Startups in der Marktforschung

Alles Geschmackssache

Probieren in angenehmer Atmosphäre: Regionale und Bio-Produkte spielen in der Tastery eine große Rolle
© Fabian Steppan
Probieren in angenehmer Atmosphäre: Regionale und Bio-Produkte spielen in der Tastery eine große Rolle
In der Wiener Tastery können Lebensmittelhersteller ihre Produkte bewerten lassen – so wird Marktforschung auch für kleine Unternehmen erschwinglich

Wer im Supermarkt neuen Produkten eine Chance geben will, muss meist die Katze im Sack kaufen. Weil fast alles fest verpackt und eingeschweißt ist, kommt Probieren vor Ort nicht infrage – ist man sich unsicher, lässt man also lieber die Finger von den Novitäten. Ganz anders läuft es in der Tastery, einem Verkostungslokal, das im vergangenen Jahr in Wien eröffnet hat. Hier stehen auf einer Fläche von 120 Quadratmetern ständig bis zu 44 verschiedene Produkte zum kostenlosen Testen bereit, die Palette reicht von Marmeladen und Chutneys über Süßigkeiten und Gewürze bis hin zu Spirituosen und Teigwaren. Die meisten Waren stammen von Startups, regionalen Produzenten oder Kleinunternehmen. Aktuell sind unter anderem Apfel-Chips mit Edelbitterschokolade, Shiitake-Pilze in Balsamicoreduktion und Bio-Kaffeemilch im Angebot.



Komplett gratis ist der Probier-Service allerdings nicht: Die Besucher bezahlen mit ihrer Bewertung der Artikel, indem sie einen am Produktstand angebrachten Button betätigen – grün bedeutet Zustimmung, rot Ablehnung. Flüssige oder kühlungsbedürftige Produkte werden im angeschlossenen Café verkostet, wofür eigens eine Bewertungsapp entwickelt wurde. Bei Gefallen können die Besucher alle Produkte im Laden kaufen. In der Tastery wird also Tag für Tag über die Qualität von Produkten abgestimmt – was für die Hersteller natürlich immens interessant ist, die für relativ kleines Geld mitmischen können. „Wir machen Marktforschung auch für kleinere und mittlere Unternehmen erschwinglich“, erklärt Andreas Höllmüller, Gründer und Geschäftsführer des Startups Tastery.

Das Geschäftsmodell: Hersteller können ihre Produkte kostenpflichtig für drei bis vier Monate im Lokal testen lassen. Im Anschluss erhalten sie eine umfangreiche Auswertung mit der Zahl der Sichtkontakte, dem prozentualen Anteil der eigenen Verkostungen zu den Gesamtverkostungen, dem Verkaufserfolg, Benchmarks zu Vergleichsprodukten und natürlich dem Produktfeedback. Dieses besteht nicht nur aus Plus/Minus-Bewertungen, sondern auch inhaltlichen Aussagen zu den Produkten. Das Tastery-Team befragt dazu die Besucher zu den Produkten, die sie probiert haben. Im Standard-Paket für 499 Euro kommen in der Regel 600 bis 1000 Bewertungen zusammen. Wer sich für das Premium-Paket (699 Euro) entscheidet, erhält ausführlichere Insights: Das Feedback wird dann über Tablet eingegeben, dabei sind fünf inhaltliche Fragen und zwei Fragen zum demografischen Hintergrund der Testpersonen möglich. Im Premium-Paket kann man mit 400 bis 700 Datensätzen rechnen. Verrechnet werden die Kosten für die Marktforschungspakete mit den Umsätzen, die die Unternehmen über den Verkauf ihrer Waren in der Tastery erzielen. „Es hat auch schon Hersteller gegeben, die über den Verkaufserlös eine Rückerstattung von uns bekommen haben“, berichtet Höllmüller. „Sie haben dann die Marktforschung über die Produktlieferung finanziert.“


Bisher haben rund 350 Hersteller ihre Produkte testen lassen. Der Kundenkreis geht mittlerweile über die kleinen Unternehmen hinaus, so Höllmüller: „Große Markenartikler nutzen Tastery, um ihre eigene Marktforschung durch zusätzliche Erkenntnisse zu ergänzen.“ Dazu gehören unter anderem der Käseproduzent Alma und die Kaffeemilch-Marke Maresi.

In dem Wiener Lokal erreichen sie eine attraktive Zielgruppe, zu der vor allem Frauen von 20 bis 40 Jahren gehören, experimentierfreudige Kundinnen, die sich Qualität auch etwas kosten lassen. Pro Tag zählt die Laufkundschaft im Schnitt 60 Personen, hinzu kommen größere Gruppen, wenn das fünfköpfige Tastery-Team im Rahmen bestimmter Projekte zu Sonderverkostungen einlädt.

Inhaber Höllmüller, der Medienmanagement mit dem Schwerpunkt auf Strategie und Marketing studiert hat, eröffnete die Tastery 2017. Nun peilt der 29-Jährige die nächste Stufe an: ein Franchise-System. Bislang hat er ausschließlich eigenes Kapital ins Unternehmen gesteckt, aber jetzt sind auch externe Investoren willkommen.

Erschienen in planung&analyse 2/2019

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