Manfred Scheske vom NIM zum NielsenIQ/GfK-Deal

„Der größte Teil des Geschäftes ist komplementär“

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Manfred Scheske ist Präsident des NIM (ehemals GfK Verein), dem Noch-Haupteigentümer der GfK SE, und Aufsichtsrat bei der GfK.
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Manfred Scheske ist Präsident des NIM (ehemals GfK Verein), dem Noch-Haupteigentümer der GfK SE, und Aufsichtsrat bei der GfK.
Durch die geplante Fusion mit Nielsen IQ verliert das älteste und größte deutsche Marktforschungsinstitut GfK seine Selbstständigkeit. Was gewinnt es? Über die Gründe und Konsequenzen, die sich aus einem solchen Zusammenschluss ergeben, spricht planung&analyse mit Manfred Scheske, Präsident des bisherigen Hauptaktionärs NIM (ehemals GfK Verein) und Mitglied des Aufsichtsrats der GfK SE.

Das ist eine Zeitenwende für die GfK. Sie verliert nach über 80 Jahren ihre Eigenständigkeit. Sind Sie als Präsident des NIM und Aufsichtsrat der GfK zufrieden mit den jetzt gemachten Verabredungen oder überwiegt die Enttäuschung über den Verlust der Mehrheitsbeteiligung an der GfK SE? Warum sollten wir enttäuscht sein? Es hat uns niemand gezwungen, eine solche Verabredung zu treffen. Es ist eine nach vorne gerichtete Entscheidung. Wir sehen viele Möglichkeiten und Chancen. Wir haben aus keinerlei Zwängen heraus entschieden. Im Gegenteil: Die GfK ist momentan gut aufgestellt, hat ein gutes Ergebnis für 2021 eingefahren, ist auch 2022 sehr gut unterwegs. Also alle Entscheidungen, die wir getroffen haben, haben wir aus einer starken und dynamischen Position und einstimmig getroffen. Klar sind wir zufrieden.

Nach den massiven Umstrukturierungen nach dem Zusammengehen mit KKR 2017 hat die GfK seit 2020 wieder Geld verdient. Mit gfknewron ist ein neues Produkt lanciert mit dem auch Manager aus Vertrieb und Marketing einen lösungsorientierten Durchblick bei den Produktgruppen der langlebigen Konsumgüter erlangen können. Wenn alles gut läuft, warum ist ein solcher Deal nötig? Die gesamte Branche ist gezwungen, sich weiterzuentwickeln und zu automatisieren. Das erfordert sehr große Investitionen und dabei sind Skaleneffekte natürlich von Vorteil. Gleichzeitig sehen wir ein hohes Maß an Konsolidierung in der Branche und da muss man schauen, dass man richtig aufgestellt ist. Aber nochmal: Es war nicht aus Zwängen getrieben, es war nicht „nötig“. Es war einfach eine Gelegenheit, die so gut gepasst hat, dass es unklug gewesen wäre, diese Partnerschaft nicht einzugehen.


Die Initiative ging also weder von KKR oder vom NIM aus, sondern von Advent? Ich kann über den Deal und über Bewertungen, über Anteile, und den Prozess an sich aus Vertraulichkeitsgründen nicht sprechen. Fragen Sie ruhig, aber ich bin da gebunden. Ich kann also nicht sagen, wer hier auf wen zugegangen ist. Aber das ist wie in einer guten Ehe, wo man hinterher überlegen kann, wer ist eigentlich den ersten Schritt gegangen.

Peter Feld, der Vorstand der GfK, hat ein Wachstum von zehn Prozent versprochen. Reichte das nicht für die Vorhaben? Warum musste Herr Feld gehen? Die GfK ist ein großartiges Unternehmen, das wir alle mit Leidenschaft sehen. Aber gleichzeitig ist es geografisch unausgewogen aufgestellt. Wir sind stark in Europa aber in den USA fast gar nicht vertreten. Dort haben wir Lücken. Und wenn ich auf die notwendigen Skaleneffekte zurückkomme, die man braucht, um Zukunftsinvestitionen zu treiben, dann ist das ein Nachteil. Die Chancen, die wir in dem Deal sehen, sind außerordentlich attraktiv und natürlich haben wir das sehr sorgfältig gegen ein Szenario für eine weitere Alleinstellung abgewogen. Wir haben aber die Kombination als wertvoller eingeschätzt, wertvoller für den Ertrag, wertvoller für das Wachstum und auch wertvoller was die Ausgewogenheit von Risiken betrifft, die für alle beteiligten Parteien und auch die Mitarbeiter gelten. 

Es heißt, dass KKR und NIM eine signifikante Minderheitsbeteiligung bleibt. Was ist das: eine signifikante Minderheitsbeteiligung? Können Sie etwas über den Anteil der künftigen Beteiligung des NIM sagen? Nein, das kann ich nicht sagen. Klar ist, Advent wird die Mehrheit haben, wenn der Deal vollzogen ist.

Das NIM nennt sich jetzt in der Unterzeile „Gründer und Ankeraktionär der GfK SE“? Kann das noch im Untertitel des NIM bleiben? Da haben wir jetzt rund sechs Monate Zeit, um darüber nachzudenken. Vielleicht sogar mehr. Mal sehen, wie schnell die Wettbewerbsbehörden arbeiten. Gründer der GfK bleiben wir natürlich. Ob es sonst Ergänzungen gibt, werden wir dann zur richtigen Zeit sehen. Was sagen die Vereinsmitglieder des NIM? Bei der Umbenennung vom GfK Verein auf NIM hatten sich die Mitglieder damals zunächst quer gestellt. Gab es jetzt auf der Mitgliederversammlung keine Einwände, keine Diskussion? Die Mitglieder sind im Großen und Ganzen einverstanden und verstehen die strategische rationale Richtung. Natürlich wären die Mitglieder gerne früher eingebunden gewesen. Das ist verständlich, aber bei einem Deal dieser Größenordnung nicht möglich, weil es quasi eine Öffentlichkeit schafft und letztlich auch dem Verhandlungsteam die Arbeit erschweren würde.


Aber die Mitgliederversammlung musste doch zustimmen. Oder nicht? Nein, die Zustimmung unterliegt dem Gesellschafterrat des NIM. Der Gesellschafterrat wird von den Mitgliedern gewählt, ist damit ein von Mitgliedern autorisiertes Kontrollorgan für das Präsidium und spricht bei allen Fragen der Beteiligung mit.

Es gab Irritation, da in der Pressemitteilung zu dem geplanten Deal nur ein kleiner Teil der Kompetenzen der GfK genannt wird: gfKnewron. Was passiert mit dem Haushaltspanel? Ich würde der Pressemitteilung nicht zu viel Gewicht geben. Da müssen von fünf beteiligten Parteien die jeweiligen Kommunikationsabteilungen mitsprechen. Aber es steht ja außer Frage, dass das Handelspanel für die Elektronik- und langlebige Gebrauchsgüter und das Haushaltspanel für FMCG Filetstücke der GfK sind, die auch vom zukünftigen Partner hochgeschätzt werden.

Da gibt es aber doch Synergien, denn Nielsen hat ja auch ein Haushaltspanel, wenn auch ein kleineres und ebenfalls ein Handelspanel. Sind da nicht recht gleichförmige Leistungen bei den beiden zukünftigen Partnern im Angebot? Was sagt denn das Kartellamt zu der geplanten Fusion? Wir kommen jetzt in den Bereich der kartellrechtlichen Prüfung. Dazu kann ich keine Aussagen machen. Tatsache ist, dass der größte Teil des Geschäftes wirklich von Komplementarität gekennzeichnet ist: Es ist komplementär was die Kundenkreise angeht, also NielsenIQ eher FMCG und GfK eher Technik und Slow Moving Consumer Goods. Auch was die Geografien angeht. Da sind die Überschneidungen sehr gering. Für diese geringfügigen Überschneidungen muss man dann noch Lösungen finden, die die Wettbewerbsbehörden zufriedenstellen. 

Was passiert mit der Media-Forschung? Geht die dann an das von Nielsen IQ abgespaltene Nielsen Institut? Es gibt im Moment noch keine Pläne zum Portfolio. Das ist völlig offen und das wird man sich anschauen, wenn die Unternehmen gemeinsam agieren können.

Wie geht es mit dem NIM weiter? Wenn Sie jetzt demnächst so viel Geld in der Tasche haben, wird das Institut dann ausgebaut - Mitarbeiterzahl verdoppelt, Forschung expandiert - oder wird das Geld auf die hohe Kante gelegt? Wir haben seit 1934 denselben Forschungsauftrag. Den werden wir erfüllen, aber mit deutlich mehr Ambition und Anspruch als es bisher mit einem recht überschaubaren Budget geschehen konnte. Auch von den Mitarbeitern kam die Frage: Stellen wir jetzt wieder Leute ein? Wir gehen da gerne nach dem Prinzip „structure follows strategy“ vor. Wir werden unsere Mission und Vision noch einmal schärfer formulieren, und dann müssen wir schauen, welche Struktur wir brauchen und wie wir das in Pläne und Aktivitäten umsetzen. Das ist ein aktiver Prozess, aber da überstürzen wir gar nichts. Wir wollen Marktentscheidungen mit all ihren Interdependenzen erforschen und verstehen. Wir schauen uns heute schon an, wie sich Marketingleiter oder Produktmanager im Vergleich und in Reaktion zum Verbraucher entscheiden. Derzeit sieht man aber auch, wie sehr Marktentscheidungen von ganz anderen Faktoren wie Krieg, logistischen Engpässen, Verknappung von Energie- und Agrarressourcen und Preisentwicklung beeinflusst werden. Und wir werden das Forschungsfeld sukzessive ausweiten von einer rein absatzpolitischen Dimension der Marktentscheidung hin zur Einbeziehung auch makroökonomischer also auch gesellschaftspolitischer Komponenten. Das entspricht auch unseren Traditionen. Wer hat uns gegründet? Das waren unter anderem der Kaufmann Wilhelm Vershofen und der Volkswirt Ludwig Erhard, der Marktforschung als eine wesentliche Komponente für Wettbewerb und damit für sozialen Marktwirtschaft gesehen hat. Das sind unsere Ursprünge und die wollen wir auch auf internationalem Feld zeigen.

Gut, dass Sie darauf hinweisen: Die GfK hat mit 88 Jahren ihr Rentenalter schon lange erreicht und Nielsen ist seit fast 100 Jahren auf dem Parkett. Wenn die beiden Unternehmen so lange getrennt agiert haben, wie passen sie dann heute zusammen? Das stimmt, beide Unternehmen sind Pioniere der Marktforschung und beide Unternehmen haben ein Verständnis von Kundennähe, ja geradezu eine Besessenheit für das Thema. Es war in den Verhandlungen sehr schön zu sehen, wie die Beteiligten aus den Unternehmen sofort eine gemeinsame Sprache sprachen. Die Kulturen passen sehr gut zusammen. Die Kombination ist großartig und für das NIM schafft es wieder mehr Unabhängigkeit aber gleichzeitig die Möglichkeit als Anteilseigner eine aktive Rolle zu spielen. Das ist uns immer wichtig gewesen.



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