Mobiles Arbeiten

Diese Chancen bringt Coworking für strukturschwache Regionen

   Artikel anhören
© Pixabay
Coworking boomt: In Städten und Ballungsgebieten ist der Trend hin zu mobilem und flexiblem Arbeiten an gemeinschaftlich genutzten Orten schon länger spürbar. Doch wie sieht die Coworking-Situation in ländlichen Regionen aus? In einer qualitativen Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung wurde dies nun erstmals betrachtet.
Der verlassene Bäckerladen wird zur digitalen Kreativwerkstatt, die Streuobstwiese zur Stellfläche für mobile Arbeitsräume aus Containern: In den vergangenen Jahren sind in Deutschland auch im ländlichen Raum immer mehr Coworking-Angebote entstanden. Wie aus der aktuellen Trendstudie „Coworking im ländlichen Raum“ hervorgeht, besitzt diese neuen Form des Arbeitens viel Potenzial für die nachhaltige Belebung strukturschwacher Regionen. Was die Erfahrung der Probanden allerdings auch zeigt: Coworking auf dem Land hängt stark von den technischen Gegebenheiten und der sozialen Vernetzung der Gründer von Coworking-Angeboten ab.


„Der ländliche Raum wird oft als rückständig und abgehängt bewertet. Die Fallbeispiele in unserer Studie zeigen jedoch: Die Zukunft der Arbeit hat auf dem Land schon begonnen“, erklärt Alexandra Schmied, Expertin für Corporate Social Responsibility bei der Bertelsmann Stiftung. Schmidt weiter: „Ländliche Regionen, die unter Abwanderung und Überalterung leiden, lassen sich durch den Zuzug junger Familien und die Modernisierung der Infrastruktur neu beleben“. Coworking könne somit eine Treibkraft für den Wandel hin zu einer nachhaltigen, klimafreundlichen und modernen Wirtschaftswelt sein.
„Ländliche Regionen, die unter Abwanderung und Überalterung leiden, lassen sich durch den Zuzug junger Familien und die Modernisierung der Infrastruktur neu beleben“
Alexandra Schmied
Bereits seit Jahren gewinnt das Landleben wieder an Attraktivität: Umfragen zufolge würde eine Mehrheit der Deutschen lieber im Grünen als in der Großstadt wohnen. Die Befragten der Coworking-Studie geben an, sich von Coworking-Angeboten eine bessere Vereinbarkeit von Berufsausübung und Wohnortwunsch zu versprechen. Das Potenzial für den ländlichen Raum zeige sich vor allem in der vielfältigen Kundschaft: Unter den Nutzern lassen sich viele Menschen im Angestelltenverhältnis, in unterschiedlichen Berufsbildern, ohne akademischen Schulabschluss und mit einer breiten Altersstruktur finden.
Über die Studie
Die CoWorkLand Genossenschaft sowie das Netzwerk Zukunftsorte befragte im Auftrag der Bertelsmann Stiftung für die aktuelle Studie „Coworking im ländlichen Raum“ bundesweit 166 Nutzer sowie mehr als 50 Gründer von Coworking-Angeboten im ländlichen Raum. Die Daten wurden mit Hilfe von qualitativen, halbstrukturierten Leitfaden-Interviews zwischen 2018 und 2020 erhoben. Die Interviews wurden zunächst in den Coworking-Räumlichkeiten selbst, ab Frühjahr 2020 coronabedingt telefonisch durchgeführt.
Zur Studie >>
„Coworking auf dem Land hat eine sehr viel breitere Zielgruppe und größere Integrationskraft als in der Stadt. Es wird von all jenen nachgefragt, die ein Bedürfnis nach Gemeinschaft haben und sich ihren Arbeitsort frei auswählen können“, sagt Ulrich Bähr, Geschäftsführer von CoWorkLand.

Coworking-Schub durch Corona

Die Corona-Pandemie hat einen Wandel in der Arbeitswelt angestoßen. Viele berufliche Tätigkeiten haben sich vom Büro an alternative Arbeitsorte verlagert. Wie die im Frühjahr 2020 geführten Interviews nahe legen, verlieh dieser Wandel auch dem Coworking im ländlichen Raum zusätzlichen Auftrieb. Kurzfristig gesehen stellten Abstandsregeln und Kontaktverbote zwar eine Belastung für das Arbeitsmodell dar. Langfristig jedoch zeigten die Erfahrungen vieler Befragter, dass das Arbeiten an einem anderen Ort als dem Büro in vielen Berufsfeldern funktioniert und sich Präsenzzeiten und damit auch das Pendeln reduzieren lassen.

Lokale Netzwerke sind wichtiger Erfolgsfaktor

Die Entwicklung eines tragfähigen Geschäftmodells bei der Errichtung eines Coworking-Spaces auf dem Land stellt für einige Befragte eine große Herausforderung dar. Das Agieren in lokalen Netzwerken sei daher wichtiger Erfolgsfaktor. Laut dem Geschäftsführer von CoWorkLand brauchen Gründer von Coworking-Spaces auf dem Land die notwendige Unterstützung aber auch den Freiraum, um ihre andersartigen, jenseits der Metropolen funktionierenden Geschäftsmodelle umzusetzen. „Kommunalpolitik sowie die ortsansässige Wirtschaft oder Vereine können für die ländliche Coworking-Szene wichtige Netzwerkpartner sein und hier Starthilfe geben“, schlägt Bähr vor.

Die Studie zeigt, dass für die Umfrageteilnehmer Coworking im ländlichen Raum gegenüber dem Homeoffice große Vorteile mit sich bringt. Wie aus mehreren Studien hervorgeht, fehlen bei der Arbeit in den eigenen vier Wänden häufig die sozialen Kontakte und klare Abgrenzungen von Beruf und Privatleben – beim Arbeiten in Coworking-Spaces ergeben sich diese Probleme nicht. Auch Ablenkungen durch andere Haushalts- oder Familienmitglieder treten im Coworking-Space laut der Studie seltener auf. Nicht zuletzt sei dort in der Regel eine bessere technische Infrastruktur vorhanden.
Bitte loggen Sie sich hier ein, damit Sie Artikel kommentieren können. Oder registrieren Sie sich kostenlos für H+.
Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen und akzeptiere diese.
stats