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Gesucht: Persönlichkeit des Jahres

Der Blog von planng&analyse - als mafo.spitze werden Meinungsbeiträge von Fachleute aus der Marktforschung veröffentlicht. Frech, zugespitzt und streng subjektiv. Diese Mal Stefan Althoff aus Seattle.
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Der Blog von planng&analyse - als mafo.spitze werden Meinungsbeiträge von Fachleute aus der Marktforschung veröffentlicht. Frech, zugespitzt und streng subjektiv. Diese Mal Stefan Althoff aus Seattle.
Stefan Althoff vermisst beim BVM-Kongress die Vergabe der Auszeichnung Marktforschungspersönlichkeit des Jahres. Selbst aus dem fernen Seattle beobachtet der betriebliche Marktforscher die deutsche Szene und bekennt: Ich bin etwas enttäuscht.

Wären wir nicht Marktforscher, sondern Schauspieler, so gäbe es einige Möglichkeiten für die erbrachten Leistungen geehrt zu werden: Es gibt den Grimme Preis, den Deutschen Filmpreis, den Bayrischen Filmpreis, die Goldene Kamera. Ja, sogar ein kleines Bambi könnte man einheimsen.


Für uns gab es in Deutschland den Preis „Marktforschungspersönlichkeit des Jahres“ und noch dazu einen Ehrenpreis für die Gesamtleistung. Der Ehrenpreis wurde zuletzt 2010 verliehen, der Preis für die Persönlichkeit wurde nun schon im zweiten Jahr in Folge nicht vergeben. Ich frage mich: Warum? Gibt es niemanden, der einen solchen Preis verdient hätte? Wobei ich den Namen des Preises für missverständlich halte. „Marktforschungspersönlichkeit des Jahres“ impliziert ja, dass jemand geehrt wird, der in einem bestimmten Jahr Herausragendes geleistet hat. Im Prinzip handelt es sich aber wie bei dem Ehrenpreis um eine Auszeichnung für das Lebenswerk. Nur für diejenigen, die noch nicht ganz so alt sind.

Schaue ich mir die bisherigen Preisträger an, so sind die drei Träger des Ehrenpreises über jeden Zweifel erhaben. Es hat mich weiland ganz besonders gefreut, dass der erste Ehrenpreis an die von mir schon als Student verehrte Prof. Elisabeth Noelle-Neumann ging.

Bei den Marktforschungspersönlichkeiten des Jahres bin ich mir hingegen nicht mehr so sicher. Auch auf die Gefahr hin zur Persona non grata zu werden: Über den einen oder anderen Preisträger der letzten Jahre habe ich mich sehr gewundert und mich gefragt, ob der Jury nichts mehr eingefallen ist. Und nun ist der Preis ganz verschwunden.

Es wirkte auf mich noch immer befremdlich, dass der Preisträger des Jahres 2015 ein Buch war, und die Autoren damit leider nur indirekt geehrt wurden. Die Autoren als „Persönlichkeiten des Jahres“ auszuzeichnen, wäre hingegen etwas anderes gewesen. Aber diese wurden 2015 eben nicht ausgezeichnet, auch wenn sie die schicken Pokale in Empfang genommen haben. Die Vergabe des Preises an die Auszubildenden zum Fachangestellten für Markt- und Sozialforschung - vor denen ich sehr viel Respekt habe - kam mir ebenfalls merkwürdig vor. Fühlen Sie sich als Nobelpreisträger, nachdem dieser Preis 2012 an die EU ging? Schreiben Sie dies in Ihren Lebenslauf? Eben!

Für den Fall, dass der BVM sich eines Tages doch wieder dazu entscheiden sollte, den Preis „Marktforschungspersönlichkeit des Jahres“ auszuloben: Ich hätte ein paar Vorschläge. Die Liste ist unvollständig und nicht sortiert:

  • Prof. Dr. Bernad Batinic: Legende der Onlineforschung, der 1995 die erste Onlineumfrage in Deutschland durchführte. Der Preis könnte ihm zusammen mit Dr. Lorenz Gräf verliehen werden, ebenfalls ein Pionier der Onlineforschung, der seinerzeit zusammen mit Batinic das Unternehmen Globalpark gründete und es an die Spitze der europäischen Onlinebefragungssoftwareanbieter führte (heute unter dem Namen Questback bekannt) und darüber hinaus stets der Grundlagenforschung verbunden blieb.
  • Andera Gadeib: Nochmals die Onlineforschung, aber kaum jemand hat mit Dialego so viele innovative Ideen entwickelt und die Marktforschung bereichert. Wer mit ihr eine Methodendiskussion ohne Einwände übersteht, kann sich geadelt fühlen.
  • Tim Bosenick: Aus dem Wohnzimmer heraus ein Unternehmen zu gründen, dieses innerhalb von zehn Jahren unter dem Namen SirValUse zum führenden Usability-Institut in Europa zu machen und das Thema Usability überhaupt erst zu etablieren, ist eine großartige Leistung.
  • Jutta Wiedenfeld: Lange als Betriebsmarktforscherin engagiert im BVM, und nun als Beraterin und Coach tätig, versucht sie mit Charisma und Engagement die Profession nach vorne zu bringen.
  • Marco Ottawa: Es gibt nicht viele Betriebsmarktforscher, die sich so um den Nachwuchs bemühen wie mein Kollege von der Telekom und zudem mit seinen Publikationen und Beiträgen wertvolle Diskussionen anregt.

Sollte noch einmal erwogen werden, den Preis an ein Buch zu vergeben, so schlage ich „Alle, nicht jeder“ von Prof. Elisabeth Noelle-Neumann vor. Ein Buch, welches jeder Marktforscher gelesen haben sollte.

Und der Ehrenpreis? Mit dieser Auszeichnung sollte wirklich sehr sorgsam umgegangen werden. Ich bin immer noch der felsenfesten Überzeugung, dass Dr. Karin Dürr, die Chefredakteurin von planung&analyse der Jahre 1995 bis 2008, diese Auszeichnung verdient hat. Alleine schon dafür, dass auf ihre ursprüngliche Initiative hin die BVM Fachgruppe NEON zurückgeht. Nicht zu vergessen: Das Betriebsmarktforschernetzwerk PUMa, an dem kein Betriebsmarktforscher vorbeikommt. Sie wurde von mir (federführend) schon mal vorgeschlagen, aber leider nicht ausgewählt.

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