Knowledge Management

Welche 5 Vorteile hat menschliche Kuration?

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Unternehmen werden heute mit Daten und Informationen aus einer Vielzahl von Quellen bombardiert. Die digitale Analyse und Kuration von Inhalten und Wissen mit Hilfe Künstlicher Intelligenz verspricht Daten besser zu sichten und zu analysieren. Der menschliche Blick und Esprit ist aber angesichts allwissender Algorithmen nicht überflüssig geworden, wissen Kay-Volker Koschel und Claudia Buschkamp von Ipsos.

Big Data ist für Unternehmen Fluch und Segen zugleich. Zwar gibt es einerseits viele einfach verfügbare, komplexe und aktuelle Daten; andererseits müssen diese aber zeitnah mit Sinn, Bedeutung und Relevanz angereichert und interpretiert werden, um unternehmerisch sinnvoll genutzt werden zu können. Als möglicher Lösungsansatz werden häufig die Künstliche Intelligenz (KI) und das automatisierte, maschinelle Lernen als Instrumente der Analyse und Kuration eingesetzt. KI-basierte Kuration bezieht sich dabei auf den Einsatz von Algorithmen zur Verarbeitung großer Datenmengen, um Bedeutungen und Muster in den Daten zu entschlüsseln und strategische Empfehlungen auszusprechen.



Kann KI diese Aufgaben wirklich besser lösen als der Mensch? Sollten Unternehmen ihr Wissensmanagement also gänzlich der KI und ihren rationalen Algorithmen überlassen? Nein, schließlich fehlt den heutigen KI-Systemen bislang noch der gesunde Menschenverstand. KI-Technologien sind außerdem nicht in der Lage, die zunehmend komplexer werdende Welt zu verstehen, in der wir heute leben. Sie können bisher auch nicht außerhalb des engen Kontextes arbeiten, für den sie programmiert wurden.

Auch im Alltag scheint es ein Umdenken zu geben: Wahrscheinlich, weil der allwissende Netflix-Empfehlungsalgorithmus wohl doch nicht so genau weiß, was der Serienjunkie nach Black Mirror und Games of Thrones schauen will, hat der Fernsehsender HBO jüngst eine zusätzliche Lösung entwickelt: Empfehlungen von echten Menschen.

Mensch versus Maschine

In Studien mit verschiedenen renommierten Kunden haben wir die Leistung von KI und menschlicher Intelligenz beim Thema Datenanalyse und Wissens-Kuration miteinander verglichen. Dabei haben wir gelernt, dass die Rollen für beide Arten der Kuration durchaus sehr unterschiedlich sind und in der Tat ein großes Potenzial bieten, solange man sie als komplementär und nicht als konkurrierend ansieht.
Kay-Volker Koschel

ist Director bei Ipsos UU, Fachbuchautor und Lehrbeauftragter verschiedener Universitäten und Hochschulen. kay.koschel@ipsos.com



Kay Koschel
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1. Menschliche Kuration wird durch Neugierde angeheizt. KI ist dagegen auf der Suche nach Mustern in den unstrukturierten Daten, die den vorgegebenen Definitionen unterliegen. Menschliche Kuration hat demgegenüber den großen Vorteil, den Gesamtkontext der Daten mit einbeziehen zu können. So kann man Daten – abseits von mathematischen Mehrheiten – auch mit einem Minderheitenblick analysieren und überprüfen, ob möglicherweise Daten fehlen. Außerdem können Ermessensspielräume bei der Interpretation flexibel angewendet werden.


2. Bei der menschlichen Kuration geht es darum, die kumulative, nicht-lineare Intelligenz und den Austausch des Schwarms zu nutzen. Heutzutage werden fast alle großen technologischen Innovationen aus der kumulativen Intelligenz verschiedener Köpfe und Fähigkeiten gewonnen, die gemeinsam an einem Innovationsprojekt arbeiten. Dies löst einen einzigartigen menschlichen Prozess aus, bei dem Ideen ausgetauscht und verpaart werden, um etwas Größeres zu erzeugen, was mehr als die Summe seiner Einzelteile ist. Künstliche Intelligenz arbeitet dagegen nur die vorgegebenen linearen Prozesse ab – aktuell eine der zentralen Einschränkungen für KI-basierte Kuration.

3. Menschliche Kuration kann auch kaum messbare Dimensionen berücksichtigen (Soft Facts und Einzelfälle). Einer der Bereiche, in denen die menschliche Kuration wirklich glänzt, ist die Analyse von Stimmungen beziehungsweise feinen, emotionalen Wahrnehmungen und den dahinterliegenden Motivationen. Durch die Anreicherung und Ergänzung mit individuellen Anekdoten und Erfahrungen ist die menschliche Kuration im Gegensatz zu KI in der Lage, überzeugende Geschichten zu zeichnen und die Daten lebendig werden zu lassen. Der menschliche Mehrwert erwächst aus dem Verständnis für die dynamischen und geschichteten Faktoren vom emotionalen Kontext sowie für die Motivationskräfte – und wie diese zur Geschäftsaktivierung genutzt werden können.

Führungskräfte und Unternehmensentscheider verlassen sich nach wie vor häufig auf die Kraft subjektiver, persönlicher Erfahrungen, um die wirklichen Probleme an den relevanten Touchpoints verstehen zu lernen. Amazon-Chef Jeff Bezos zum Beispiel liest direktes Kundenfeedback, um ein unverfälschtes Bild seines Unternehmens zu erhalten, und stellt fest: Wenn die individuellen Geschichten und die Daten nicht übereinstimmen, sind die individuellen Geschichten normalerweise richtig.

4. Menschliche Kuration bietet einzigartige, typisch menschliche Kompetenzen wie Weisheit, Reflexion und Fairness und tut dies unabhängig von einem genauen Protokoll. Sie arbeitet in iterativer, agiler Weise – vorbehaltlich der Beurteilung durch den Kurator – basierend auf verschiedenen dynamischen Aspekten, einschließlich des Blickwinkels des Auftraggebers, der Geschäftsbeziehungen, des Verbraucherverständnisses sowie sozialer Kulturen und Fantasien.

Jack Ma, der Gründer des chinesischen Technologieriesen Alibaba, spricht in diesem Zusammenhang von menschlichen Fähigkeiten, die für Maschinen nicht replizierbar sind und wesentlich zum Erfolg des Unternehmens beitragen. Dazu gehören: a.) der Intelligenzquotient (IQ), der zielgerichtet, rational und nicht maschinell durchgeführt werden kann, b.) der Emotionale Quotient (EQ), also die Fähigkeit, eigene und fremde Gefühle wahrzunehmen und zu verstehen und c.) der Liebesquotient (LQ), der sich aus der sozialen Kraft entwickelt, also aus menschlichen (Ver-)Bindungen (Soziale Intelligenz).

5. Menschliche Kuration kann besser Gelegenheiten und Potenziale aufzeigen. Die menschliche Kuration hört nicht bei den Insights auf; diese sind lediglich die Einstiegspunkte. Das Verstehen von Insights, die Entwicklung von Sinn-Sights und deren Aktivierung erfordert ein tiefes Verständnis von geschäftlichen Zusammenhängen und der Lernkultur im Unternehmen sowie einzelner Geschäftsinteressen. Dies setzt die Fähigkeit voraus, Insights und Analysedimensionen sinnvoll zu verbinden. Letztendlich können nur Menschen provozieren und inspirieren – und zwar auf Basis von Daten und lebendigen Geschichten.
Claudia Buschkamp

ist Manager bei Ipsos UU und Ansprechpartner für den Bereich Kuration und Insight Cloud. claudia.buschkamp@ipsos.com

Claudia Buschkamp
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KI und menschliche Intelligenz: eine gute Verbindung

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass sowohl die künstliche als auch die menschliche Intelligenz bei der Datenanalyse und Kuration einen einzigartigen und komplementären Wert haben. KI hilft uns, die riesigen Datenmengen zu scannen, zu sortieren sowie Themen und Cluster zu synthetisieren. Die menschliche Kuration fügt Bedeutung hinzu, identifiziert Chancen und ermöglicht die Aktivierung der Insights durch inspirierendes oder provokantes Storytelling. Sunita Venkataraman, Global Director of Global Insights and Analytics bei Intel, fasst diese komplementäre Verbindung zwischen künstlicher und menschlicher Intelligenz treffend zusammen:
„Data is not magic. You need to know how to connect it and bring it to life. As audiences become fragmented, we need an agile system that helps us make real time decisions. And AI with Human Curation makes a great combination to deliver that.“
Sunita Venkataraman


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