Management der Insights Division von Kantar im Interview

"Wir streben einen klaren Wachstumskurs an"

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Stefan Stumpp (links) und Andreas Pohle
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Stefan Stumpp (links) und Andreas Pohle
Die Kantar Insights Division der deutschen Kantar GmbH hat sich von mehr als 200 Mitarbeitern getrennt. Für den CEO Stefan Stumpp und den CMTO Andreas Pohle ist dies jedoch kein Schrumpfkurs, sondern eine strategische Entscheidung, um zu nachhaltigem Wachstum zu gelangen. Kantar setzt jetzt verstärkt auf Data Science und Augmented Intelligence.

Die Insights Division von Kantar in Deutschland trennt sich von einer großen Zahl von Mitarbeitern und den Standorten in Bielefeld und Hamburg. Was ist der Grund für diesen umfassenden Schrumpfkurs? Stefan Stumpp: Wie viele Unternehmen hat auch Kantar die wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie zu spüren bekommen. Des Weiteren verändert sich unser Markt und die Nachfrage unserer Kunden. Dieser Prozess wurde durch Covid-19 noch einmal deutlich beschleunigt. Wir ergreifen jetzt entschlossene Maßnahmen und nehmen Änderungen an unserem Geschäftsmodell vor. Die Trennung von den beiden Standorten bedeutet aber für uns kein Schrumpfkurs. Wir verfolgen damit das Ziel, unsere Organisation einfacher und schneller zu machen. Es ist eine strategische Entscheidung, aus der Kantar gestärkt hervorgeht und zu nachhaltigem Wachstum fähig ist.



Es ist sicher kein Zufall, dass die beiden norddeutschen Standorte dem neuen Kurs zum Opfer fallen. Welche Art Marktforschung wurde dort betrieben, die Kantar nicht mehr zukunftstauglich erscheint? Andreas Pohle: Ja, unser Transformationsplan beinhaltet die Schließung unserer Büros in Hamburg und Bielefeld. Wobei, um Missverständnisse zu vermeiden, das Büro der Kantar Media GmbH in Hamburg weiterhin bestehen bleibt. Es waren schwierige, aber notwendige Entscheidungen, um sicherzustellen, dass wir die richtige Balance von Expertise und Kapazitäten haben, um ein nachhaltiges Geschäftsmodell aufzubauen. Die Auswahl der Standorte ist natürlich kein Zufall sondern das Ergebnis wirtschaftlicher und strategischer Analysen. Dabei ging es aber primär nicht darum, dass hier Bereiche eingestellt werden sollen, die nicht mehr zukunftstauglich sind. Vielmehr wurden Synergien mit anderen Standorten identifiziert. Durch die Bündelung an den weiteren Standorten lassen sich Wege verkürzen und Prozesse einfacher und effizienter gestalten.

Auf wieviel Prozent des Umsatzes werden Sie durch die Umstrukturierung verzichten? Stumpp: Wie bereits gesagt, wir verfolgen nicht das Ziel, auf Umsatz zu verzichten. Ganz im Gegenteil, wir streben einen klaren Wachstumskurs an und wir sind fest davon überzeugt, dass wir diesen durch unsere jetzigen Maßnahmen in Kombination mit unserer Reorganisation in der Insights Division, die wir vor einem Jahr in Deutschland umgesetzt haben, erfolgreich einschlagen werden.


Wird eine Schließung weiterer Standorte wie Frankfurt und Nürnberg ins Auge gefasst? Wie viele Standorte sind geplant? Stumpp: Nein, eine Schließung weiterer Standorte sehen wir in der Insights Division nicht vor. Wir fühlen uns mit den verbleibenden Standorten optimal für die Zukunft aufgestellt.

Die Maßnahmen beziehen sich vor allem auf die Insights Division. Zur Health Division wurde Ende letzten Jahres veröffentlicht, dass diese von Bain Capital veräußert werden soll? Gibt es auch Planungen zu den anderen Unternehmensbereichen? Stumpp: Ja, das ist richtig, die Maßnahmen beziehen sich aktuell vornehmlich auf die Insights Division. Die Entscheidung, Kantar Health zu verkaufen, wurde von der Unternehmensleitung von Kantar getroffen - einschließlich des CEO von Kantar Health. Pläne zu Veräußerungen in anderen Divisions sind mir nicht bekannt. 

Was ist mit der Abteilung Data Science? Wird hier auch reduziert? Pohle: Data Science und Augmented Intelligence sind Schwerpunkte unserer Kantar Analytics Practice. Dieser Bereich ist in Deutschland und weltweit ein absoluter Wachstumsbereich von uns, in den wir weiter investieren werden. Bei unserer digitalen Transformation geht es darum, künstliche und menschliche Intelligenz so miteinander zu kombinieren, dass Entscheidungen in der realen Welt erleichtert und optimiert werden können. Wir investieren dabei in die Implementierung von künstlicher Intelligenz entlang der gesamten Consumer Journey. Hier profitieren wir und unsere Kunden in vielfacher Weise: Wir können Daten in einem Umfang analysieren, wie es Menschen nie leisten könnten. Wir finden Zusammenhänge, die sich händisch nie auftun würden. Und das alles schneller, einfacher und effizienter.

Stumpp: Aber wir haben auch heute schon ein Portfolio von Lösungen, die auf Augmentented Intelligence aufsetzen und wir sind davon überzeugt, dass wir eine einzigartige Position haben, während sich dieser Markt entwickelt. Innovationen wie Holistic Brand Guidance, das Project Moonshot und der Kantar Marketplace sind Beispiele für bereits etablierte technologiegestützte Lösungen, in die wir bereits massiv investiert haben. Data Science spielte dabei eine entscheidende Rolle und die Kundenresonanz ist durchweg positiv. Und wir haben viele weitere Lösungen für die unterschiedlichsten Marketingfelder. Data Science und Augmented Intelligence sind nicht mehr aus unserer Arbeit und unserem Portfolio wegzudenken und wir nehmen hier in vielen Bereichen eine Vorreiterrolle ein.

Wird Kantar überhaupt noch das Wort „Marktforschung“ nutzen? Wie ändert sich das Selbstverständnis von Kantar? Wie wollen Sie von den Kunden wahrgenommen werden? Pohle: Marktforschung ist ein Teil unseres Leistungsportfolios aber längst nicht mehr alles. Uns geht es nicht mehr darum, nur Daten zu sammeln. Wir konzentrieren uns darauf, eine einzigartige Kombination aus menschlichem Fachwissen und den fortschrittlichsten Technologielösungen der Branche zu bieten. Unser Ziel ist es, unseren Kunden zu helfen, zu wachsen. Wir haben dabei ein klares Vorgehensmodell:
1. Menschen verstehen, um zu erkennen, wo die Wachstumschancen unserer Kunden liegen.
2. Wachstum inspirieren und planen, damit unsere Kunden diese Wachstumschancen erschließen können.
3. Wachstum liefern und optimieren, durch kontinuierliche Überwachung der Fortschritte und Optimierung der Entscheidungen, um das generierte Wachstum nachhaltig zu sichern und zu nutzen. Marktforschung kann in jeder dieser Phasen eine Rolle spielen, aber es ist kein Muss mehr für uns. Für uns ist der Impact für den Kunden entscheidend. Da spielt es keine Rolle, ob dieser auf Daten basiert, die wir selbst im Rahmen einer klassischen Marktforschung gewonnen haben oder auf Basis vertrauenswürdiger und geprüfter Datenbestände von exklusiven Kooperationspartnern.

Stumpp: Entscheidend für uns ist wirklich, dass Kunden uns als diejenigen wahrnehmen, die ihnen helfen, Wachstum zu erzielen. Das wird in den kommenden Monaten und Jahren in Folge der Covid-19-Pandemie wichtiger denn je sein. Wir haben in der Insights Division bei Kantar den Anspruch, einen entscheidenden Mehrwert zu liefern. Sei es durch konkurrenzlose interne wie externe Datenbestände und Datenagnostik, sei es durch künstliche Intelligenz in Kombination mit menschlicher Intelligenz oder tiefgreifender Expertise in den Marketingfeldern, auf die wir uns spezialisiert haben.
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