Methoden: Mehrländer-Onlineumfragen

Auf die Übersetzung kommt es an

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International agierende Unternehmen wollen das Marktgeschehen in jedem Land abbilden und einen Vergleich erhalten. Üblicherweise wird bei einer zu diesen Zwecken eingesetzten Befragung ein Hauptfragebogen entwickelt, der anschließend in die Sprachen der einbezogenen Länder übersetzt wird. Die notwendige Qualität sollte durch einen mehrstufigen und multidisziplinären Ansatz erreicht werden. Der Forscher Truong Trung Hieu Nguyen hat sich Gedanken über die beste Vorgehensweise gemacht.

Erst eine Mehrländer-Onlineumfrage, in Eigenregie durchgeführt oder extern beauftragt, lässt bei einer Studie einen vollständigen Vergleich verschiedener KPI auf Länderebene zu. Aber dies gilt nur, wenn die eingesetzten Fragebögen in verschiedenen Sprachen auch vergleichbar sind. Es gilt ja auch: Man kann die Größe gemessener Objekte nicht vergleichen, wenn den eingesetzten Linealen nicht die richtige Einheit zugrunde liegt.

Es kann fatal sein, die Qualität der Übersetzungen nicht oder kaum zu beachten. Das Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften führt ein Beispiel an: Die Frage „Führen Sie mit Ihrem Partner einen gemeinsamen Haushalt?” wurde von zwei verschiedenen Übersetzern ins Englische übersetzt. Das Ergebnis: 

• Do you manage the household together with your partner?
• Do you share a home with your partner?

Dieselbe Frage liegt somit in der Übersetzung in gänzlich unterschiedlichen Fassungen vor, die sich in der Bedeutung deutlich unterscheiden. Somit liegt auf der Hand, dass es Nachteile mit sich bringt, mit nur einem Übersetzer zu arbeiten oder die Übersetzer entscheiden zu lassen, wie die Frage zu gemeint ist. Zur Minimierung derartiger Bedenken sollten Marktforscher einen mehrstufigen und multidisziplinären Ansatz wählen. Hier kann die renommierte Vergleichsstudie European Social Survey als Vorbild dienen.

Wie sieht die derzeitige Praxis aus?

Dienstleister bieten in der Regel an, Fragebögen ohne oder mit Lektorat zu übersetzen. Im Falle der zweiten Variante wird eine erste übersetzte Version von einem weiteren Übersetzer überprüft und geht dann ins Feld. Diese Vorgehensweise ist im Hinblick auf das Portfolio der meisten Übersetzungsbüros zu Recht die bevorzugte, weist aber einige Schwäche auf:

• Der zweite Übersetzer kann sich nicht unbeeinflusst mit dem ursprünglichen Material befassen um sich eine eigene Meinung zu bilden.
• Die Übersetzer verfügen in der Regel nicht über Kenntnisse zum Bereich Fragebogenentwicklung und zu den vom Auftraggeber festgelegten Studienzielen.
• Eine Frage, die aus Sicht des Übersetzers perfekt übersetzt ist, wird möglicherweise von bestimmten Zielgruppen (z. B. solchen, zu denen er nicht gehört) nicht so verstanden, wie vom Studienleiter intendiert. Beispielsweise kann ein Wort genutzt werden, das einer bestimmten Zielgruppe unbekannt ist.

Übersetzung ist nicht gleich Übersetzung

Als Best Practice wird empfohlen, den Fragebogen durch zwei Personen unabhängig voneinander übersetzen zu lassen. Diese Vorgehensweise minimiert das Risiko von Fehlinterpretationen des Ausgangstextes. Außerdem können regionale Besonderheiten oder ein bestimmter individueller Schreibstil dadurch nivelliert werden. Damit beide Übersetzer mit den Studienleitern auf einem Stand sind, ist es ratsam, ihnen kompakte Informationen zum Projekt bereitzustellen, die sie im Sinne einer Entscheidungshilfe heranziehen können. Dazu zählen:
• Studienziele und -inhalte,
• demografische Merkmale der zu befragenden Zielgruppe, wie Alter, Geschlecht, Bildung und Region,
• erwünschter Freiheitsgrad der Übersetzung.
Ein angemessenes Zeitbudget sollte für den Austausch zwischen den Übersetzern und dem Ansprechpartner eingeplant werden. Damit ist der Vorteil verbunden, dass sich etwaige Fehlinterpretationen sowie für die Übersetzung problematische Passagen des Hauptfragebogens früh erkennen lassen.

Diskussion und finale Entscheidung

Sobald die zwei Übersetzungen angefertigt sind, werden festgestellte Abweichungen zwischen ihnen im Rahmen eines Meetings diskutiert. Der multidisziplinäre Teilnehmerkreis setzt sich aus Personen mit unterschiedlichen Kompetenzen zusammen:
• Mitwirkende Übersetzer sind in der Lage, die (feinen) Unterschiede in den Übersetzungen zu erklären und auf Basis ihrer linguistischen sowie kulturellen Kenntnisse Hinweise darauf zu geben, wann welche Übersetzungsalternative zu bevorzugen ist.
• Der Studienleiter übernimmt die Moderation und beseitigt alle noch vorhandenen Unklarheiten den Ausgangstext betreffend. Auf Basis seiner Expertise im Bereich der Umfragemethodik berät er zu der Formulierung von Fragen in Zielsprachen, beispielsweise in Bezug auf die Begriffsauswahl oder Satzstruktur.

Wenn es sich um eine extern beauftragte Studie handelt, gilt: Ein Vertreter des Auftraggebers, der über ein tiefgehendes Wissen zur Umfragethematik verfügt und vor allem das Erkenntnisinteressen des Unternehmens gut kennt, stellt bei Bedarf Entscheidungshilfen bereit. Ziel dieses Meetings ist es, dass sich alle Teilnehmer am Ende auf eine finale Übersetzung des Hauptfragebogens einigen, deren Qualität im nächsten Schritt überprüft wird.
Der Autor

Truong Trung Hieu Nguyen
© privat
Truong Trung Hieu Nguyen hat seinen Master im Fachbereich Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Universität Hohenheim absolviert. Der vorliegende Fachartikel baut auf eigenen Recherchen auf. Als Werkstudent/Praktikant sammelte er bei Ipsos, 1&1 und GfK erste Erfahrungen in der Marktforschung. Seit Februar 2021 ist Herr Nguyen als Research Assistant im Bereich Consumer Research bei der Gruppe Nymphenburg Consult AG in München angestellt. Er freut sich auf neue Kontakte und spannende Diskussionen LinkedIn / Xing

Qualitätsüberprüfung ist notwendig

Natürlich machen sich Auftraggeber und Institut bereits jetzt Gedanken über die Qualität der Übersetzung. Besonders im Falle fehlender Kenntnisse der Zielsprache wird häufig versucht, die Qualität der Übersetzung durch eine Rückübersetzung zu prüfen. Von dieser Methode ist prinzipiell abzuraten, da sie auf der zweifelhaften Annahme gründet, dass der rückübersetzte Fragebogen einwandfrei sei und Differenzen vom Ausgangstext allein auf Fehler in der Übersetzung zurückzuführen seien.

In der Phase der Qualitätsüberprüfung wird sichergestellt, dass der übersetzte Fragebogen von der Zielgruppe in der vom Marktforscher intendierten Weise verstanden wird. Dazu eignen sich zwei Varianten des Pretests, nämlich die gegabelte Befragung und das Web-Probing.

Gegabelte Befragung

Eine gegabelte Befragung setzt das erfolgreiche Rekrutieren von Teilnehmern voraus, die zur Zielgruppe gehören und über Kenntnisse in der Sprache des Ausgangstextes verfügen. Beispielsweise erfordert die Überprüfung eines vom Englischen ins Spanische übersetzten Fragebogens eine ausreichende Stichprobe von Spaniern, die Englisch verstehen.

Qualifizierte Befragte werden zufällig auf eine der zwei Teilgruppen verteilt, denen entweder der Hauptfragebogen oder die Übersetzung in der Zielsprache vorliegen. Auffallende Unterschiede in den Antwortverteilungen deuten auf die Ungleichheit der Sprachvarianten hin.

Mithilfe einer gegabelten Befragung gestaltet sich die Prüfung der Übersetzungsqualität relativ schnell und überschaubar. Mit Blick auf Machbarkeit und Aussagekraft ist dieses Verfahren allerdings nur zu empfehlen, wenn eine nennenswerte Inzidenz der zweisprachigen Personen in der Zielgruppe besteht.

Web-Probing

Im Rahmen eines Web-Probings wird der übersetzte Fragebogen von einer Stichprobe des Ziellandes online ausgefüllt. Nach jener Frage, deren Übersetzung zu prüfen ist, werden zusätzlich (offene) Fragen – sogenannte probes – gestellt. Befragte sollen zum Beispiel äußern, was sie unter einem zentralen Begriff des Fragetextes verstehen oder warum sie eine Antwortoption ausgewählt haben. Ihre Erklärungen offenbaren, ob die übersetzte Frage so verstanden wird, wie der Marktforscher es mit ihrer Formulierung in der originalen Sprache beabsichtigt hat.

Das Web-Probing ermöglicht ein gezieltes Identifizieren von Problemen in der Übersetzung. Aufgrund des erhöhten Aufwands sowohl für Befragte als auch für Projektmitarbeiter sollte das Verfahren sparsam eingesetzt werden, zum Beispiel bei komplizierten Fragen mit abstrakten Begriffen.

Dokumentation

Empfehlenswert ist es, alle Fragen, Lösungsalternativen und Entscheidungen während jedes Schritts des Übersetzungsprozesses sorgfältig zu dokumentieren. Derartige Informationen können im Kontext der Interpretation erhobener Daten sowie bei der Übersetzung weiterer Fragebögen zu einem ähnlichen Thema hilfreich sein.

Des Weiteren lohnt sich der Aufbau einer Datenbank übersetzter Fragen in verschiedenen Zielsprachen. Damit lässt sich ggf. nicht nur der Übersetzungsaufwand sparen, sondern auch die Konsistenz von Studien für einen Kunden gewährleisten.

Zusammenfassung

Der vorliegende Artikel zielt darauf ab, auf Basis vorhandener Literatur und eigener Überlegungen ein Best Practice der Fragebogenübersetzung darzustellen. In der Praxis ist der Ansatz an die vorhandenen Ressourcen anzupassen. Der Aufwand mag auf den ersten Blick zwar als hoch erscheinen, sollte jedoch in Anbetracht der umfangreichen Investitionen in Mehrländerstudien und des gravierenden Einflusses der Übersetzungsqualität auf die Ergebnisse in Kauf genommen werden.
Literatur
Behr, D. (2009). Translationswissenschaft und international vergleichende Umfrageforschung: Qualitätssicherung bei Fragebogenübersetzungen als Gegenstand einer Prozessanalyse. GESIS –Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften.
Behr, D. (2017). Assessing the use of back translation: The shortcomings of back translation as a quality testing method. International Journal of Social Research Methodology, 20(6), 573–584. http://dx.doi.org/10.1080/13645579.2016.1252188
Behr, D., Braun, M., & Dorer, B. (2015). Messinstrumente in internationalen Studien (GESIS Survey Guidelines). GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.15465/gesis-sg_006
Behr, D., Meitinger, K., Braun, M., & Kaczmirek, L. (2015). Web probing – Implementing probing techniques from cognitive interviewing in web surveys with the goal to assess the validity of survey questions (GESIS Survey Guidelines). GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften. https://doi.org/ 10.15465/gesis-sg_en_023
Dorer, B. (2018). ESS Round 9 Translation Guidelines. https://www.europeansocialsurvey.org/docs/round9/methods/ESS9_translation_guidelines.pdf

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