Neues Buch des Unstatistik-Teams

Warum Zahlenblindheit eine geistige Pandemie ist

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Sie hat weite Teile unserer Gesellschaft befallen, Politiker und Führungskräfte eingeschlossen, die Zahlenblindheit. So die Diagnose eines Autorenteams von Statistikern und Wissenschaftlern. p&a-Lesern sind sie bekannt aus der „Unstatistik“, die jeden Monat eine missinterpretierte Statistik findet und erklärt, wie es richtig wäre – meist weniger spektakulär und medienträchtig. Jetzt haben Gerd Gigerenzer, Thomas Bauer, Walter Krämer und Katharina Schüller das Buch „Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich“ im Campus-Verlag veröffentlicht.


Mit griffigen Überschriften und in launigem Schreibstil zeigen die Autoren, woran es in dieser Gesellschaft mangelt: an Datenkompetenz. Zunächst geht es um die „beliebtesten“ Fehler, wenn es um Deutung von Statistiken geht: Korrelationen sind keine Kausalitäten, ein relatives Risiko ist etwas anderes als ein absolutes Risiko und frage immer: Prozent wovon? Das mag dem geneigten Leser noch geläufig sein. Bald geht es aber ans Eingemachte. Das Hochrechnen aus kleinen Stichproben, die Formulierung von Fragen, die visuelle Darstellung von Ergebnissen und sehr häufig mangelnde Daten.

Eine Stunde joggen, sieben Stunden länger leben

In dem Beispiel, das es auch auf den Titel des Buches geschafft hat, wird deutlich, wie ein Weiterrechnen eines Studienergebnisses häufig in die Irre führen kann. Und bei der Schlagzeile „Grüne fahren SUV“ hatte Puls Marktforschung die Vorlage geliefert. In der Berichterstattung ist dann aber die Grundgesamtheit – nur diejenigen, die einen Neuwagen in den kommenden Monaten kaufen wollen – aus dem Blick geraten. Häufig sind es natürlich „die Medien“, die durch Zuspitzung und Vereinfachung Sachverhalte verdrehen. Aber das Buch enthält keine platte Medienschelte. Auch Pressestellen von Hochschulen – also in der Regel auch wieder Journalisten -, erfüllen ihren Auftrag, die Forschung in den Medien zu platzieren, zwar gut, dabei entsteht aber mancher Kollateralschaden.
Das Buch
Grüne fahren
© Campus

Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich
Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik
von Thomas Bauer, Gerd Gigerenzer, Walter Krämer, Katharina Schüller.
Campus Verlag 2022, ISBN 9783593516080, 208 Seiten, 22 Euro

Schlimmer noch sind schlampige, unvollständige, verwirrende und einfach falsche Studien aus der Forschung, die etliche Beispiele für das Buch liefern. So diejenige, die eine Übersterblichkeit mit der Zahl von Corona-Impfungen gleichsetzt, bloß weil beide Kurven für einige Wochen in dieselbe Richtung wiesen. Gut zu erfahren, dass die Studie mittlerweile zurückgezogen wurde.
„Es schützt gegen Marketing-Hype und religiösen Techno-Glauben als auch gegen Technik-Skepsis und Weltuntergangsszenarien: statistisches Denken“
Grüne Fahren SUV und Joggen macht unsterblich
Gefährlich wird es, wenn das Vergleichen von Äpfeln mit Birnen System hat. Wenn etwa die Wirksamkeit einer Krebsfrüherkennung als relative Risikoreduktion dargestellt, der Schaden eines Medikamentes hingegen in absoluten Zahlen genannt wird.

In der Medizin stoßen die Autoren auf besonders viel Zahlenblindheit. Um festzustellen, wie Mediziner mit statistischen Grundbegriffen umgehen können hat das Harding-Zentrum für Risikokompetenz einen Schnelltest entwickelt. Vier Fragen sind im Buch abgedruckt und das (erschreckende) Ergebnis von Medizinstudenten der Charité. Die gute Nachricht: Nach einem Schnellkurs ließen sich die Testergebnisse schnell verbessern.
Autorin auf der planung&analyse Insights22
Katharina Schüller_Stat-Up
© STAT-UP
Die Mitautorin Katharina Schüller wird auf der planung&analyse Insights22 die Keynote halten und im Anschluss mit anderen Daten-Experten über Datenkompetenz und Datenethik sprechen.

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Man kann ein wenig trübsinnig werden beim Lesen dieses Buches. So viele Fehler, so große Verirrung. Zum Glück werden im letzten Kapitel ein paar Maßnahmen aufgezählt, die uns helfen, die Zahlenblindheit zu überwinden. Bildung als erste und oberste Maxime. Aber auch darüber reden und die Augen öffnen, hilft. Das tun die Autoren mit diesem Buch und das kann auch jeder tun, der selbst mit Daten und Statistiken zu tun hat und sie unter die Leute bringt: Sie. Daher ist das Buch sehr empfehlenswert.
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