Themenspecial Generation Z

Zwischen 68er und Null Bock

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Die GIM Gesellschaftsstudie „Wie tickt Deutschland?“ will den Werten und Beweggründen der Bevölkerung auf die Spur kommen. Für planung&analyse haben Dr. Jörg Munkes und Nele Klauß sich die Generation Z und deren Einstellung zu Politk genauer angeschaut.

Die Bilder gehen um die Welt: protestierende Schüler, die freitags auf die Straße gehen. Sie demonstrieren gegen den Klimawandel, mit selbst gebastelten Plakaten und jeder Menge Wut im Bauch. An der Spitze der globalen Friday-for-Future-Bewegung steht die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg. Sie ist zur Ikone des Proteststurms geworden. Ein fast schüchtern wirkendes Kind bietet den Mächtigen der Welt die Stirn. Sie tut dies stellvertretend für eine Generation, die seit einiger Zeit nicht allein politische Entscheidungsträger umtreibt, sondern auch Marketingverantwortliche herausfordert. Die Rede ist natürlich von der sogenannten Generation Z, also den heute 16- bis 24-Jährigen.



Die Friday-for-Future-Bewegung macht auf eine Facette der GenZ aufmerksam, zu der es bisher kein klares Bild gibt, die aber das Konsumverhalten der jungen Menschen beeinflussen dürfte: die politischen Einstellungen der 16- bis 24-Jährigen beziehungsweise deren politisches Engagement.

Wie tickt Deutschland? – So tickt die GenZ

Der GenZ nachgespürt haben wir mit der GIM Gesellschaftsstudie Wie tickt Deutschland? Die Erhebung läuft nicht in zeitlich begrenzten Wellen, sondern kontinuierlich über ein eigens entwickeltes Online-Befragungstool. Seit Ende 2018 führen wir die Studie durch und sie erfasst zum einen psychografische Maße wie persönliche Werteorientierungen oder Persönlichkeitsdimensionen, die sogenannten Big Five, zum anderen Einstellungen zu Politik, Medien, Konsum und Digitalisierung von allen Deutschen. Die Befragten können dabei entweder alle Themenmodule beantworten oder bestimmte aussuchen. Motiviert werden zur Teilnahme und zu ehrlichen Antworten sollen die Befragten durch einen sozialen Vergleich: Die eigenen Ergebnisse können live mit den Ergebnissen anderer Teilnehmer verglichen werden. Online-Durchführung und Selbstrekrutierung der Teilnehmer erfordern es, die Resultate zu gewichten, um näherungsweise bevölkerungsrepräsentative Aussagen zu erreichen. Mitte Februar 2019 hatte die Untersuchung knapp 5.000 Menschen erreicht, knapp 3.000 haben die Fragen zu politischen Einstellungen beantwortet, ein gutes Fünftel davon aus der Generation Z.

Das Friday-for-Future-Phänomen lässt sich dabei ex ante in zwei Richtungen interpretieren: Es drückt entweder politischen Gestaltungswillen der Generation Z aus oder eben Protest gegen das etablierte politische System.


Die Generation Z ist jedoch keine politisierte Generation, wie etwa die legendäre, ideologisch aufgeladene 68er-Bewegung. Sie ist aber andererseits auch keine gänzlich unpolitische oder gar Null-Bock-Generation. Das deutet nicht nur das Friday-for-Future-Phänomen eindrücklich an, sondern bildet sich auch in unserer Studie ab. So geben immerhin 39 Prozent der 16- bis 24-Jährigen an, sich sehr für Politik zu interessieren. Der Vergleich mit den Vorgängergenerationen relativiert diesen Wert jedoch wieder etwas. So stimmen dem Item in der Generation Y (25 bis 39 Jahre) bereits 45 Prozent zu und mit zunehmendem Alter steigt dieser Wert von 55 Prozent in der Generation X (40 bis 54 Jahre) auf 66 Prozent in der Generation Boomer (55 Jahre und älter). GenZ und Politik: Das bleibt zunächst also ein etwas diffuses Pärchen.
Die Autoren
Nele Klauß
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Nele Klauß
hat als Research Managerin bei der GIM Gesellschaft für Innovative Marktforschung in Heidelberg ihren Schwerpunkt auf Ad-hoc-Forschungsprojekten im quantitativen Bereich. Aktuell fokussiert sie sich dabei auf Studien im Bereich Gesellschaft, Mobilität und Food.

Dr. Jörg Munkes
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Dr. Jörg Munkes
leitet als Corporate Director bei der GIM Gesellschaft für Innovative Marktforschung den quantitativen Forschungsbereich. Seine thematischen Schwerpunkte liegen auf psychografischer Zielgruppenforschung, Werteforschung sowie Markenforschung. Er ist seit 2003 bei der GIM beschäftigt.

Viel Entfremdung, wenig Vertrauen

Ein mögliches Erklärungsmuster hierfür ist der eher schwierige Zugang der 16- bis 24-Jährigen zur Politik. Der beruht jedoch nicht zwangsläufig auf eigenen negativen Erfahrungen, sondern scheint vielmehr von den älteren Generationen „geerbt“ zu sein: Stichwort Politikverdrossenheit. Für die jungen Menschen geht es deshalb verbreitet erst einmal darum, die teilweise massiven Vorbehalte zu überwinden, die Ältere gegenüber „der Politik“ hegen – und die natürlich prägend wirken können. Tatsächlich ist die Entfremdung von der Politik massiv, das Vertrauen sehr gering. Knapp die Hälfte (49 Prozent) der GenZ ist der Meinung, hiesige Politiker seien „nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht“. Die Älteren sind noch skeptischer: von den Boomern, der Generation der 55+, denken das 69 Prozent, die GenX (40 bis 54 Jahre) liegt mit 67 Prozent nur knapp darunter. 

Große Offenheit gegenüber Europa und Ausländern

Das generelle politische Interesse der GenZ scheint verhalten, die Skepsis gegenüber den politischen Köpfen groß – doch zu spezifischen Themen haben die jungen Menschen eine klare, gestalterische Haltung. Stärker als die anderen Generationen fühlen sie sich als Europäer (70 Prozent Zustimmung, GenY: 62 Prozent, GenX und Boomer: 63 Prozent). Entsprechend denken auch nur 12 Prozent der GenZ, Deutschland solle wie Großbritannien aus der EU austreten. Deutlich EU-skeptischer sind Boomer und GenX: etwa jeder Vierte wäre hier sogar für einen deutschen Exit (GenY: 17 Prozent). Die GenZ ist zudem auch toleranter gegenüber Ausländern. So stimmen 44 Prozent der Aussage zu: „Ausländer und Flüchtlinge sind eine Bereicherung für Deutschland.“ 23 Prozent lehnen diese Aussage ab. Niedriger ist die Zustimmung in der GenY (36 Prozent) und der GenX und den Baby-Boomern (jeweils 28 Prozent).

Soziale Kälte treibt auch GenZ um

Ein weiteres Thema, das die Generation Z beschäftigt, ist die viel diskutierte soziale Kälte in Deutschland. 60 Prozent der 16- bis 24-Jährigen empfinden diese vermeintlich zunehmende Tendenz als bedrohlich. Entsprechend fühlen die jungen Menschen auch immer mehr soziale Ungerechtigkeit in Deutschland. Der Aussage stimmen 62 Prozent der GenZ zu. Ältere Generationen sehen das zwar deutlich negativer (zum Beispiel 81 Prozent der Boomer), doch sind die relativ hohen Werte innerhalb der GenZ bemerkenswert. Sie indizieren, dass der Zustand unserer Gesellschaft die jungen Menschen in einer noch frühen Lebensphase durchaus interessiert und dass sie sich Gedanken über die Zukunft machen. Der Einstieg in die politische Willensbildung könnte in dieser Generation also stärker über Themen geschehen als über die Begeisterung für Politiker.

Die politische Farbe der GenZ ist Grün

In unserer Studie haben wir auch nach der Sympathie für einzelne politische Parteien gefragt. Für die GenZ ergeben sich dabei gleichermaßen spannende wie klare Ergebnisse. So scheinen die Grünen den Nerv – oder besser gesagt das Herz – der Generation Z sehr gut zu treffen: 52 Prozent finden die Grünen „sympathisch“, das ist der mit Abstand höchste Wert von allen Zielgruppen und allen Parteien (zum Vergleich: X, Y, Boomer: 39 Prozent, 32 Prozent, 30 Prozent Sympathien für Grüne). Bedenkt man, dass sich die GenZ bei den aktuellen Protesten mit dem Klimawandel ein ökologisches Thema gesucht hat und die Grünen am stärksten aller Parteien für Ökologie stehen, schließt sich hier der Kreis. Soziale Gerechtigkeit ist zwar ein GenZ-Thema, allerdings scheinen die Linken hier keinen Zielgruppenbonus zu erhalten (26 Prozent Sympathien). Vor dem Hintergrund der pro-europäischen und weltoffenen Einstellung der GenZ überrascht nicht, dass die AfD hier auf eher geringe Gegenliebe stößt (9 Prozent).

Überraschender Werte-Shift in Richtung hedonistisch-sozial

Parteipräferenzen spiegeln häufig die eigene Wertorientierung wider. Auf einer Wertelandkarte würde man deshalb die GenZ aufgrund ihrer Affinität zu den Grünen zunächst als postmaterialistisch-sozial verorten. Der Blick auf ihre tatsächliche Wertorientierung überrascht deshalb: Besonders wichtig sind neben sozialen Werten auch hedonistische – materialistische Werte sind ihnen sogar wichtiger als allen anderen Generationen. Interessant ist dieses gemeinsame Auftreten materialistischer und sozialer Werte deshalb, da die GenZ Erfolg anscheinend im Miteinander und nicht im Gegeneinander anstrebt. Ihr Werteprofil unterscheidet sich sehr klar von den Generationen X und Boomer, die deutlich postmaterialistischer und traditioneller sind. Die Profile von GenZ und Y laufen weitgehend parallel – wobei die GenZ eine extreme Nachfolgerin von Y zu sein scheint.

Friday for Future als politische Einstiegsdroge

Auf Basis unserer Studie lässt sich die Friday-for-Future-Bewegung zusammengefasst weder eindeutig als Protest gegen das politische Establishment noch als reiner Ausdruck politischen Gestaltungswillens interpretieren. Klar scheint aber: Die Generation Z hat verstanden, dass eine intakte Natur mindestens die Grundlage für zukünftigen gemeinsamen Wohlstand ist – und vielleicht darüber hinaus gar für die eigene Existenz. Die GenZ scheint daneben ein gutes Gespür für vermeintlich ungerechte gesellschaftliche Verhältnisse und Entwicklungen zu besitzen. Gleichzeitig herrscht eine veritable Skepsis gegenüber den politischen Verantwortungsträgern. Aus dieser Gemengelage heraus könnte die Generation Z Energien für ein tiefer gehendes politisches Engagement entwickeln. Der Friday for Future als politische Einstiegsdroge der Generation Z? Es wäre spannend zu erfahren, wie Greta Thunberg darüber denkt.

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