Sinus-Jugendstudie 2020: Wie ticken Jugendliche?

Warum der Jugend nicht nach Feiern zumute ist

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Der Hedonismus, der einst die Mentalität vieler Jugendlicher prägte, war gestern – heute zeigen sich junge Menschen in Deutschland deutlich ernsthafter und besorgter. Das ist eine der Grundkenntnisse aus der aktuellen Sinus-Jugendstudie, die am vergangenen Donnerstag in einer Online-Pressekonferenz von der Bundeszentrale für politische Bildung und dem SINUS-Institut vorgestellt wurde.
In der Jugendstudie werden alle vier Jahre Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren – also Angehörige der Generation Z – zu bestimmten Themen befragt, darunter in diesem Jahr Schule, Berufswahl, Gesundheit, Sport und Politik sowie die Corona-Krise. Zur Sprache kamen insgesamt 72 junge Menschen in Face-to-Face Interviews. Diese steuerten außerdem Skizzen, Fotos und Collagen bei, die den Forschern dabei halfen, die Lebenswelten der Befragten zu verstehen und einzuordnen. Zu den Auftraggebern der aktuellen Studie gehören die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), die Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz, die BARMER, der Bund der Deutschen Katholischen Jugend, der Deutsche Fußball-Bund, die Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, die Deutschen Sportjugend und die DFL Stiftung.
Methode
In der aktuellen Jugendstudie wurden 72 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren in Face-to-Face Interviews befragt. Sie ist somit nur im psychologischen, nicht im statistischen, Sinne repräsentativ. Daran anschließend wurde mit 50 der 72 Jugendlichen ein leitfadengestütztes narratives Telefoninterview geführt. Außerdem fanden sechs qualitative Peer-to-Peer-Interviews statt.

Zukunftswunsch: Otto-Normalverbraucher

Der Zukunftsoptimismus der 14- bis 17-Jährigen hierzulande ist gedämpft, und selbst wenn man die Corona-Krise nicht mit in Betracht ziehen würde, so zeigt sich eine zunehmende Ernsthaftigkeit und Besorgnis. Auf den ersten Blick ein recht düsteres Fazit, dass die Herausgeber der Studie hier ziehen. Doch das ist natürlich nicht alles. So fanden die Forscher beispielsweise auch heraus, dass im Allgemeinen keine generelle, allumfassende Unzufriedenheit unter den Jugendlichen herrscht. Die Unzufriedenheit beschränkt sich eher auf ausgewählte Themenbereiche.
Zwischen den verschiedenen Lebenswelten gibt es auch Überschneidungen. Dazu zählen die Wertschätzung sozialer Geborgenheit und sozialer Werte sowie von Leistung und Selbstbestimmung.
© bpb / Sinus-Institut
Zwischen den verschiedenen Lebenswelten gibt es auch Überschneidungen. Dazu zählen die Wertschätzung sozialer Geborgenheit und sozialer Werte sowie von Leistung und Selbstbestimmung.
Generell sollte zunächst einmal folgendes klargestellt werden: „Wir können nicht von der Jugend als homogene, monolithische Gruppe sprechen,“ so Marc Calmbach, Director Research & Consulting beim SINUS-Institut, in der Pressekonferenz. Trotzdem lassen sich an vielen Stellen Gemeinsamkeiten finden. So kristallisiert sich in der Studie eine universelle Wertegruppen heraus, in der Werte wie Familie, Treue, Leistung und Selbstbestimmung an erster Stelle stehen. Andererseits gibt es aber auch Lebenswelt-spezifische Werte, in denen, je nach Gruppe, Werten wie Besitz und Status, Diversity oder Performing die höchste Bedeutung zukommt.

Das trägt zum (Un-)Wohlsein der Jugend bei

Die Definition der Lebenswelten beruht auf dem SINUS-Lebensweltmodell U18, das Jugendliche in Gruppen wie die Konservativ-Bürgerlichen, Adaptiv-Pragmatischen oder Expeditiven einordnet. Natürlich haben Mitglieder dieser einzelnen Lebenswelten unterschiedliche Meinungen und Wünsche; jedoch stellen die Forscher fest, dass eine bürgerliche Normalbiografie – mit dem starken Wunsch nach Haus und Kindern – größter Zukunftswunsch der meisten befragten Jugendlichen ist. Auch bei der Berufswahl zeigen sie sich bodenständig. Wichtig ist den Jugendlichen hierbei vor allem der Spaß an einer Tätigkeit, ein gutes Verhältnis zu Kollegen sowie eine gute Vereinbarkeit mit dem Privatleben. Das Einkommen ist zwar nicht irrelevant, aber auch nicht alles entscheidend.
Zu den universellen Werten gehören beispielsweise Familie, Treue, Leistung und Selbstbestimmung.
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Zu den universellen Werten gehören beispielsweise Familie, Treue, Leistung und Selbstbestimmung.
Was die Freizeitgestaltung angeht, so nimmt Sport im Leben der Jugendlichen eine Schlüsselrolle ein. Motivationsfaktoren, um Sport zu treiben, sind, etwas für die eigene Gesundheit zu tun, sich Auszupowern oder einfach Spaß zu haben. Das Thema Gesundheit ist ihnen durchaus wichtig – vor allem in Corona-Zeiten, so die Studie, verstärkt sich ihr Eindruck, dass Gesundheit in den eigenen Händen liegt. Abseits des Sports fühlen sich die Befragten am wohlsten, wenn sie ihre Zeit gemeinsam mit Freunden verbringen, aber auch Momente des Alleinseins tragen zu ihrem Wohlbefinden bei. Neben diesen Wohlfühlmomenten gibt es natürlich auch Momente, in denen sich die Jugendlichen sich unwohl fühlen. Zu den auslösenden Faktoren zählen hier Zeitmangel, Erfolgs- und Leistungsdruck und soziale Ängste.

Solidarität trotz Individualisierung

Im Bereich der Politik beschäftigt die Jugend ein Thema ganz besonders: Der Klimawandel. Die Rettung der Welt vor den Folgen des Klimawandels wird als eine der wichtigsten Aufgaben der Politik gesehen. Die Jugendlichen haben zwar großes Interesse am Bereich Klima und Umwelt, fühlen sich aber ohnmächtig und sagen, sie haben keinen Einfluss auf die Politik. Diese stufen sie als von „alten weißen Männern“ dominiert ein und wünschen sich, dass Politik in Zukunft bunter, jünger und trendiger gestaltet wird. Thomas Krüger, Präsident der bpb, mahnte im Rahmen der Pressekonferenz, die Sorgen der Jugend im Bereich der Klimapolitik Ernst zunehmen: „Die Erwachsenen können es sich abschminken, dass das Thema nur eine Eintagsfliege bleibt“.
Die Jugendlichen befürworten bei der Vermittlung politischer Inhalte professionelle, von sachkundigen Moderatoren vorgestellte Inhalte auf YouTube, die für sie relevante Themen ansprechen.
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Die Jugendlichen befürworten bei der Vermittlung politischer Inhalte professionelle, von sachkundigen Moderatoren vorgestellte Inhalte auf YouTube, die für sie relevante Themen ansprechen.
Zwar assoziierte über die Hälfte der Befragten den Begriff Politik spontan mit negativen Schlagwörtern; Erwachsene sind im Vergleich aber deutlich negativer eingestellt. Und einige Verdienste der Politik werden von den Jugendlichen auch anerkannt, darunter die guten und sicheren Lebensbedingungen in Deutschland sowie die lebendige Demokratie.


Ein gutes Zeugnis stellt Deutschlands Jugend der Politik auch beim Umgang mit der Corona-Pandemie aus: Die Befragten empfinden das Krisenmanagement des Staates als zufriedenstellend und akzeptieren die auferlegten Schutzmaßnahmen weitestgehend, auch wenn einige von ihnen von den Einschränkung der Freizeitangebote genervt sind. Es überwiegt die Solidarität mit älteren Mitbürgern und Risikogruppen, um die sich viele der Jugendlichen zurzeit sorgen. Einzig an der aus Sicht der Befragten verfrühten Wiedereröffnung der Schulen übt die junge Generation Kritik. Allgemein vertraut sie auf den eigenen Pragmatismus und sieht die Krise als temporär an. Die Forscher des Sinus-Instituts beobachten hier einen Bewältigungsoptimismus, der sich durch viele andere Lebensbereiche der Jugendlichen zieht.

„Der jugendliche Zeitgeist ist grün und bewahrend (das heißt konservativ im ursprünglichen Sinne),“ heißt es in der zur Studie erschienenen Pressemitteilung. In anderen Worten: Die Jugend wird ernster, problembewusster und weniger hedonistisch. Das, so das Fazit der Forscher, ist mitunter eine Konsequenz daraus, dass den Jugendlichen die negativen Folgen der Individualisierung – beispielsweise ein abnehmendes Gemeinschaftsgefühl – stärker ins Bewusstsein treten. Dementsprechend sehnen sie sich vermehrt nach Dingen wie Sicherheit, Halt und Geborgenheit.


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