Survey Farms

Chinesische Betrugsmasche in der Marktforschung

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Durch die Teilnahme an Umfragen reich werden – das verspricht eine chinesische Website, auf der Nutzer lernen können, wie man Online-Fragebögen systematisch und mit mehreren Accounts gleichzeitig abarbeiten kann. Ofir Pasternak, CEO der amerikanischen Tech-Firma persona.ly, und sein Team haben diese Betrugsmasche aufgedeckt und appellieren nun an die gesamte Marktforschungsbranche, Vorsicht walten zu lassen.

Mit neuen technischen Möglichkeiten kommen neue Gefahren – das bekommt auch die Marktforschungsbranche scheinbar immer häufiger zu spüren. Wie planung&analyse kürzlich berichtete, gibt es beispielsweise Plattformen, die ahnungslose Nutzer vermeintlich als Mystery Shopper anheuern, in Wirklichkeit aber sensible Bankdaten abgreifen. Der CEO und Gründer der amerikanischen Tech-Firma persona.ly, Ofir Pasternak, und sein Team sind nun auf eine neue Betrugsmasche gestoßen: Auf einer chinesischen Website können Nutzer lernen, wie sie mittels mehrerer Accounts an Umfragen teilnehmen und so in kurzer Zeit viel Geld verdienen können. Die Fragebögen werden dabei nach einem bestimmten Schema abgearbeitet, sodass die Antworten für die Marktforschung bedeutungslos werden. Deutsche Marktforschungsunternehmen sind von der Betrugswebsite nicht betroffen. Pasternak appelliert dennoch an die gesamte Branche, Vorkehrungen zu treffen, um solche und ähnliche Betrugsmaschen künftig besser zu erkennen und bekämpfen zu können.

Die Spur führt nach China

Für die Teilnahme an einer Umfrage entlohnt werden – das ist bei den meisten Panelanbietern gang und gäbe. Manchen Menschen scheint diese Aufwandsentschädigung allerdings nicht genug zu sein: Sie wollen mit der Teilnahme an Umfragen reich werden und greifen dafür auf Betrugsmaschen zurück. Eine davon wurde jetzt von Pasternak und seinem Team aufgedeckt. Sein Unternehmen persona.ly ist vor allem für Mobile-Marketing-Dienstleistungen bekannt, bietet aber auch Stichprobenerhebungen für Marktforschungsunternehmen an.

Stutzig wurde das Unternehmen erstmals, als sein Überwachungssystem anschlug und eine ungewöhnlich hohe Zahl an abgeschlossenen Umfragen in Australien registrierte. Der Wert war innerhalb weniger Tage um 200 Prozent angestiegen und der gesamte Traffic, so schreibt Pasternak in einem Blogbeitrag des Marktforschungsberaters Greenbook, stammte aus einer einzigen Quelle, und zwar von der Website SandyBucks. Diese vermittelt Umfragen an Nutzer und machte laut Pasternak zunächst einen völlig legalen Eindruck. Eine Überprüfung der Domäne ergab jedoch: SandyBucks ist lediglich eine Tarnung. In Wirklichkeit stammt der generierte Traffic von der chinesischen Seite mxpartime.

Mit Online-Kursen zur eigenen Survey Farm

Diese Seite nahm man sich bei persona.ly daraufhin genauer unter die Lupe. Als sich Pasternak und Co. in die Recherche stürzten wurde ihnen schnell klar: Hier geht es um einen Betrugsfall, der nicht nur das eigene Unternehmen betrifft, sondern die Datenqualität und den Ruf der ganzen Marktforschungsbranche gefährdet. Denn auf mxpartime können sich Nutzer für Kurse anmelden, in denen ihnen beigebracht wird, wie sie mit diversen Accounts und einem bestimmten, lernbaren Schema eine Umfrage mehrmals durchführen und so viel Geld verdienen können.

In einem der angebotenen Kurse geht es beispielsweise darum, wie man Multiple-Choice Fragebögen und offene Antworten mittels des Betrugs-Schemas beantworten kann. Dieses Schema kann laut Pasternak auch unabhängig von der Sprache, in der der Fragebogen erscheint, angewandt werden – die Teilnehmer wissen also häufig nicht einmal, was sie antworten. Auf der Betrüger-Website heißt es, man könne dank der dort erlernten Tricks je nach Kurs bis zu 1.245 US-Dollar pro Woche verdienen.

Pasternak spricht in diesem Zusammenhang von einer neuen Art der Click Farms, den sogenannten Survey Farms. In Click Farms werden Menschen dafür bezahlt, auf Werbeanzeigen und Like-Buttons von Unternehmen zu klicken, wodurch sich letztere hohe Zugriffszahlen und gute Bewertungen erkaufen können. Im Falle des Betrugs, der auf der Seite mxpartime stattfindet, können Nutzer ihre eigenen Survey Farms gründen. Statt Klicks und Likes werden dort Umfragen kultiviert.

Was die Branche aus dem Fall lernen sollte

Der Drahtzieher hinter der Website, dessen Identität das Team von persona.ly nicht herausfinden konnte, verdient zum einen an den von ihm angebotenen Betrugs-Workshops, zum anderen an jedem ausgefüllten Fragebogen. Die schockierenste Erkenntnis, so schreibt Pasternak, sei jedoch, dass es Umfrageanbieter gibt, die mit dem Betrüger kooperieren. So schreibt der Drahtzieher auf seiner Website, er habe im letzten Jahr mit zwei internationalen Marktforschungsunternehmen kooperiert, die ihn beziehungsweise die Accounts, die er managt, wöchentlich bezahlen.

Persona.ly selbst hat Konsequenzen aus dem Fall gezogen und seinem Überwachungssystem neue Tools zur Betrugserkennung hinzugefügt. Auch die Algorithmen wurden überarbeitet, sodass betrügerische Quellen in Zukunft besser erkannt und blockiert werden können. Trotzdem, so schreibt Pasternak am Ende seines Blogbeitrags, sei das Problem nicht aus der Welt geschafft. Er hofft darauf, dass die Marktforschungsbranche wachsam bleibt, um solche und ähnliche Betrugsmaschen künftig zu verhindern – schließlich gehe es um die Sicherung einer hohen Datenqualität und somit um nichts Geringeres als den Kern der Marktforschung.

Hier geht es zum Blog-Beitrag von Ofir Pasternak>>

 

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