Studien zu Falschmeldungen

Verschwörungstheorien stoßen auch hierzulande auf Zuspruch

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Die Demonstrationen gegen Corona-Auflagen, die in den vergangenen Wochen Schlagzeilen gemacht haben und gerade für reichlich Diskussionen sorgen, werfen die Frage auf: Haben wir ein Verschwörungstheoretiker-Problem? Mehrere aktuelle Studien zeigen: Verschwörungstheorien zum Corona-Virus finden tatsächlich großen Zuspruch – auch in Deutschland.
Eine erste Studie wurde im Juli diesen Jahres vom Marktforschungsinstitut Kantar im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit durchgeführt, einer Stiftung, die nach eigener Aussage auf Grundlage der Idee des Liberalismus Angebote zur politischen Bildung anbietet. 7.300 Menschen wurden hier in Online-Panels über ihre Mediennutzung sowie Fake News während der Corona-Pandemie befragt. Die Befragten kamen aus Deutschland, den USA, Indien, Mexiko, Jordanien, Südafrika und den Philippinen.


Deutlich wird in dieser Studie zunächst einmal eine Diskrepanz. So gaben 94 Prozent der Befragten an, „sehr gut“ oder „eher gut informiert“ über die Pandemie informiert zu sein. Am häufigsten informieren sie sich im Fernsehen (77 Prozent), in den sozialen Medien (68 Prozent), Zeitungen oder Zeitschriften im Internet (55 Prozent) und sonstigen Quellen im Internet (46 Prozent). 54 Prozent der weltweit Befragten sagen jedoch, sie empfinden es als schwierig, zwischen Nachrichten und bewussten Falschmeldungen zu unterscheiden, und 74 Prozent sind nach eigener Aussage über die Zunahme von letzteren beunruhigt. Die in Deutschland Befragten sind mit 51 Prozent am wenigsten beunruhigt.

Theorien: Von Laborzüchtungen bis Bill Gates

Trotz des von den allermeisten Befragten als gut eingeschätzten eigenen Informationsstands glauben viele dennoch an Verschwörungstheorien. Eine davon: Medien verschweigen auf Druck der Regierung in den jeweiligen Ländern Tatsachen über das Corona-Virus. Dem stimmen in Deutschland 34 Prozent der Befragten zu. 70 Prozent der befragten Deutschen denken jedoch auch, dass bewusste Falschmeldungen zu Corona die Kompetenz von Politikern und Ärzten untergraben.

Des weiteren glaubt ein Viertel von ihnen, das Corona-Virus sei in einem chinesischen Labor gezüchtet worden. Ein Name, der im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien immer häufiger auftaucht, ist der von Microsoft-Gründer Bill Gates, den viele der Verschwörungstheoretiker für die Wurzel allen Übels halten: Die Hälfte aller weltweit Befragten ist der Meinung, er fordere eine Zwangsimpfung aller Menschen und 39 Prozent denken, er habe in ihrem Land mehr Macht als die Regierung. In Deutschland liegt der Anteil derer, die diesen Aussagen zustimmen, bei jeweils einem Viertel. Weitere 31 Prozent der Befragten aus aller Welt befürchten sogar, Gates wolle den Menschen zur Bekämpfung des Virus Mikrochips einpflanzen und 20 Prozent denken, er habe die Weltgesundheitsorganisation gekauft. In Deutschland liegt dieser Anteil bei jeweils 16 beziehungsweise 12 Prozent. Dass der Ausbau des 5G-Netzes und die Corona-Pandemie zusammenhängen, glauben insgesamt 21 Prozent der befragten Deutschen zwischen 18 und 34 Jahren.


Prof. Karl-Heinz Paqué, Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, kommentiert die Ergebnisse in einer Pressemitteilung folgendermaßen: „Die Umfrage dokumentiert eine substantielle Vertrauenskrise der Medien.“ Die Demokratie könne sich eine solche Glaubwürdigkeitskrise der Medien nicht leisten, so der Experte weiter.

Bildung und Politik spielen eine Rolle

Dass der Glaube an Verschwörungstheorien mit Bildungsstand und – zumindest in Amerika – politischer Gesinnung zusammenhängt, suggeriert eine Studie des U.S.-amerikanischen Pew Research Centers. Dieses befragte im Juni diesen Jahres über 9.600 Amerikaner in einem Online-Panel und fand dabei heraus, dass 71 Prozent von ihnen online schon einmal auf eine Verschwörungstheorie gestoßen sind, in der behauptet wurde, Menschen in Machtpositionen haben den Ausbruch des Corona-Virus geplant. Ein Viertel aller Befragten ist der Meinung, an dieser Aussage ist etwas Wahres dran.

Auffallend ist hier, dass der Faktor Bildung eine wichtige Rolle spielt: Während die Hälfte der befragten Amerikaner mit Highschool-Abschluss oder einer niedrigeren Bildung sagen, die oben erwähnte Theorie ist wahrscheinlich oder definitiv wahr, sagen das nur 24 Prozent der Befragten mit Bachelorabschluss und 15 Prozent derer mit einem noch höheren Abschluss. Auch bei der Parteizugehörigkeit zeigen sich Unterschiede: So glauben 34 Prozent der befragten Republikaner und 18 Prozent der befragten Demokraten an die oben genannte Theorie.

Ein dritter Faktor, der beeinflusst, ob Menschen an Corona-Verschwörungstheorien glauben oder nicht, ist laut einer Studie der Universität Heidelberg, in der im Juni und Juli diesen Jahres über 1.300 Teilnehmer online befragt wurden, die Akzeptanz und Befolgung von Anti-Corona-Maßnahmen. „Je stärker die Verschwörungsmentalität der Befragten“, so die Forscher, „desto weniger zufrieden waren sie mit dem Krisenmanagement der Bunderegierung, desto seltener waren sie bereit, die Corona-App zu installieren oder sich impfen zu lassen und desto höher schätzten sie den wirtschaftlichen Schaden im Verhältnis zum gesundheitlichen Nutzen ein.“
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