Marktforschung in Zeiten von Corona

Wie die Branche auf die Krise reagiert

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© Pixabay
Corona sorgt für einen Ausnahmezustand. Wie reagiert die Branche? Das Nachhauseschicken der Mitarbeiter ins Homeoffice ist dabei nur der erste Schritt. Es zeichnet sich ein recht diverses Bild der Konsequenzen und Einschätzungen der Lage ab.

Susanne Maisch, Geschäftsführerin von EarsAndEyes läuft mit der Kamera durch ihre Büroräume und kommentiert auf Twitter: „Alle Schreibtische leer und der Laden läuft dennoch reibungslos. Das ist das Gute, wenn man in einer Online-Firma arbeitet.“



Herbert Höckel, Geschäftsführer von mo’web kann dem Homeoffice auch die guten Seiten abgewinnen: “Wir arbeiten zwar unter ungewöhnlichen Umständen, aber wir können jetzt täglich in Ruhe mit der Familie frühstücken. Wir sind abends auch immer rechtzeitig zum Essen daheim. Wir rücken als Familien aber auch als Nachbarschaften näher zusammen und während wir entschleunigt werden, gewinnen wir an Zusammenhalt und Nächstenliebe.“

Aber was bedeutet der Ausnahmezustand für das Geschäft? K&A Brand Research-Vorstand, Ralph Ohnemus, bringt sich per Mail kurz und knapp und eher aufmunternd seinen Kunden in Erinnerung: „Der Corona Kontext macht Marktforschung schwieriger, aber nicht unmöglich. Es gibt viele umsetzbare Lösungen für Ihre Markenfragen, qualitativ, quantitativ und strategisch. Vielleicht sogar von Homeoffice zu Homeoffice?“

Manche erinnern die Kunden an ihre Angebot

Die Reaktionen der Branche auf die Herausforderung Corona sind recht unterschiedlich. Viele Unternehmen machen das was sie seit Jahrzehnten machen, nämlich Umfragen, um die Stimmung der Menschen zu erfassen. Ipsos und YouGov haben weltweit schon befragt, als das Virus noch als chinesische Erscheinung galt und haben von Woche zu Woche eine zunehmende Besorgnis festgestellt.


Andere nutzen die Gelegenheit, um auf ihre Angebote und Geschäftsmodelle hinzuweisen und bieten kleine Goodies: Netquest stellt E-Bücher und Studien kostenlos zum Download. Appinio bietet kostenlose Umfragen zum Thema Coronavirus für Unternehmen, die einen Informationsauftrag für die Gesellschaft haben, also NGOs, Kliniken sowie Medienhäuser. Auch Quantilope und Civey nutzen die Gelegenheit, um auf die Vorteile von Online-Forschung hinzuweisen.

Psychologen erklären die Bedeutung der Pandemie für den Menschen

Speziell Psychologen erkennen das Gebot der Stunde und versuchen zu erklären, was in den Menschen vorgeht. So stellte EyeSquare mit impliziten Methoden einen „Angriff auf die Psyche“ fest. Das Institut concept m führt per Skype Tiefeninterviews in China, Italien, Deutschland und USA durch und überträgt die Phasen des Krankheitsverlauf auf die Reaktion der Gesellschaft auf das Virus. Rheingold Salon beschäftigt sich mit den psychologischen Ursachen der Hamsterkäufe und mit dem Verlust der Nähe. Und Stephan Grünewald vom Rheingold Institut betätigt sich einmal mehr als Erklärer der deutschen Seele und bekommt die Chance in zahlreichen Publikums-Medien bis hin zur Tagesschau auch die Bedeutung von Forschung zu demonstrieren.

Wie reagieren Unternehmens-Forscher?

Dies ist eine Herausforderung auch für betriebliche Forscher. “Wie gehen Sie in Zeiten von Corona mit Research um?“ fragt eine PUMa aus dem p&a-Netzwerk. Ein anderer überlegt, welche Kosten für eine ausgefallene Studie wohl akzeptabel sind. In Krisenzeiten werden Kosten gesenkt und Marktforschungs-Etats stehen in manchen Unternehmen oben auf der Streichliste. Hierbei gibt es wieder verschiedene Optionen. Das Aussetzen künftiger Projekte, das sofortige Streichen laufender Studien und das Umstellen auf andere Erhebungsmethoden.

ADM fordert: Kein Face-to-Face aber Solidarität

Der Arbeitskreis der Markt- und Sozialforscher ADM rät derzeit von Face-to-Face-Befragungen ab. Immerhin 23 Prozent der jährlich 19 Millionen Interviews der ADM-Institute (2018) werden persönlich und mündlich durchgeführt, darunter vor allem viele am PoS durch Interviewer oder Mystery-Shopper. Ein Teil dieser Befragungen wird sicherlich verloren sein, auch Studio-Betreiber und Rekrutierer sind von der Corona-Krise ganz besonders betroffen. Andere Projekte könnten auch mit alternativen Erhebungsmethoden etwa mit Video-Interviews umgesetzt werden.

Gefordert wird vom ADM von allen Branchenplayern Solidarität, damit die Krise nicht lebensgefährlich für Einzelne wird: „Überlegen Sie, ob zur Vermeidung von Zahlungsschwierigkeiten Teile von Projektkosten auch gezahlt werden können, wenn die Leistung noch nicht erbracht werden konnte. Kurz: Helfen Sie bitte einander, gut durch die nächsten Wochen zu kommen.“

Dafür gibt es auch schon gute Beispiele. Ein Handelsunternehmen etwa – eine Branche, die jetzt eher zu den Gewinnern zählt – hält seinen Auftrag aufrecht und zahlt sogar schon vor der Lieferung der Ergebnisse.

Ein anderes Zeichen kommt von Natascha Dagneaud, Geschäftsführerin von Seissmo. Sie schreibt auf LinkedIn einen Appell an die Branche: „Genau jetzt ist der richtig Zeitpunkt für Marktforschung (online versteht sich). Noch nie waren die Verbraucher so willig, an einer Marktforschung teilzunehmen. Die Menschen freuen sich über eine willkommene Abwechslung, ein kleines Fenster in die große Welt, einen Kontakt zu ihren Mitmenschen.“ Und weiter „Falls Sie wirklich dazu beitragen wollen, dass die Menschen zu Hause bleiben, geben Sie Ihnen die Möglichkeit, sich jetzt über Ihre Marken und Produkte zu äußern.“

Die Berichterstattung über Marktforschung in Zeiten von Corona wird von planung&analyse fortgesetzt.

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