Online Special Mobilität

Den Verkehr der Zukunft entschlüsseln

Bus, Bahn, Auto? Carsharing oder eigenes Fahrzeug? Elektrisch, hybrid?
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Bus, Bahn, Auto? Carsharing oder eigenes Fahrzeug? Elektrisch, hybrid?
Die Verkehrsforschung von Kantar TNS hat ein Erklärungsmodell entwickelt, das die Decodierung der Verkehrsmittelwahl als Grundlage für Verkehrsplanungen und zukünftige Mobilitätsangebote ermöglicht. Dr. Adi Isfort und Rolf Kullen erklären, wie es funktioniert.

Der Anteil der Bevölkerung in Städten wächst ständig, bereits heute sind 55 Prozent der Menschen weltweit Stadtbewohner und Prognosen gehen von weiterem Wachstum aus. Die Entwicklung urbaner Mobilität ist daher eine der zentralen Herausforderungen für die Zukunft.



Aus diesem Grund konzentriert sich die Verkehrsforschung zunehmend auf den städtischen Verkehr mit einer Vielzahl an möglichen Verkehrsmitteln. Ob von den Bewohnern Bus, Bahn, das eigene Auto oder moderne Verkehrsmittel wie Carsharing gewählt werden, ist jedoch für Städte, Gemeinden sowie eine Vielzahl von Unternehmen wichtig und kann zum zentralen Planungselement werden.

Dr. Adi Isfort
Dr. Adi Isfort
Kantar TNS
ist Associate Director für den Bereich der ÖPNV-Forschung. Er arbeitet seit 1992 in der Verkehrsmarktforschung, zunächst bei Emnid in Bielefeld, dann in München bei TNS Infratest, inzwischen Kantar TNS.
Bei der Entscheidung für ein bestimmtes Verkehrsmittel steht jedes Individuum in einem Spannungsfeld zwischen den persönlichen Präferenzen und den jeweiligen Hemmnissen und Einschränkungen dieses Verkehrsmittels. Wenn es uns gelingt, dieses Spannungsfeld und die daraus resultierenden Entscheidungen für ein bestimmtes Verkehrsmittel zu decodieren, steht sämtlichen Akteuren, von Stadtplanern über Mobilitätsanbieter bis hin zu Automobilherstellern, ein hilfreiches Werkzeug im Bereich städtischer Mobilität zur Verfügung. Dann können die Bevölkerungspräferenzen bei der städtischen Verkehrsentwicklung berücksichtigt und unterschiedliche Mobilitätsangebote auf die Bedürfnisse der Kunden hin optimiert sowie die Umweltbelastung in den Städten nachhaltig reduziert werden.


Rolf Kullen
Rolf Kullen
Kantar TNS
ist Senior Director für den Bereich Travel & Transport bei Kantar TNS. Dort geht es um Verkehrsforschungs- und Marketingfragen aus den Bereichen Luftverkehr, Tourismus, Logistik sowie zur Zukunft der Mobilität.
Die Verkehrsforschung von Kantar TNS hat ein solches Erklärungsmodell der Verkehrsmittelwahl entwickelt und bereits mehrfach für deutsche Städte eingesetzt, der internationale Rollout für 26 Städte weltweit findet im Sommer 2018 statt. Das Modell geht dabei davon aus, dass die Verkehrsmittelwahl von drei Faktoren abhängig ist:

1. Dem konkreten Zweck des geplanten Weges: Die Entscheidung für ein bestimmtes Verkehrsmittel fällt in der Regel sehr habitualisiert. Sie ist vor allem durch den sogenannten Wegezweck bestimmt. Es ist daher sinnvoll, typische Wege – Berufswege, Versorgungswege – einzeln zu betrachten und diese anschließend in einem Modell für den Gesamtmarkt zusammenzufassen.

2. Die gegebenen Marktfaktoren: Faktoren, die die Verkehrsmittelwahl entscheidend beeinflussen, sind die Verfügbarkeit und Eigenschaften eines Verkehrsmittels, aber auch subjektive Einschätzungen wie etwa Komfort, die mehr oder weniger stark mit den Bedürfnissen der Personen korrespondieren.

3. Die Attraktivität der Verkehrsmittel: Inwieweit passt die Nutzung des jeweiligen Verkehrsmittels zum Lebensstil und den persönlichen Vorlieben der Person. Die Attraktivität eines Verkehrsmittels spielt eine entscheidende Rolle. In unserem Modell wird sie als Präferenzanteile der Verkehrsmittel berücksichtigt. Diese Attraktivität wird allerdings durch bestimmte Marktfaktoren entweder unterstützt – zum Beispiel der Zug fährt im Zehn-Minuten-Takt – oder gehemmt, etwa durch hohe Kosten oder geringe Verfügbarkeit des Verkehrsmittels. Wie sich die Individuen in diesem Zusammenwirken von Attraktivität und Marktfaktoren tatsächlich entscheiden, zeigt sich im sogenannten Modal Split. Er belegt, wie sich die verschiedenen Verkehrsmittel im Personenverkehr einer Stadt verteilen. Wir haben nun für jeden Wegetyp und für jedes Verkehrsmittel die Marktfaktoren und die Attraktivität individuell erhoben und können somit die Dynamik der Entscheidung für ein bestimmtes Verkehrsmittel insgesamt sehr gut abbilden.

Die Analyse der Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Verkehrsmitteln zeigt, welche Verkehrsmittel möglicherweise Anteile gewinnen könnten und an welche Verkehrsmittel Anteile verloren werden könnten, wenn sich bestimmte Bedingungen ändern. Mit Treiberanalysen wird der jeweilige Einfluss auf diese Größe hin untersucht. Somit erhält man ein geschlossenes Modell, das die Wirkungsweise der Verkehrsdynamik quantifiziert und klare Ansatzpunkte für eine Priorisierung von Handlungsfeldern liefert. Im Ergebnis kann daher klar aufgezeigt werden, welche Marktfaktoren den gegenwärtigen und zukünftigen Marktanteil – den Modal Split – der verschiedenen Verkehrsmittel beeinflussen.

Decodierung der städtischen Mobilität
© Kantar TNS / planung&analyse 3/2018
Decodierung der städtischen Mobilität
So haben unsere Studien gezeigt, dass – nicht überraschend – die Attraktivität des öffentlichen Nahverkehrs geringer ist als seine tatsächliche Nutzung, aber dass dies – überraschenderweise – auch für die private Pkw-Nutzung in der Stadt gilt. Dagegen ist die Attraktivität alternativer Verkehrsmittel vom Fahrrad über das Taxi bis zum Carsharing deutlich höher als deren tatsächliche Nutzung.

Marktfaktoren, die – zurzeit noch – für den öffentlichen Nahverkehr unterstützend wirken, sind etwa die Möglichkeit, die Zeit unterwegs anders zu nutzen, oder die Sicherheit vor Unfällen. Für den eigenen Pkw sprechen eher Faktoren wie Wetterschutz oder die einfache Möglichkeit, Personen und Gegenstände mitzunehmen. Von der Fahrrad-Nutzung hält manche die fehlende Sicherheit ab, aber natürlich auch der mangelnde Wetterschutz. Hemmnisse für Mitfahr- und Sharing-Angebote sind vor allem fehlende Verfügbarkeit sowie die Kosten. Indem der Einfluss jedes identifizierten Marktfaktors auf den Modal Split bestimmt wird, lassen sich entsprechende Maßnahmen ableiten, die zu einer Änderung des Wahlverhaltens von Verkehrsmitteln führen. Und auch die Auswirkungen auf die tatsächlich durchgeführten Wege lassen sich abschätzen und so zukünftiges Verkehrsverhalten vorhersagen und modellieren, weshalb das Modell zur Prognose zukünftiger Marktanteile hervorragend geeignet ist.

Um die Zukunft der Mobilität besser zu verstehen, reicht der Blick auf Deutschland allein nicht. In den weltweiten Metropolen finden unterschiedlichste Entwicklungen im Mobilitätsbereich statt. Neben stark regulierenden Ansätzen, bei denen die Städte mittels Verordnungen und Mitteln der Stadtplanung das Mobilitätsverhalten zu verändern suchen, gibt es auf der anderen Seite stark anbietergetriebene Ansätze. Diese bestehen zum einen aus neuen, digital gestützten Angeboten, zum anderen aus neuen Produktentwicklungen im Bereich vernetzter, autonomer und elektrischer Mobilität.

Um diese Themen grundlegend und umfassend zu verstehen, startet Kantar TNS, aufbauend auf dem beschriebenen Vorgehen, eine globale Studie zur Zukunft der Mobilität. Wir messen auf allen Kontinenten das Mobilitätsverhalten der städtischen Bevölkerung, um Veränderungen zu erkennen und Möglichkeiten aufzuzeigen.

Erschienen in planung&analyse 3/2018

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