. Die meisten meiner Ideen gehörten ursprünglich Leuten, die sich nicht die Mühe gemacht haben, sie weiterzuentwickeln“
Thomas Edison
Um guten Ideen also nicht von vornherein den Garaus zu machen, sollte man sich von dem Gedanken lösen, sofort mit einem neuen, womöglich noch unfertigen Produkt vorpreschen zu wollen. Ebenso hinderlich kann es sein, fremde beziehungsweise bereits existierende Ideen zu ignorieren, weil sie nicht aus dem eigenen Unternehmen kommen – und damit möglicherweise Einfälle mit viel Innovationspotenzial links liegen zu lassen. Dafür gibt es sogar einen Namen: Das „Not-Invented-Here-Syndrom“. Während die interne Ideenfindung zwar durchaus wichtig ist, so kann es für ein Unternehmen ökonomisch schädigend sein, aus Gründen der Eitelkeit auf externen Input zu verzichten. Ein Gegenentwurf zum oben beschriebenen Syndrom ist die Open Innovation, bei der Personen und Institutionen von außerhalb in den Innovationsprozess eingebunden werden. Ein prominentes Unternehmen, das sich Open Innovation auf die Fahne geschrieben hat, ist beispielsweise Procter & Gamble, wo die Hälfte aller Innovationen von externen Ideengebern kommen soll.

Die Erfolgsgeschichten von anfänglich absurden Einfällen und die Energie und Ressourcen, die zahlreiche Unternehmen in die Entwicklung neuer Ideen stecken, zeigt: Innovation ist ein Prozess, bei dem systematisches Vorgehen oberstes Gebot ist. Zu Beginn müssen Ideen generiert und jene herausgefiltert werden, die Potenzial haben. Eine Innovation muss außerdem unterstützt, vorangetrieben und gefördert werden, um ihr volles Potenzial zu entfalten. Für gesellschaftliche und wirtschaftliche Akteure bedeutet das, dass eine gewisse Risikofreude und Offenheit gegenüber Neuem vorhanden sein muss, um die Genialität im Absurden zu erkennen und dem Fortschritt die Tür zu öffnen.

Erschienen in planung&analyse 3/2019

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