Methodendiskussion

BVM bezieht Stellung zu River Sampling

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Der Fachbeirat Standesregeln/Qualität/Methoden des Berufsverbands Deutscher Markt- und Sozialforscher (BVM) warnt in einer Mitteilung für die Presse vor der Erhebungsmethode River Sampling. Warum diese Stellungnahme jetzt nötig war, erschließt sich jedoch nicht auf den ersten Blick.

Pressemitteilungen des BVM sind selten und solche des BVM-Fachbeirates zu Standesregeln/Qulität und Methoden gleich erst recht. Einer Stellungnahme kommt daher hohe Aufmerksamkeit zuteil. Der BVM-Fachbeirat stellt in einem Statement die Frage, ob River Sampling eine valide Basis für die Markt- und Sozialforschung sei und rät Nutzern zu einer genauen Prüfung der Methode. Aus dem Statement geht weder hervor, welcher Anlass für diese Verlautbarung vorliegt, noch welche Anbieter diese Methode nutzen, vor der hier gewarnt wird.


River-Sampling bedient sich im großen Pool an Internet-Usern, um Teilnehmer für Studien anzusprechen. Die Stichprobe wird in der Regel anschließend nach bestimmten Merkmalen gewichtet.

Eine Stichprobe mit solchermaßen rekrutierten Teilnehmern unterscheidet sich laut BVM „sowohl strukturell als auch politisch und psychologisch deutlich von der Gesamtbevölkerung“. Dadurch erzeugte systematische Verzerrungen können „durch eine wie auch immer geartete Gewichtung statistisch kaum ausgeglichen werden“, heißt es in der BVM-Mitteilung. Zudem sei „eine Selbstselektion sehr wahrscheinlich interessensgeleitet“.

Die Arbeitsgruppe innerhalb des Interessenverbandes besteht aus Forschern von Instituten, Online-Panel-Anbietern und  betrieblicher Seite. Sie stützen sich auf die vorliegende wissenschaftliche Literatur, etwa von einer Gruppe um John A. Krosnick, Forscher für Political Science in Stanford, und von Prof. Rainer Schnell von der Universität Duisburg-Essen. Die klare Aussage des Berufverbandes nach dieser Lektüre: „Nach überwiegender wissenschaftlicher Meinung können solche Umfragen nicht ‚repräsentativ‘ für die deutsche Bevölkerung sein.“ Doch wer das behauptet und warum dieses Statement jetzt notwendig ist, ergibt sich nicht aus der Stellungnahme.

„Für eine bundesweit repräsentative Erhebung ist nach wie vor die klassische Zufallsstichprobe der Goldstandard“, erläutert Frank Knapp, Vorstand des BVM, auf Anfrage gegenüber planung&analyse. Jegliche Art von Gewichtung im Nachhinein sei immer nur eine Reparatur.

Der BVM-Fachbeirat unterscheidet zwischen Umfragen, die „lediglich ein grobes Stimmungsbild liefern sollen“ und an die somit geringere Ansprüche der Belastbarkeit gestellt werden, und Umfragen, „auf deren Grundlage weitreichende politische Entscheidungen getroffen oder große Investitionsbudgets eingesetzt werden sollen.“ Bei letzteren rät der Verband „in jedem Falle Anbieter und Methode genau zu prüfen und deren (Un)Verlässlichkeit bewusst zu hinterfragen“.

Knapp nahm keine Stellung dazu, ob sich die Warnung des Fachbeirates auf ein konkretes Institut bezieht. Aber bei der Beschreibung der Vorgehensweise – River Sampling mit Medienpartnern – denkt der vorbelastete Leser an das Berliner Institut Civey. Nachdem das Unternehmen mit Wahlforschung begonnen und den Unmut etwa vom Meinungsforschungsinstitut Forsa auf sich gezogen hatte, wird es nun zunehmend auch in Wirtschaftsunternehmen genutzt und deren Studien zu gesellschaftlichen Themen als allgemeingültig von Medien zitiert. Ein Methodenstreit über deren Vorgehensweise schwelt seit gut zwei Jahren in der Branche.

Civey selbst fühlt sich auf Nachfrage von planung&analyse nicht von diesem Statement angesprochen. „Wir gehen nicht davon aus, dass wir damit gemeint sind, da wir ein Online-Panel betreiben“, schreibt eine Sprecherin. Der BVM habe sich nicht an das Institut gewandt oder sich irgendwie vertieft mit der Methodik auseinandergesetzt, „so dass eine öffentliche Positionierung zu uns eigentlich nicht vorstellbar ist“.

Einen anderen Hinweis auf den Grund für das Statement gibt BVM-Vorstand Knapp im Gespräch. Er weist darauf hin, dass auch die nach wie vor beliebte Auswertung von Social Media eine Art River Sampling sei, die durchaus Hinweise gebe, aber keine repräsentativen Aussagen möglich mache. Ob von Unternehmen durchgeführte Analysen von Stellungnahmen einzelner Kunden in sozialen Netzwerken als bevölkerungsrepräsentativ angesehen werden? Jedenfalls nicht, wenn Marktforscher beteiligt sind. So bleibt das Rätselraten um den Anlass für diese Stellungnahme des BVM-Fachbeirates und deren wahre Intention bestehen. 

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