Stresskompetenz

Personalmangel belastet den Verkauf

   Artikel anhören
© IMAGO / Geisser
Verkaufsmitarbeiter fühlen sich aktuell besonders belastet, doch Gesundheitsförderung ist ein Stiefkind der Personalchefs. Dabei kann ein gut gemachtes Präventionsprogramm als Pluspunkt auch bei der Rekrutierung helfen.


Fast 70 Prozent der Mitarbeiter im Verkauf wünschen sich Gesundheitsangebote von ihrem Arbeitgeber. Aber nur 18 Prozent können darauf zurückgreifen. Dabei empfinden gerade die Marktmitarbeiter ihre Arbeitssituation als ziemlich belastend. Mehr als jede fünfte Fachkraft im Verkauf beschreibt ihren Gesundheitszustand aktuell als "weniger gut" oder sogar "schlecht" und über 40 Prozent empfinden die Arbeitssituation als belastend. Nur der Pflegebereich kommt auf schlechtere Werte.

Das sind Ergebnisse der Umfrage des Marktforschungsinstitutes Respondi im Auftrag des Jobportals Meine Stadt.de. Der Einzelhandel ist nach dem Pflege-Sektor die ungesündeste Branche, lautet das Fazit der repräsentativen Studie, für die im Juli 3 000 nicht-akademische Fachkräfte aus diversen Branchen befragt wurden. 46,6 Prozent der Verkäuferinnen und Verkäufer geben an, dass die gesundheitliche Belastung durch die Pandemie "ziemlich" oder "sehr" gestiegen ist.

Außerdem setzt der Fachkräftemangel eine Problemspirale in Gang mit (noch) mehr Überstunden, einem weiter steigenden Druck auf die Beschäftigten, was sich negativ auf die Attraktivität des Berufes niederschlägt. Bei mehr als der Hälfte der Verkäufer (56,4 Prozent) sind Mehrarbeit und Überstunden die Regel – mit negativen Folgen für Arbeitsverdichtung und Termindruck. Knapp 40 Prozent der Befragten geben an, Überstunden einzulegen, weil Personal fehlt. Die meisten bekommen dafür zwar einen Ausgleich, doch insbesondere kurzfristig angeordnete Arbeitseinsätze werden als Einschränkung der Zeitsouveränität empfunden. Dabei ist gerade diese für 27 Prozent der Befragten ein wichtiges Anliegen. Nur acht Prozent machen die Erfahrung, dass sie ihre eigenen Arbeitszeiten flexibel einteilen können.

Noch wichtiger ist für über 50 Prozent das selbstständige Arbeiten und dass nicht jede Entscheidung von oben abgesegnet (30 Prozent) werden muss. Aber auch hier klafft eine deutliche Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Dass alle Beschäftigten in unsicheren Zeiten Ängsten und mentalem Stress ausgesetzt sind, zeigt die jüngste Auswertung der DAK. Danach erreichte der Arbeitsausfall wegen psychischer Erkrankungen 2021 einen neuen Höchststand: Er liegt 41 Prozent über dem Stand von 2011, meldet die Krankenkasse nach Auswertung von 2,4 Mio. Beschäftigtendaten. Viel davon gehe auf das Konto der Pandemie. Deutlich über dem Durchschnitt von 276 Tagen liegen die Verkaufsberufe beim Ausfall aufgrund psychischer Erkrankungen mit 319 Tagen je 100 Versicherten. "Arbeitgeber müssen Stress und mögliche Belastungen mehr in den Fokus rücken", glaubt Andreas Storm, Vorstandschef der DAK.

Als wirklich gut bewerten nur knapp acht Prozent der Befragten die aktuellen Gesundheitsangebote im Handel. Doch es gibt Anzeichen, dass die Unternehmen dem Wohlbefinden und der Gesundheit ihrer Mitarbeiter einen größeren Stellenwert einräumen, auch um Ausfallzeiten zu reduzieren. Trainings für Ergonomie, den Rücken und die Stressreduktion gehören wie Ernährungsberatung und vergünstigte Tarife für Fitnesszentren zum Standardangebot zumindest in großen Unternehmen. So finden Mitarbeiter von Lidl und Aldi bei der psychologischen Online- oder Telefonberatung ein offenes Ohr.

Bei Lidl übernehmen Beauftragte für Mitarbeiter & Soziales in jeder der 39 deutschen Regionalgesellschaften sowie der Fachbereich betriebliches Gesundheitsmanagement in der Zentrale die Aufgabe der Organisation und Koordination des Angebotes. "Sie motivieren die Mitarbeiter zu einem ausgewogenen Lebensstil, informieren über präventive Maßnahmen und organisieren Gesundheitstage", so der Discounter. "Wir befinden uns derzeit in Überlegungen, wie ein strukturelles Gesundheitsmanagement aussehen könnte", heißt es bei Aldi Nord. Ziel sei es, das betriebliche Gesundheitsmanagement "ganzheitlicher und nachhaltiger" zu betrachten. Aldi Süd verweist auf die Gesundheitsplattform fit@aldi, über die Mitarbeiter Artikel und Videos zu Bewegung und Ernährung abrufen können. Amazon beschäftigt in seinen 20 deutschen Logistikzentren rund 400 Arbeitssicherheits- und Gesundheitsexperten, die eng mit Betriebsräten und -ärzten zusammenarbeiten, so ein Pressesprecher. Arbeitsplatzanalysen, Ergonomieschulungen und Trainings zur Arbeitstechnik bilden dabei einen Schwerpunkt.

Dieser Text erschien zuerst auf www.lebensmittelzeitung.net.
Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen und akzeptiere diese.
stats