mafo.spitze

Der Schulhof des Lebens

Heinz Grüne, Managing Partner rheingold institut
© Rheingold Institut
Heinz Grüne, Managing Partner rheingold institut
Was bedeutet heute eigentlich noch Political Correctness? Heinz Grüne vom rheingold Institut in Köln sieht die Gesellschaft zerrissen zwischen übertriebenem Beharren auf genderkorrekter Schreibweise und Aufrufen zu Schmähungen und Hetze. Er fühlt sich zurückversetzt auf seine Zeit in der Grundschule.

Rückblick: Grundschule 4. Schuljahr. Wir beklagen uns bei der Lehrerin, dass wir fast in jeder Pause auf dem Schulhof von einem Rüpel drangsaliert oder gar verprügelt werden. Mal der eine, dann der andere. Ihre Antwort: „Aber ihr seid doch viel mehr als der. Wenn ihr zusammenhaltet, kann er euch doch nichts tun!“ In der nächsten Pause nahmen wir sie beim Wort und ihn in die Mangel. Danach hatten wir vor ihm unsere Ruhe……



Jüngst in der einschlägigen Presse: Eine Frau Weidel von der AfD postuliert, dass „politische Korrektheit auf den Müllhaufen der Geschichte“ gehört. Das klingt wie ein unverblümter Aufruf zur Hetze, zum zügellosen Verbreiten von Schmähungen, Beleidigungen und Herabsetzungen. Ganz im Sinne tausender Trolle in den sozialen Netzen sowie politischer Hetzer, welche auf Rechtsstaat, Fairplay und kultivierten Umgang keinen Wert legen.

Und kürzlich – auf einem Kongress zu aktuellen Trends rund um Märkte, Produkte und Marktforschung. Eine Frage aus dem Publikum: Was solle man nur machen, wenn einem bei einer Dienstleistungs- oder Produktbeschreibung von der Gender-Beauftragten des Unternehmens angekreidet werde, dass das Wort benutzerfreundlich politisch nicht korrekt sei? Müsse es nicht vielmehr heißen: benutzerinnen- und benutzerfreundlich?  Wer um alles in der Welt braucht solche Genderblüten und Haarspaltereien?


Heinz Grüne
ist seit 1988 Geschäftsführer beim rheingold institut. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen in der Erforschung der digitalen Medien und ihrer Auswirkungen auf den Alltag, in der Betrachtung der Seniorenkultur und der Psychologie des Konsums von Lebensmitteln.
Es tauchen Fragen auf. Wie sich stellen, wie verhalten zwischen diesen Extremen? Welches Maß an Korrektheit und (verbaler, verhaltensmäßiger) Tugendhaftigkeit im gegenseitigen Umgang – sei es zwischen den Geschlechtern, sei es im politischen Diskurs – ist adäquat?

Weder erscheint es sinn- oder reizvoll, die erwähnte verbale politische Korrektheit dermaßen auf die Spitze zu treiben, wie es der Kongressteilnehmer geschildert hat. Kaum vorstellbar, alle Artikel und Redebeiträge zu durchforsten und gegenchecken zu lassen, ob auch überall die korrekte Gender-Bezeichnung benutzt und nur ja keiner Volksgruppe auf den Schlips getreten wurde. Wobei Schlips als männliches Kleidungsattribut dann ebenfalls schon wieder ein Fall für den Index wäre.

Aber auch der Vorschlag von Alice Weidel von der AfD ist kein gangbarer Weg: Der blanken und rohen Triebabfuhr nachzugeben, alles und jeden zu verunglimpfen, bloßzustellen oder zu beleidigen. Also ungehemmt den Rüpel zu geben.

Auffällig ist, dass beide Extreme eher Medien-Phänomene sind, welche sich im täglichen Umgang miteinander gottseidank nur selten finden. Ob im kollegialen Umgang im Büro, oder im unverbindlichen Miteinander im öffentlichen Raum – in den allermeisten Situationen gehen die Menschen in einer Art und Weise miteinander um, die man durchaus als höflich und respektvoll charakterisieren kann.

Insbesondere in der qualitativen Marktforschung, in der man tagtäglich direkten Umgang mit allen möglichen Vertretern der Spezies Mensch zu tun hat (alt oder jung, Frauen und Männer, wohlhabend oder nicht so betucht, gut (aus-)gebildet oder geringer qualifiziert) geht es in aller Regel und praktisch ausnahmslos vorbildhaft zivilisiert zu.

Offenbar fühlen sich aber Menschen, die sich im öffentlichen Raum um Aufmerksamkeit und Anerkennung bemühen, berufen, ihrer Mitwelt Regeln oder Verhaltens-Normen zu diktieren, die in der Realität so weder vorzufinden sind noch in der Umsetzung unser Leben verbessern würden.

Mit anderen Worten: der klassische Oberlehrer-Habitus. Oder dessen Antipode: der Rüpel. Beide wohlbekannt aus der seligen Schulzeit. Nun also treffen wir sie wieder und merken wie sie ihre zersetzenden Werke fortsetzen wollen. Doch wir können uns jetzt wehren. Vielleicht nicht so impulsiv und grenz-korrekt wie weiland auf dem Schulhof. Jedoch durchaus bestimmt und konsequent. Lassen wir uns weder unsinnige Sprach-Verbiegungen gefallen noch dem Rüpel seine Rüpeleien durchgehen. Wir sind nämlich erwachsen und emanzipiert. Wir müssen es nur ernst meinen und – demokratisch, gesittet, kultiviert – mit Nachdruck vertreten.

Auf dem Schulhof des Lebens sollten unsere Regeln gelten. Denn wir, das ist die überwältigende Mehrheit, die sich weder über eine gender-gerierte Sprache belehren noch durch die Rohheit irgendwelcher Pegidas, Hooligans oder sonstiger Grobiane einschüchtern lässt.

Sorgen wir dafür, dass unser Gemeinleben benutzerfreundlich bleibt. Dies gilt – selbstverständlich – auch für Benutzerinnen!

Das Blog von planung&analyse
© p&a
Das Blog von planung&analyse
Als mafo.spitze werden Meinungsbeiträge von Fachleute aus der Marktforschung veröffentlicht. Frech, zugespitzt und streng subjektiv. Wir freuen uns über Ihr Feedback und weitere Beiträge.
Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen und akzeptiere diese.
stats