Packaging360°

Warum es bei der Verpackung keine einfachen Antworten gibt

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© DfvCG/Packaging360
Vergangenen Freitag zogen Tausende durch Frankfurt und demonstrierten für eine bessere Klimapolitik und nachhaltigen Konsum. Parallel zur Fridays-for-Future-Demo diskutierten im Frankfurter Hotel Hilton eine geballte Kompetenz aus Industrie und Handel auf dem Verpackungskongress Packaging360° der dfv Mediengruppe über die aktuelle Situation in der Verpackungsindustrie.

Der Bedarf an Verpackung steigt stark an und zwar global. Dies berichtet Vera Fritsche, Referentin des VDMA, Fachverband Nahrungsmittelmaschinen und Verpackungsmaschinen, auf dem Kongress Packaging360°. Getrieben von Globalisierung, dem Wachstum der Städte, der steigenden Beschäftigungsraten sowie dem großen Nachholbedarf in Entwicklungsländern steigt der Absatz von verpackten Lebensmitteln und Getränken weltweit, bis zum Jahr 2013 schätzungsweise um 13 bis 16 Prozent. Dabei stagniert die Nachfrage nach Mehrweggebinden wie Glasflaschen und Glaskonserven, Gebinde aus flexiblem Kunststoff hingegen boomen.



Mit dieser Entwicklung steigt aber auch der Lösungsdruck. Kunststoff-basierte Verpackungen sind meist nicht recyclebar, oder nur unter ganz bestimmten Bedingungen. Deshalb können Verpackungen oft nur thermisch verwertet werden, falls nicht sogar irgendwo ins Ausland verschifft, um dort – schlimmstenfalls – in illegalen Deponien entsorgt zu werden. So werden Verpackungen zunehmend ein Symbol für eine von Konsum geprägte Lebensweise, die Welt, in der wir leben, vermüllend, den Klimawandel befeuernd.

Das Problem: Verbraucher, Politik, Handel und Industrie schieben die Verantwortung auf den jeweils anderen. So erwartet der Verbraucher von der Industrie und dem Handel konkrete Lösungen, um die negativen Auswirkungen des Verpackungsverbrauchs zu minimieren. Industrie und Handel verweisen wiederum auf die Verantwortung des Verbrauchers und fordern eine Verhaltensänderungen. Und die Politik soll aus Verbrauchersicht Materialien verbieten, aus Industrie- und Handelssicht den Wandel gestalten und unterstützen.


So sagt der Unternehmenssprecher von Nestlé und ehemalige Verpackungsmanager Hartmut Gahmann im Gespräch mit dem Chefredakteur der dfv-Verpackungsmedien, Matthias Mahr: „Jeder Einkauf ist ein Statement, ob Pommestüte oder Tupperdose.“

Die Diskussion wird aus Expertensicht alarmistisch geführt und mündet in falschem Aktionismus. So streiten wir oft nur über Materialien statt Kreisläufe. Die einfache Antwort Papier statt Kunststoff ist meist zu kurz gedacht. Die Frage lautet in diesem Fall, woher denn all das Papier kommen und wie es gewonnen werden soll.

Deswegen ist es wichtig, sich die Chancen, die in diesem Thema liegen, immer wieder vor Augen zu führen. Laut Stefan Diercks, Director Sustainability bei der Melitta Group, ist Nachhaltigkeit zunehmend Kauftreiber und Distinktionsmerkmal. Um nachhaltiger zu agieren, muss dieses Ziel auf unternehmensstrategischer Ebene verankert sein und letztendlich bei der Argumentation für die Marke glaubhaften begründet werden.

Nachhaltigkeit ist heute alles andere als eine Nische und gerade bei der Gestaltung von Verpackungen gibt es ein enormes Verbesserungspotenzial. Laut Experten liegt dies nicht nur auf der material- und produktionsstrategischen Ebene sondern, in der konsequenten Umsetzung einer transparenten Kennzeichnung. So wünschen sich 90 Prozent der Verbraucher klare Entsorgungshinweise auf der Verpackung. Das Wirrwarr an Siegeln, Profilen und Kennzeichnungen auf Verpackungen, werden kaum verstanden und wenig beachtet.

Wie strategisch die Marke „Frosch“ das Thema Nachhaltigkeit angeht, wurde besonders in dem Beitrag von Reinhard Schneider, Geschäftsführer der Werner & Merz Gruppe, deutlich. Bei Frosch geht es nicht nur um eine singuläre Betrachtung des Produktes oder der Verpackung. Wer Nachhaltigkeit zum strategischen Ziel oder gar zu seinem „Purpose“ erklärt, versucht dem Problem auch mit Innovationsansätzen Herr zu werden. So investiert Werner & Merz viel in die Entwicklung neuer Technologien, verfolgt dabei aber einen Open-Innovation-Ansatz und entscheidet sich bewusst dafür, keinen Patentschutz auf diese Art der Innovation zu beantragen, damit sich diese schneller im Markt durchsetzen und um neue Partnerschaften zu gewinnen. Schneider stellte die Ergebnisse vor: Man produziert Verpackung aus PET und HDPE aus 100 Prozent recyceltem Kunststoff, beziehungsweise kreislauffähigen Recyclaten. Ein zweiter Fokus liegt auf Standbodenbeutel, die 70 Prozent Materialeinsparung gegenüber der Standard-PET-Flasche mit sich bringen.

Auch die Schwarz Gruppe treibt das Thema auf der unternehmensstrategischen Ebene voran. Mit REset gibt es eine eigene Plastikstrategie: Im Moment fokussiert man dort darauf, die Kreisläufe weitestgehend zu schließen – von der Produktion bis zur Entsorgung. Um hier schnell voranzukommen, werden gezielt Verpackungs-Unternehmen hinzugekauft. Wie sehr sich solche Überlegungen auszahlen können, wird am Bespiel von Niederegger deutlich. Der Marzipanproduzent Niederegger hat es gewagt, bei Verpackungen nachhaltigere Lösungen zu implementieren. So stieg das Unternehmen von kunstoffbasierten Tiefziehschalen auf eine Papierfaltschachtel um. Der Kostenanstieg der Verpackung wurde durch die Absatzentwicklung mehr als nur aufgefangen. Laut dem Marktforscher und Berater Ralf Mayer de Groot stieg der Absatz bei diesem Produkt um über 600 Prozent.

Doch der Weg zu mehr Nachhaltigkeit bleibt beschwerlich und unsicher. Interessant ist, dass faktenbasierte Bewertungen von Verpackungen oftmals zu überraschenden Ergebnissen führen. Ein Beispiel: Der Konsument wünscht sich unverpackte Salatgurken, um Plastik zu reduzieren und umweltfreundlicher zu handeln. Doch die unverpackte Salatgurke hat je nach Herkunftsort einen deutlich höheren CO2-Foodprint als die verpackte: Wenn Salatgurken aus Spanien unverpackt geliefert werden, ist die Haltbarkeit limitiert, es entsteht Foodwaste, der mit einer Plastikfolie vermeidbar wäre, der CO2-Foodprint ist höher.

Aufgrund der Komplexität und der vermeintlichen Unlösbarkeit des Problems driftet die Diskussionen schnell ins philosophisch-grundsätzlich ab: „Muss wirklich auf jedes fertig belegte Brötchen beim Bäcker eine Salatgurke?“ Ein anders aktuelles Beispiel: Der Handel steigt auf Papier um und ersetzt zunehmend Plastik. Mit Graspapier gibt es auch eine Lösung, die regionales Material einsetzt. Doch diese Lösung lässt sich nicht auf alles übertragen, zu oft ist die Funktionalität von Papier limitiert. Und wenn man Plastik recycled, lässt sich die Bilanz im Vergleich dazu durchaus sehen, wenn der Impact durch die Umstellung ebenfalls berücksichtig wird.

Am Ende wurde auf der Packaging 360° deutlich, dass die Schlussfolgerungen der Verpackungsexperten mit den Forderungen der demonstrierenden Menschen auf der Straße durchaus einhergehen: Die Ziele müssen klar benannt und bemessen werden, und ja, Verzicht ist ein wesentlicher Teil der Lösung, aber nicht der einzige.

Letztendlich ist aber vor allem ein Perspektiv- und Kulturwandel gefragt. Wir alle müssen Verpackungen und das verwendete Material anders sehen. Nicht als Müll. Sondern als Wertstoff, Ressource und Investment. Material, dass viel zu schade ist, um es zu verfeuern. Dementsprechend sollten sich unsere Anstrengungen darauf fokussieren, die richtigen Kreisläufe anzudenken und zu gestalten und dementsprechend auch die Gesamtgestaltung der Verpackungen daran auszurichten. Das betrifft Material-, Engineering- und Designstrategie in einer ganzheitlichen Betrachtungs- und Herangehensweise.

Mitverfasser des Beitrags: Geoffrey Hildbrand, Popularpackaging

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