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Studie zum Umgang mit Corona

Wie das Virus die globale Kultur infiziert

Mit dem Kulturwandel durch das Corona-Virus beschäftigt sich Dirk Ziems vom Institut concept m. Er hat in China, Italien, Deutschland und den USA Interviews mit den Menschen geführt und erstaunliche Gemeinsamkeiten gefunden.
von planung&analyse Mittwoch, 18. März 2020
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Schleichende Bedrohungsgefühle, Hamsterkäufe, Schockstarre – die psychologischen Effekte der weltweiten Corona-Virus-Pandemie reißen die globale Konsumkultur in eine Krise. Welche Konsequenzen damit genau verbunden sind, hat eine globale psychologische Studie, die Anfang März in China, Italien, Deutschland und den USA durchgeführt wurde, gezeigt. Vier übergreifende Befunde und fünf Phasen der Bewältigung lassen sich aus den Tiefeninterviews ableiten.

Befund 1: Global weitgehend gleiches Verarbeitungsgeschehen

Die betrachteten Länder sind zwar in ihrer Kultur sehr unterschiedlich, dennoch ist die Reaktion der Menschen auf die Bedrohung ähnlich: zunächst Herunterspielen der Gefahren und dann – wenn es sich nicht mehr leugnen lässt – werden rigide Maßnahmen getroffen. Weitere Phänomene seien das Ringen der staatlichen Stellen um die amtliche Informationshoheit gegen Gerüchten.

Befund 2: Die Pandemie löst ein fundamentales Trauma aus

Das Grundvertrauen, dass die wissenschaftliche Medizin epidemiologisches Geschehen im Griff hat, ist dahin. Das macht den Menschen massiv Angst. Das Misstrauen erfasst auch die Medien und im Dickicht von Fakten und Spekulationen gedeiht weitere Verunsicherung. Es gibt scheinbar kaum ein anderes Gesprächsthema. Schließlich hält eine paranoide Befindlichkeit auch im unmittelbaren Alltag der Menschen Einzug. Die Bekannten, die man zum Essen trifft, könnten das Virus aus dem Urlaub eingeschleppt haben. Die kollektive Traumatisierung lautet: Nichts, was bisher gewiss war und immer für Stabilität gesorgt hat, hat jetzt noch Bestand.

Befund 3: Die Traumatisierung und Bearbeitung findet in fünf Phasen statt

Die psychologische Infizierung der Kultur mit dem Corona-Virus ist wie ein Erkrankungsgeschehen zu verstehen, das in fünf Phasen abläuft:

  1. Inkubation
  2. Panik und Agieren
  3. Isolation und Depression
  4. Neubesinnung
  5. Erholung und Normalisierung

Dabei befinden sich die untersuchten Länder an verschiedenen Stellen in diesem Trauma-Prozesses. China steuert bereits auf eine Normalisierung zu. Italien befindet sich in der Phase 4, Isolation und Depression. Deutschland steuert von der Phase (2) Panik und Agieren auf die Phase (3) Isolation zu. Die USA bewegen sich in extrem schnellen Tempo von der Phase (1) Inkubation in die Phase (2) Panik und Agieren sowie in Teilen des Landes bereits in Phase (3) Isolation.

Corona-Dossier: Aus mehr als 100 Medienangeboten der dfv Mediengruppe
Es gibt kaum eine Branche, die nicht von den Folgen der neuen Virusinfektion betroffen ist. Genau hier setzt unser neues Informationsangebot an: Aus mehr als 100 Medienangeboten, die in der dfv Mediengruppe erscheinen, bündeln wir die wichtigsten Beiträge zum Thema. In der zweiten Ausgabe finden Sie unter anderem Berichte über die Entwicklung der Modeindustrie in Italien, ein Interview über Arbeitsrecht in Zeiten des Virus und Berichte aus der Gastronomie. Dazu einen Einblick in den Lebensmittelhandel - der unter Hochdruck arbeitet und derzeit fast als einziger nicht leidet, sondern von der Krise sogar profitiert.
Das Corona Dossier, Ausgabe 2 gibt es hier zum Download.

Jede der Phasen ist mit bestimmten psychodynamischen Konfliktfeldern und Spannungen verbunden, die sich in der Studie in unterschiedlichen landesspezifischen kulturellen Ausprägungen zeigen.

Befund 4: Die konkreten Auswirkungen auf den Konsum

Das Konsumklima ist durch die Corona-Krise nachhaltig beeinflusst. Während sich in Phase 1, der Inkubation, noch keine nachhaltige Kaufzurückhaltung zeigt – Konsum kann hier ablenken, beruhigen – zeigen sich in der Phase 2 (Panik und Agieren) Hamsterkäufe. Nudeln, Reis und Konserven, Seife und Klopapier werden gebunkert. Dagegen geht die Nachfrage nach größere Anschaffungen wie Automobile, Möbel oder teure Computer oder TV-Geräte zurück. In Phase 3, der Isolation, mangelt es an Einkaufsmöglichkeiten und es wird nur noch der absolute 4 wird Neues ausprobiert, beispielsweise neue Kochrezepte und Kochstile. In China steht E-Learning in dieser Phase hoch im Kurs und es werden viele Bücher gelesen. In Phase 5, Wiederherstellung und Normalisierung, ist langsam eine Rückkehr zu den normalen Konsumgewohnheiten zu erwarten. Es besteht die Chance Konsum neu zu entdecken und Marken können sich durch Selbstinszenierungen wieder ins Spiel bringen.
Die 5 Phasen der Bewältigung
Phase 1: Inkubation – zwischen Erregung und Bagatellisierung
Im Erleben der Menschen hat die Corona-Krise als weit entferntes Medienthema angefangen. Befragt nach Schlüsselbildern berichten chinesische Interviewpartner über die Momentaufnahmen der Flüchtenden aus Wuhan, die die Bahnhöfe okkupieren. Interviewpartner aus den drei westlichen Ländern schildern uns von schwer einzuordnenden Bildern von chinesischen Krankenpflegern in Ganzkörperschutzanzügen, die an Astronauten in einem Raumschiff erinnern. Die Bilder zeigen, dass da etwas Gefährliches außer Kontrolle geraten ist, dessen Tragweite man gleichzeitig aber nicht verstehen kann. Auch die Tonspur zu den Medienbildern, die Rede von gefährlichen Viren, Analogie zu früheren SARS-Epidemie-Ausbrüchen bleiben abstrakt. 
In der folgenden psychologischen Inkubationszeit schwanken die Menschen zwischen Erregung, die immer auch wieder in das Muster einer typisch aufgebauschten Medienhysterie fällt, und Bagatellisierung, die den Eindruck von Gefahr abwehrt und herunterspielt. In den Gesprächen stoßen diese Standpunkte aufeinander. „Da braut sich etwas zusammen, es wird alles viel zu leicht genommen“ vs. „alles aufgebauscht und heillos übertrieben“. Die Unfassbarkeit des Virus, seine Eigenheit, infektiös zu sein ohne sichtbare Krankheitszeichen, seine schleichende Verbreitung, führen zur Ausbildung einer gespaltenen, fundamental verunsicherten Wahrnehmung: die Gefahr ist weit weg und gleichzeitig schon mitten unter uns. Man beruhigt sich mit dem Gedanken, der Virus ist nur eine besondere Art der Grippe, und gleichzeitig ahnt man, vielleicht hat das eine ganz neue Dimension. Der schwelende Zustand der Inkubation nimmt immer mehr Raum ein in den Medien, in den Gesprächen untereinander, in den Social Media, in den eigenem Gedanken. 

Phase 2: Panik und Agieren
Die schwelende Unruhe geht in Anflüge von Panik über, wenn erste Fälle das direkte lokale Umfeld erreichen. In China stiegen Anfang bis Mitte Februar die Fallzahlen in allen Provinzen, in Italien tauchten die ersten Cluster Ende Februar auf. Nachdem in Deutschland die ersten Einzelfälle glimpflich verliefen, kam der Ausbruch im Rheinland verbunden mit der Phantasie, dass die Betroffenen die Viren im Karnevalstrubel unkontrollierbar verbreitet haben. In den USA gilt ab dem 12. März ein Einreiseverbot für alle europäischen Bürger außer UK. 

Der Umgang mit der latenten Panik unterscheidet sich auf individueller und gesellschaftlicher Ebene. Manche Menschen agieren ihre Panik sehr stark aus, bisweilen bis zu einer Paranoia. Sie entwickeln Putz-, Desinfektions- und Waschzwänge, die den erlebten Kontrollverlust neu unter Kontrolle zu bringen versucht. Sie sehen in jedem Kontakt mit anderen Menschen eine potenzielle Lebensgefahr und ziehen sich zurück. Sie versuchen ihre Angst mit Hamsterkäufen und vorbeugendem „Prepper“-Verhalten zu bannen. Interessant ist, was in den einzelnen Ländern gehamstert wird. In China sind es Atemmasken, weil man sich in den verdichteten Megastädten schützen will. In Deutschland sind es Toilettenpapier und Desinfektionsmittel, dem ordnungsliebenden Charakter der Deutschen folgend. In Italien werden bevorzugt Lebensmittel gebunkert und in USA denkt man an Benzinvorräte und Waffen, die man für den Ernstfall parat haben sollte. Eine naheliegende Bearbeitungsform ist es auch, die Panik vor Krankheit und Tod auf die Panik vor wirtschaftlichem Ruin zu verschieben. Hiobsbotschaften über die generelle wirtschaftliche Rezession, Nachrichten vom Ausfall ganzer Wirtschaftszweige (Lieferkettenprobleme in Deutschland, Ausfall des Tourismus in Italien) und Kurzschlussreaktionen an den Börsen sind die Zeichen, an denen sich die Panik festmachen lässt. 
Schließlich kann die manifestierende Verdrängung und Verleugnung eine Reaktion auf die latente Panik sein. Den Ernst der Lage in stiller Duldsamkeit aussitzen und der Dinge harren, die da kommen, entspricht einem tief verankerten chinesischem Mentalitätsmuster. Fakten durch alternative Thesen zu relativieren und die Konfrontation mit der Realität zu umgehen, entspricht dem derzeitigen Diskursmuster der politisch tief gespaltenen amerikanischen Kultur, die noch nicht einmal dem WHO-Testverfahren für den Corona-Virus folgt, nun aber mit dem Finger auf Europa zeigt und die Einreisen begrenzt. 

Phase 3: Isolation und Depression
Das letzte Mittel gegen die komplett unkontrollierte Ausbreitung des Virus ist die soziale Distanzierung. Es gelingt, die Infektion zumindest zu verlangsamen, wenn Einzelne bzw. Familien konsequent zu Hause bleiben und sich gewissermaßen selbst in Schutzhaft nehmen. Seit Anfang März sind die Italiener landesweit dazu aufgefordert, das Haus möglichst nicht mehr zu verlassen. In China wird die Isolation durch den Staat gezielt mit digitaler Überwachungstechnologie organisiert, etwa mit Chip-Karten, die für den Zugang zu und Ausgang aus Apartment-Blocks erforderlich sind. 

In den Interviews zeigen sich gemischte Reaktionen auf die staatlich angeordnete Isolation. Die häusliche Isolation wird als Übergang in den manifesten Krisen- und Kriegszustand erlebt. Man geht gewissermaßen in den Bunker und wartet ab, bis der Sturm bzw. Angriff vorbei ist. Mit dem Rückzug ergreift man endlich konsequente Maßnahmen und kommt aus dem Panik-Modus heraus. Zugleich berichten die chinesischen und italienischen Testpersonen, dass die soziale Isolation stark belastend ist. Denn China und Italien sind sehr auf die erweiterte Familie und die soziale Gruppe ausgerichtete Kulturen. Den Rückhalt durch die Familie zu verlieren und auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, erzeugt bzw. steigert Gefühle der Hilflosigkeit und Depression. Das wird dadurch verstärkt, dass die Gesamtlage unbestimmt und die Zukunftsaussichten unsicher sind. Ob man jemals zurück zum normalen Leben finden wird, erscheint ungewiss. Von der Welt draußen hört man, dass Messehallen zu Lazaretten umfunktioniert werden (so in Mailand) oder dass normalerweise verstopfte Ausfallstraßen menschenleer bleiben (so in Peking). 

Phase 4: Neubesinnung
Zugleich bietet die unfreiwillige Auszeit vom bisherigen sozialen Alltagsbetrieb neue Freiräume und Spielräume. Die Interviewpartner berichten davon, wie wohltuend die Ruhe und Entschleunigung in den eigenen vier Wänden ist. Familien rücken enger zusammen und stellen fest, dass man das erste Mal seit Jahren wieder „tiefe Gespräche“ führt. Aus China wird berichtet, dass man in der erzwungenen Home-Office-Situation erstmals eine neue Selbstständigkeit gegenüber seinem Arbeitgeber einübt. Während man bislang im Großraumoffice daran gewöhnt ist, dass der Chef alle halbe Stunde über die Schulter guckt, übernimmt man jetzt die Verantwortung für den eigenen Arbeitsfortschritt.
In lahm gelegten Kleinunternehmen, die von der einsetzenden Corona-Rezession betroffen sind, nutzt man die Zwangspause für liegengebliebene Inventuren oder das Überdenken der eigenen Geschäftsstrategie. 


Phase 5: Erholung und Normalisierung
Bisher ist nur in China die Phase der Wiederherstellung erreicht. Nach dem Rückgang der Fallzahlen und der gelungenen Eindämmung der Pandemie kehren die Menschen auf die Straßen zurück und nehmen am Alltagsaustausch wieder teil. Die Menschen treffen sich wieder zum Schwätzchen auf dem Hinterhof, halten dabei jetzt aber einen Sicherheitsabstand und tragen weiterhin Atemschutzmasken. 

Die Wiederherstellung des normalen Betriebs geht nicht reibungslos vonstatten. Geschäftsverbindungen sind unterbrochen, im Lehrstoff der Schule klaffen Lücken, die Versorgung mit Gütern ist noch nicht auf dem alten Stand. 
Dennoch herrscht in China aktuell Erleichterung. Das Schlimmste scheint überwunden zu sein. Der Rückweg zur Normalität ist frei. 

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