Lockdown im Blindflug

Was bei den Corona-Studien derzeit alles falsch läuft

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© WZB/infas/Schnell
Um wirklich herauszufinden, wie verbreitet das Virus in unserer Gesellschaft ist, braucht es eine valide, empirische Erhebung. Diese fehlt derzeit in Deutschland, daran ändert auch die professionell vermarktete Heinsberg-Studie nichts. Menno Smid von Infas und Prof. Rainer Schnell von der Universität Duisburg-Essen kritisieren bei einem virtuellen wissenschaftlichen Kolloquium des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) das bisherige Vorgehen.
Statistiker und Soziologen vermissen in der Corona-Krise seit Wochen seriöse empirische Forschung, die eine Aussage über die Verbreitung des Virus in Deutschland zulassen würde. Nur auf Basis solcher korrekter Erkenntnis liessen sich solch weitreichende Beschlüsse wie der Lockdown eines Landes oder die Lockerung der Maßnahmen begründen. Die Sozialwissenschaftler Menno Smid von Infas und Prof. Rainer Schnell von der Universität Duisburg-Essen beobachten immer noch eine Fixierung auf die Zahl der Infizierten. Diese sind nicht nur irreführend, weil in jedem Land zu anderen Zeitpunkten der Erkrankung und nach anderen Maßstäben getestet wird. Der Unterschied auf den Anteil der Verstorbenen im Verhältnis zu den Infizierten, erklärt sich daraus. Es handelt sich laut Schnell auch um eine „selbstrekrutierte Stichprobe“ – getestet wird nur wer Symptome zeigt –, die wenig aussagekräftig ist.


Nun wurden zumindest schon einige wenige repräsentative Studien im deutschen Sprachraum durchgeführt oder gestartet. Doch deren Aussagekraft wird von Smid und Schnell angezweifelt. Da ist zum einen die Heinsberg-Studie von Hendrik Streeck, dem Chefvirologen der Uni Bonn. Zufällig wurden Haushalte ausgesucht in denen Testpersonen auf Antikörper getestet wurden. Soweit klingt das für Statistiker gut. Allerdings wurden alle im Haushalt lebenden Personen, die mithin ein sehr hohes Ansteckungspotenzial haben, untersucht und zudem wurde für die Untersuchung ausgerechnet der Stadtteil Gangelt in Heinsberg in Nordrhein-Westfalen ausgesucht, ein Ort, in dem auf einer Karnevalssitzung vermutlich eine hohe Zahl von Menschen angesteckt wurde. Das erste Ergebnis: bereits 15 Prozent tragen in diesem Hotspot Antikörper gegen das Virus in sich. Die Studie wurde vor allem veranlasst, um eine Entscheidungsgrundlage zu liefern, ob Lockerungen der Restriktionen in NRW möglich seien. Die Statistikerin Katharina Schüller sagte dem Magazin „Focus“, sie halte die Studie noch nicht einmal für die Gemeinde Gangelt für aussagefähig. Für ganz NRW und für die gesamte Bundesrepublik lasse sich empirisch gesehen nichts aus der Studie ableiten. So sieht das auch Prof. Schnell: „Es ist keine Zufallsstichprobe für die BRD." Zumal sei die Haushaltsstichprobe mit der Testung mehrerer Personen ein Musterbeispiel eines Klumpeneffekts. „Ein elementarer statistischer Fehler, der wunderbar für ein Lehrbuch geeignet ist“, glaubt der Hochschullehrer. Dass diese Studie zudem vorab veröffentlicht und von einer professionellen Kommunikationsagentur im sogenannten „Heinsberg-Protokoll“ medial vermarktet wurde, lässt einen unangenehmen Geschmack zurück, der jedoch von Schnell und Smid nicht thematisiert wurde.

Stichprobe in Österreich war zu klein

Eine Studie in Österreich, die ebenfalls als repräsentativ präsentiert wurde, wurde in den ersten sechs Tagen im April angegangen. 1544 Personen wurden unter anderem vom SORA Institute for Social Research and Consulting landesweit auf das Virus getestet. Das Ziel war herauszufinden, wie viele Menschen sind in Österreich mit Corona infiziert. Wie hoch ist die sogenannte Prävalenz? Dafür wurde eine Zufallsstichprobe aller Österreicher gezogen. Die jüngste Zielperson war noch kein Jahr alt, die älteste Person 94 Jahre. Nach Bundesländern und Gemeindegröße wurden zufällig 249 Gemeinden und Wiener Bezirken ausgesucht. Innerhalb der Gemeinden erfolgte wieder eine Zufallsauswahl von Haushalten und im Haushalt eine Zufallsauswahl eines Haushaltsmitglieds. Die Zielpersonen wurden vorab telefonisch kontaktiert. 77 Prozent der Kontaktierten willigten ein. Das Ergebnis: 0,33 Prozent der Teilnehmer wurden positiv getestet. In der Gruppe der 1544 Teilnehmer wurden mithin 5 Infizierte festgestellt. Drei Personen hatten schon bei der Rekrutierung angegeben, dass sie kürzlich positiv getestet wurden. Hochgerechnet ergibt dies für Österreich 28.500 Fälle. Da eine solche Untersuchung aber immer auch eine Fehlertoleranz hat, kann die Zahl auch bei 67.400 liegen oder bei 10.200 oder irgendwo dazwischen. Zum Zeitpunkt der Testung Anfang April waren nach offiziellen Informationen 12.200 Personen in Österreich infiziert. Die zusätzliche Erkenntnis aus dieser Studie ist mithin recht gering. Smid und Schnell glauben die Stichprobe sei einfach zu klein gewesen und dadurch das Konfidenzintervall zu groß. Der auftraggebende Wissenschaftsminister Österreichs, Heinz Faßmann, sagte laut Presse: "Wir dürfen uns nicht selbst täuschen, der Eisberg ist höher als gedacht" und kündigte eine Folgestudie an.

In München begleitet die Polizei die Interviewer

Auch in Bayern wurde eine Studie gestartet, die „Prospektive COVID-19 Kohorte München“, kurz KoCo19, und zwar federführend vom Tropeninstitut des LMU Klinikum München. Die Ausbreitung des Virus in der Münchner Bevölkerung soll untersucht werden und dafür werden 3000 Haushalte über 12 Monate besucht, befragt und getestet. Die Haushalte wurden zufällig ausgewählt, es werden alle Haushaltsmitglieder getestet. Smid und Schnell halten auch diese Stichprobe für zu gering, obwohl die Auswahl per „Random-walk“ ihre Zustimmung findet. Allerdings werde das Personal, das die Daten erheben soll, von der Polizei begleitet. Diese Vorgehensweise sei wohl gewählt worden, um die Unbedenklichkeit und Seriosität zu verstärken. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive entstehe so jedoch ein verfälschender Interviewereffekt, so Schnell. Schließlich ist die Teilnahme freiwillig und mancher Bürger könnte sich von dem Polizeischutz abgeschrecken lassen. Dann ist es aber wiederum nicht mehr zufällig, wer mitmacht.

Auch weitere vom Robert-Koch-Insitut (RKI) angeleierte Maßnahmen und Untersuchungen fallen bei den Empirikern Smid und Schnell durch. Eine serologische Untersuchung von Blutspende-Proben lasse sich nicht auf die Bevölkerung hochrechnen, weil Blutspender eine sehr selektive Gruppe und nicht repräsentativ seien. Die sogenannte Datenspende-App und die Auswertung von Fitnesstrackern, die kürzlich vom RKI vorgestellt wurde, seien lediglich als diagnostisches System für den Teilnehmer geeignet, aber nicht für Aussagen zur Verbreitung des Virus in Deutschland.

Vier Studien sollten die Perspektive der Virologen ergänzen

Nun wollten die Wissenschaftler aber nicht nur kritisieren, sondern auch konkrete Vorschläge machen. Smid: „Empirisch gesehen wissen wir nichts oder sehr wenig. Es bedarf unterschiedlicher Ansätze, um die Perspektive der derzeitigen Ingenieuren des Weltgeschehens, der Virologen, zu ergänzen.“ Die bisherigen Ansätze seinen nicht dazu geeignet, das man tatsächlich mehr erfahre. Um herauszufinden, wie häufig das Virus in der Gesellschaft tatsächlich vorkommt, schlagen die beiden Soziologen vier Studien vor. Zum einen muss eine Prävalenzstudie mit mindestes 30.000 Fällen durchgeführt werden, die die Menschen auf das Virus testet. Angesichts der hohen Testkapazitäten in der Bundesrepublik dürfte das kein Problem sein. „Das scheint mir der wesentlich Punkt zu sein“, sagt Smid „Je geringer die eigentliche Verbreitung des Virus, desto größer muss die Stichprobe sein.“
Soziologische Perspektiven auf die Corona-Krise
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Podcast und Präsentation des Vortrags Methodische Probleme und Lösungen für eine epidemiologische Coronaforschung von Menno Smid und Prof. Rainer Schnell gibt es auf der Webseite des WZB.
Und dass die „Durchseuchung“ noch gering ist, zeigt die Studie in Österreich. Prof. Schnell ergänzt, eine Stichprobengröße unterhalb von 10.000 sei in diesem Fall eigentlich für fast nichts zu gebrauchen. Die Zufallsstichprobe müsse nach Bundesländern und Orten geschichtet sein. Zum Zweiten brauche es eine Verlaufsstichprobe zum Studium des Krankheitsverlaufs und zur Erfassung symptomfreier 
Verläufe. Dies lasse sich mit kleinen Stichproben unproblematisch über die Hausärzte abbilden. Zudem sei eine sozialwissenschaftliche Begleituntersuchung nötig, die nach der Verfassung der Menschen frage. Natürlich kein Online-Befragung, die in den Kriterien Alters und Bildung verfälscht wäre. Pathologen fordern schließlich ein Sample welches die Todesursache erfasse. Dafür wären aber Obduktionen nötig und nur die Stadt Hamburg erlaube Obduktionen für wissenschaftliche Zwecke.


Smid fasst das Dilemma zusammen: „Das Tragische ist, dass das was statistisch sinnvoll und praktisch machbar wäre, nicht getan wird und dass es keine Instanz gibt, die das zentral steuert und umsetzen will. Das ist das Problem.“
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