Psychologie der Impfskeptiker

Hilft beim Impfen nur noch Zwang?

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Wer sich jetzt noch nicht hat impfen lassen, ist für Argumente wohl auch nicht mehr zu erreichen. Dies ist das Ergebnis einer europaweiten Studie des Marktforschungsinstituts concept m. Die Impfskeptiker sind in ihrer Blase gefangen und haben sich gegen den gesunden Menschenverstand immunisiert. Dirk Ziems, Managing Partner von concept m, glaubt, die einzige Maßnahme, die jetzt die Impfquote noch nach oben treiben kann, ist Zwang.
Im Zeitraum von August bei November 2021 haben wir tiefenpsychologische Interviews mit Impf-Skeptikern in Deutschland, Italien, Spanien, Frankreich und Skandinavien durchgeführt. Zentrales Ergebnis: Die Überzeugungs-, Ablehnungs- und Radikalisierungs-Prozesse bei Impf-Skeptikern verlaufen nach einem vorhersehbaren Muster. Die Phase der psychologischen Inkubation – ein Schwanken zwischen Bedrohung und Relativierung – kippt aktuell in die Phase der Panik und des Agierens. Die vierte Welle trifft Deutschland besonders hart, weil hier die Zahl der Ungeimpften mit geschätzt einem Drittel besonders hoch ist. Die „Pandemie der Ungeimpften“ droht in Kürze die Intensivstationen zu überlasten. Umso wichtiger ist es, die Psychologie der Impfskeptiker genauer zu verstehen.

In vier Phasen zum Impf-Skeptiker

Phase 1- Instinktive Vorentscheidung: Die Entscheidung für oder gegen das Überwinden der psychologischen Barrieren in Bezug auf die Corona-Impfung sind auf individueller Ebene schon zu einem frühen Zeitpunkt angelegt worden. Bei den ‚angehenden‘ Impfskeptikern ist das unheimliche Bedrohungsgefühl überwiegend und übermächtig, mit der Impfung einen direkten Eingriff und eine unkontrollierte Manipulation des Körpers zuzulassen. In der Folge setzten hier auf unbewusster Ebene instinktive Kampf-Flucht-Mechanismen ein.

Phase 2 – Erste Rationalisierungen: Nachdem erst einmal die emotionalen Weichen gestellt waren, hat sich bei den Impf-Skeptikern das Abwehrgeschehen Monat für Monat weiter verfestigt. Die basal-instinktive Vorentscheidung gegen die Corona-Impfung wird mit rationalen und schein-rationalen Gründen weiter armiert und legitimiert. Es finden sich in Gesprächen mit Gleichgesinnten, in den Echo-Kammern der sozialen Medien und im Internet immer weitere Quellen, die zeigen, dass die Skepsis berechtigt ist und beispielsweise die Gefahr möglicher Spätfolgen nicht ausgeräumt wurde.

Phase 3 – Immunisierung gegen Argumente: In der Folge sehen sich die Impf-Skeptiker immer mehr unter Druck gesetzt. Sie werden mit der mächtigen Mehrheitsmeinung und den Stimmen von Ärzten und Wissenschaftlern konfrontiert. Diese entkräften vermeintlich alle Einwände gegen die Impfung und appellieren an das Verantwortungsgefühl, sich für die Gemeinschaft zu überwinden und den einfachen Piecks zuzulassen. Die Impf-Skeptiker lassen diese Argumente aber nicht an sich heran. Ihre bisherigen Zweifel und Mutmaßungen verdichten und verfestigen sich zu einem sich selbst immunisierenden Glaubens-System. Dieses Glaubenssystem lässt die Gefährlichkeit der Impfung als wahrscheinlich erscheinen und macht Nebenkriegsschauplätze auf – beispielsweise Übertreibung der Corona-Gefahr, Interessen der Pharma-Industrie, eigene Unverwundbarkeitsannahmen. Einfache Aufklärungs-Kampagnen (Impfen rettet Leben!) werden als einseitige Propaganda wahrgenommen und laufen ins Leere. In Gesprächen mit Verwandten, Bekannten und Arbeitskollegen, die Unverständnis zeigen, warum sie sich nicht impfen lassen, sehen sie sich herausgefordert und nehmen eine Gegenposition ein.

Phase 4 - Opferrolle und Radikalisierung: Die Impf-Skeptiker, die sich dem Druck zur Impfung weiterhin nicht fügen, bemerken, dass sie in ihrem sozialen Umfeld immer mehr ausgegrenzt werden, und nehmen eine Opfer-Rolle ein. Sie werden entweder zum stillen Opfer und gehen gewissermaßen als Dissidenten in den Untergrund – Gespräche über das Impfen vermeiden, sich mit Tests durchschlagen. Oder sie radikalisieren sich immer mehr in ihren Ansichten, treten offen gegen die Beraubung der Freiheitsrechte auf, gründen Chat-Gruppen und gehen demonstrieren oder relativieren die Gefahr der Pandemie ganz und gar („unbewiesene Übersterblichkeit“, etc.). Mehr Druck erzeugt hier nur noch mehr Widerstand.
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Europäische Bürger zeigen unterschiedliches Verhalten

Die Tiefeninterviews in den verschiedenen europäischen Ländern zeigen, dass sich eine Kluft zwischen eher sozial-solidarischen und eher individualistisch-liberalen Nationalkulturen auftut. In den skandinavischen und südeuropäischen Ländern Dänemarrk, Portugal, Spanien, Italien lässt sich ein Konsens  leichter erzielen. Die Menschen sehen ein, dass der Kampf gegen die feindliche Pandemie ein gemeinsames Ziel ist, hinter dem persönliche und individuelle Befindlichkeiten zurückstehen sollten. Bürger in den stolzen freiheitsliebenden Nationen Frankreich, Holland, Schweiz oder England tendieren dagegen dazu, in den Impf-Aufforderungen einen staatlichen Übergriff und eine Bevormundung zu erleben. Dort entstehen Protest- und Widerstandsbewegungen.

Die Erfolgsstrategien im Umgang mit Impfskeptikern

Für eine erfolgreiche Kampagne, die die Impfquote erhöht, ist das Wissen um den Phasen-Ablauf von hoher Bedeutung. Der Ländervergleich in Europa zeigt, dass letztlich nur zwei Strategien zu einem überzeugenden Durchbruch der Impfkampagne geführt haben:

Soziale und empathische Überzeugungs-Strategie: Die tiefenpsychologische Studie hat gezeigt, dass die Botschaften von massenmedialen Kommunikationskampagnen zum größten Teil verpuffen. Diese trainieren nur die Abwehrreflexe der Impf-Skeptiker, die beispielsweise auf Kampagnen mit Prominenten mit dem Einwand reagieren, diese wären als „Sprechpuppen“ von der Regierung nur gekauft worden. Die Studie zeigt: Überzeugungsarbeit mit Impfskeptikern hat nur dann Erfolgspotenzial, wenn sie in einer frühen Phase stattfindet, und wenn sie mit einem direkten sozialen und empathischen Kontakt verbunden ist. Was ist damit genau gemeint?

Die Gruppe der Impfskeptiker macht eine Karriere durch, die sie von der Stufe des Unbehagens zur Stufe der Skepsis bis hin zur Stufe des festen Glaubens an das Unheil der Impfung führt. Wenn sich ihr „Wissen“ um die Schädlichkeit der Impfung mit quasi „wissenschaftlichen“ Rationalisierungen verfestigt hat, kommt Überzeugungsarbeit nicht mehr durch. Zu dem Zeitpunkt des Übergangs von Unbehagen zu Skepsis bestehen dagegen hohe Erfolgschancen, wenn man die ‚angehenden‘ Impfskeptiker im direkten persönlichen Gespräch mit ihren Einwänden ernst nimmt (empathisches Prinzip der Augenhöhe).
Der Autor
Dirk Ziems
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Dirk Ziems ist Partner des Instituts concept m und Diplom-Psychologe. Seit über einem Jahr spricht er in Tiefeninterviews mit Menschen über deren Einschätzung zur Situation in der Pandemie.
In Spanien hatte in diesem Zusammenhang die Strategie Erfolg, dass Ärzte aus den Gesundheitsämtern Nicht-Geimpfte angerufen und in persönliche Gespräche verwickelt haben. Ebenso entscheidend ist es, die ‚angehenden‘ Skeptiker zu einem Zeitpunkt anzusprechen, an dem sie sich noch nicht in den ‚Filter-Blasen‘ gleichgesinnter Impf-Skeptiker abgekapselt sind. Entsprechend hatten in vielen Ländern Maßnahmen Erfolg, bei denen Bevölkerungsgruppen direkt in ihren Wohnvierteln oder kulturellen Zentren für die Impfung angesprochen wurden – etwa Bürger in Portugal in ihren Fußballclubs oder muslimische Bürger in Dänemark in ihren Moscheen.

Faktische Zwangs-Strategie: Länder wie Italien und Frankreich haben stufenweise und entschieden auf eine Restriktionsstrategie für Nicht-Geimpfte gesetzt. Zunächst wurde ein Impfzwang für das Pflege-Personal in Krankenhäusern und Altenheimen durchgesetzt. Dann folgten weitere Berufsgruppen wie Lehrer und Polizisten. In Italien herrscht inzwischen Impf-Pflicht an allen Arbeitsplätzen und in allen Universitäten. Psychologisch ist dieses Vorgehen so zu interpretieren, dass den Impf-Skeptikern die Impfung bewusst ohne Rücksicht aufoktroyiert wird, um die Impfkampagne zum schnellen Erfolg zu führen. Das geschieht nicht ohne heftige Widerstände: Unsere Testpersonen beklagten sich über den „diktatorischen“ Übergriff der Staatsautorität und fühlten sich wie „vergewaltigt“. Entsprechend waren Demonstrationen mit zehntausenden von Bürgern in Italien und Frankreich wochenlang an der Tagesordnung. Doch die Regierungen in den genannten Ländern haben offenbar mit Ihrer Einschätzung recht behalten, dass die Widerstände abflauen und die Impf-Skeptiker sich gewissermaßen ‚weichklopfen‘ lassen: Die Impfraten sind unter dem ‚Druck des Faktischen‘ deutlich gestiegen.

Wie ist die Impf-Situation in Deutschland einzuschätzen?

 In den deutschen Tiefeninterviews überwiegt aktuell der Eindruck, dass die Verantwortlichen keine klare Impfstrategie verfolgen. Die Signale, die von den Behörden und Politikern ausgehen, gehen in alle Richtungen gleichzeitig: Die Brisanz der Pandemie scheint überwunden, denn die Ausnahme-Pandemie-Lage soll regierungsamtlich beendet werden. Gleichzeitig setzen neue wahrscheinlich fruchtlose Apelle ein, sich doch impfen zu lassen. In der politischen Kommunikation werden die Impfgegner teils verunglimpft („esoterische Spinner“), teils wird zu besonderem Verständnis aufgerufen. Die kostenlosen Tests wurden eingestellt, was auf eine Entspannung der Lage hinweist, dann wieder eingeführt. Ein Dickicht widersprüchlicher Regeln (2G, 2,5G, 3G) verwirrt die Bürger. So sollen beispielsweise auf Weihnachtsmärkten 2G für Aufenthaltsbereiche gelten (Würstchen am Stand essen) und 3G für Flanierbereiche (Glühwein im Gehen trinken). Weder die soziale Überzeugungs-Strategie noch die Zwangs-Strategie scheint sich durchzusetzen. In dieser Lage nehmen die Impf-Skeptiker oft erst einmal eine abwartende Haltung ein, und ein Ende des unklaren Zustands der Impfkampagne ist für Deutschland nicht abzusehen.
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