Startups für die Marktforschung

Die Trendspürmaschine

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Heute schon wissen, welche Produkte morgen gefragt sind – was wie eine Zukunftsutopie der Marktforschungsbranche klingt, ist beim Frankfurter Startup Swarm Market Research AI längst Realität. Mithilfe der Künstlichen Intelligenz Pythia analysiert das Team um Peter Hart (CEO), Raphael Kneer (Co-CEO) und Patrick Helmig (CTO) Trendbegriffe aus diversen Branchen, um vorherzusagen, welche Produkte in naher Zukunft gefragt sein werden. Was zunächst als interne Software zur Optimierung eigener Produkte gedacht war, beeinflusst mittlerweile Produktauswahl und Innovationsprozesse großer deutscher Unternehmen.
Als Hart im September 2018 mit seinem Startup Swarm an den Start ging, war der Unternehmer bereits bewandert, was Gründung und Führung eines Startups angeht. Schon 2015 präsentierte er sich mit seiner Kosmetikmarke Dr. Severin den Investoren in der TV-Show „Höhle der Löwen“. Die Geschichten von Dr. Severin und Swarm sind eng miteinander verwoben, denn was als interne Software zur Optimierung der eigenen Kosmetikprodukte gedacht war, sollte drei Jahre später Grundpfeiler des neuen Startup werden: eine KI namens Pythia.


Nach dem Fernsehauftritt mit Dr. Severin war dem Gründer klar: Sich auf der gestiegenen Popularität der Marke auszuruhen, ist keine Option, und so schaute man sich Begriffe an, nach denen Konsumenten online suchen – um frühzeitig erkennen zu können, welche Trends sich dort abzeichneten. Die Drogeriekette Rossmann wurde auf die Trendspürmaschine aufmerksam und ist nun mit 25,1 Prozent beteiligt. Heute analysiert Swarm Trends für Auftraggeber von der Musik- bis zur Finanzbranche, hauptsächlich aber für Handelsmarken.

„Wir finden neue Trends in verschiedenen Branchen, indem wir Daten auswerten, die die Nutzer im Internet erstellen“ – so beschreibt Hart die Kernaufgabe seines Startups beziehungsweise die von Pythia. Der Name der KI ist angelehnt an die höchste Priesterin im Orakel von Delphi, die dem Volk ihre Prophezeiungen verkündete. Und genau das macht auch die KI. Sie fragt: Wie früh und wie sicher lässt sich sagen, dass ein populärer Suchbegriff zu einem Trend wird? Muster im Online-Suchverhalten von Nutzern zu erkennen, die auf Google oder Amazon getätigt werden und mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem Trend führen, ist der Job von Pythia. Die KI hat dabei nur einen einzigen Zweck: „Sie lernt, Prognosen zu erstellen“, erklärt Hart, zum Beispiel eine Prognose für die nächsten 18 Monate. Trends bekommen dabei eine Note zwischen -10 und +10 zugeordnet, die die Trendstärke angeben – bekommt ein Begriff eine 0, steht dies für gleichbleibendes Interesse auf Seiten der Verbraucher. Anschließend werden die Begriffe mit den besten Noten herausgefiltert und eine monatlich aktualisierte Liste für die ausgewählte Branche erzeugt – und dann beginnt die Arbeit der Marktforscher. Doch braucht es diese überhaupt noch? Definitiv, versichert Hart. Für den CEO ist Pythia eine weitere Marktforschungsmethode – eine, die althergebrachte Methoden ergänzt, oder wie es der Gründer formuliert: „Wir sind nur der Stein, der alles andere ins Rollen bringt.“ Pythia zeigt lediglich auf, wie groß das Interesse an einem Produkt aktuell ist und wie groß es in Zukunft sein wird. Dann liegt es an den Unternehmen zu entscheiden, ob das Interesse groß genug ist. Nach dem Erstellen der Trendlisten setzt beim Auftraggeber nämlich der gleiche Prozess ein, der in einem Unternehmen beispielsweise nach einer Kundenbefragung durchgeführt wird: Die Marktforschungsabteilung evaluiert die Idee und entscheidet, ob ein Trendprodukt zu Unternehmensimage, Kunden und Vertriebswegen passt. Klassische Methoden dauern jedoch oft zu lange, wenn es darum geht, Trends vor der Konkurrenz aufzuspüren und diese zu vermarkten, solange sie noch gefragt sind. Gleiches gilt für klassische Trendscouting-Methoden wie das Besuchen von Messen.


„Qualitativ gibt es viele Methoden, die tiefer gehen und das Ganze mehr ausmalen, aber früher als unsere Methode geht’s nicht“, fasst Hart die Vorzüge seiner KI zusammen. Dass das Konzept aufgeht, lässt sich am Beispiel Rossmann veranschaulichen. Hier prognostizierte Pythia eine steigende Popularität von Cannabidiol-Öl, woraufhin das Produkt ins Sortiment aufgenommen und zu einem der am schnellsten verkauften Produkte wurde. Und Pythia bietet noch einen weiteren Vorteil: Sie agiert objektiv, im Gegensatz zum traditionellen Trendscouting. Redaktionelle Reports beispielsweise sind oftmals subjektiv, und so kann es passieren, dass vermeintliche Hype-Produkte ausgemacht werden, die in Wirklichkeit nur in einem kleinen Personenkreis beliebt sind.

Erschienen in planung&analyse 1/2020
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