Psychologisch erklärt

Generation Corona macht Turbo-Pubertät im Treibhaus

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© Pixabay
Die Generation der 15- bis 19-Jährigen hat wegen der Pandemie mit psychischen sowie körperlichen Problemen zu kämpfen. Gleichzeitig sind viele auch an den Herausforderungen gewachsen, haben sich smart angepasst und zum Teil erstaunliche Kompetenzen entwickelt. Das sind die zentralen Ergebnisse einer tiefenpsychologisch-qualitativen wie auch repräsentativ-quantitativen Studie, die das Kölner Rheingold Institut für das Magazin Stern durchgeführt hat.

„Die Corona-Zeit war für die Jugendlichen wie ein Aufwachsen im Treibhaus. Sie mussten unter kontrollierten Bedingungen sehr schnell sehr groß werden“, sagt Diplom-Psychologin Birgit Langebartels, die die Studie geleitet hat. Geschüttelt von Strukturverlusten, dem Verlust sozialer Beziehungen in der Peer Group und familiärer Enge mussten sie lernen, auf widrige Bedingungen zu reagieren. 61 Prozent haben sich oft einsam gefühlt, fast die Hälfte der Befragten sind unsicher im Umgang mit Menschen geworden und sogar 80 Prozent fühlten sich von der Politik nicht beachtet.


Doch auch die Lerneffekte in dieser Zeit waren groß und viele haben sich außerordentlich stark entwickelt. „Teilweise haben die Jugendlichen geradezu ein Turbowachstum hingelegt, sich unabhängig von der Schule digital unterrichtet, neue Sportarten erlernt und ihren Freundeskreis gefestigt“, erklärt Langebartels. 70 Prozent der Jugendlichen haben das Gefühl, sie sind durch die Pandemie stärker geworden, 60 Prozent haben in einzelnen Lebensbereichen Neues gelernt für ihr zukünftiges Leben.

Kompetenz-Zuwachs in Eigeninitiative

Von der Schule fühlten sich die meisten Jugendlichen mehr oder weniger im Stich gelassen. Viele hatten das Gefühl, in den vergangenen zweieinhalb Jahren ins Nichts zu arbeiten. Oft habe es nicht wirklich interessiert, ob sie ihre Hausaufgaben machten oder überhaupt am Unterricht teilnahmen. Viele haben eine starke Überforderung gespürt, auch bei den Lehrkräften. Trotzdem war auch im Bereich Bildung ein Kompetenz-Zuwachs zu verzeichnen – allerdings mehr in Eigeninitiative. So berichteten viele, dass sie sich selbst diszipliniert und Lerninhalte zum Beispiel per Youtube angeeignet haben. Zu lernen, wie sie am besten lernen, ist womöglich einer der bedeutendsten positiven Nebeneffekte der Pandemie.
Die Studie
Qualitative Befragung: N=30, Geschlecht: 50% Frauen, 50% Männer, Alter: 15-19 Jahre, deutschlandweit.
Quantitative Befragung: N= 1023, Alter: 16-19 Jahre, bevölkerungsrepräsentativ nach Alter, Geschlecht, Bildung und Bundesland.
Das Rheingold Institut führt pro Jahr rund 5.000 zweistündige Explorationen zu allen Bereichen des Alltagslebens durch.

Rheingold Institut im mafonavigator
Die Jugendlichen sind allerdings sehr unterschiedlich in die Pandemie gestartet. Manche hatten eine sichere Basis durch Familie, Freundeskreis, Vereine. Je sicherer diese Basis war, desto weniger hat die Pandemie sie negativ beeinflusst. Die Aktiveren nutzten ihre Chance und lernten zum Beispiel ein Instrument oder einen neuen Sport. Diejenigen, denen diese Basis fehlt, litten unter der Pandemie oft stärker.

Verordnete Stilllegung vs. Jugendliches Erproben

„Corona ist aber nicht allein schuldig, sondern hat uns deutlich gesellschaftliche Schieflagen aufgezeigt“, betont Langebartels, die beim Kölner Rheingold Institut den Bereich Kids & Familiy Research leitet. Zum einen natürlich die Chancen-Ungleichheiten beim Heranwachsen, zum anderen das Fehlen von Freiräumen und die Illusion einer multioptionalen Welt, in der immer alles kontrollierbar und machbar ist. Entwicklung braucht auch Zufälliges, Reibung, Unkontrolliertes. „Im Treibhaus fehlte dieses Experimentierfeld.“

Mit diesem Defizit wird die Generation Corona leben müssen. Aus Entwicklungssicht steht eine verordnete Stilllegung dem jugendlichen Erproben und Tätigwerden diametral entgegen. Das seelische Immunsystem braucht eine Vielfältigkeit an Skills – nicht nur die vernünftigen. Das rheingold Institut hat sechs Umgangstypen identifiziert, die jeweils anders auf diese Herausforderungen reagiert haben – da waren die Nesthocker, die haltlosen Eskapisten, die disziplinierten Superhelden, die subversiven Aktivisten, die asketischen Einsiedler und die cleveren produktiven Gestalter. Besonders die ersten beiden Typen haben große Schwierigkeiten, sich nach der Pandemie wieder zurechtzufinden.

Dazu kam, dass sich die Jugendlichen ungerecht behandelt fühlten: sie waren diejenigen, die auf die ältere Generation Rücksicht nehmen mussten, als letzte eine Impfmöglichkeit erhielten, aber als erste in Quarantäne geschickt wurden. Eine Probandin sagte uns: „Ich habe zwei Jahre lang das Gefühl gehabt, meine Stimme zu verlieren.“

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