Zensus 2022

„Heute wissen viele, dass Entscheidungen faktenbasiert sein müssen“

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© Statistische Ämter des Bundes und der Länder
Der Zensus 2022 startet am 15. Mai. Ein Mammutprojekt für das Statistischen Bundesamt in Wiesbaden. Projektleiter Stefan Dittrich erklärt im Gespäch mit planung&analyse, was zu erwarten ist, wie die Forscher vorgehen und verrät zum Schluss, wie es mit der Volkszählung künftig weitergeht.

Herr Dittrich, wieso gibt es beim Zensus 2022 keine Vollerhebung wie bei früheren Volkszählungen mehr? Wir machen einen registergestützten Zensus, verwenden die Daten der Einwohnermeldeämter und führen eine primärstatistische Erhebung mit einer großen Stichprobe durch. Das ist einerseits für alle weniger aufwändig. Das Bundesverfassungsgerichtsurteil von 1987 gab uns den Auftrag, unsere Methoden immer wieder zu überprüfen. Wir haben gute Melderegister, auf denen wir aufbauen können. Doch es fehlen Informationen über Bildung oder Erwerbstätigkeit. Diese Merkmale müssen wir erheben. Und wir haben Schwächen bei der Aktualität – etwa Personen, die ins Ausland ziehen und sich nicht abmelden, sind nicht immer korrekt erfasst. Dafür brauchen wir aber keine Vollerhebung, das können wir mit Hilfe einer Befragung auf Stichprobenbasis korrigieren. Wir stellen für jede Gemeinde die Zahl der Menschen fest, die im Melderegister zu viel oder zu wenig sind, und rechnen diese Informationen mit einem komplexen Verfahren auf die Gesamtheit hoch. Unser Maß für die Genauigkeit ist die Höhe des Standardfehlers. Eine traditionelle Vollerhebung wäre im Übrigen auch nicht fehlerfrei: Durch die Masse der Erhebungsbeauftragten ergeben sich zwangsläufig Erhebungsfehler. Vor dem letzten Zensus 2011 haben wir das alles analysiert und Tests durchgeführt, daraus entwickelten wir das aktuelle Erhebungsmodell mit einer Stichprobe von ungefähr zehn Prozent der Gesamtbevölkerung.

Sie führen nach wie vor Face-to-Face-Interviews durch. Wäre nicht eine reine Online-Abfrage zeitgemäßer? Generell kann man nicht sagen, dass online oder face-to-face besser oder schlechter wäre. Wir nutzen beide Erhebungsformen. Erst einmal gehen wir davon aus, dass für die Feststellung, welche Personen an der Anschrift leben, größte Qualität und Genauigkeit insbesondere bei der Erreichung der Auskunftspflichtigen notwendig ist, und die liefert uns ein Face-to-Face-Interview. Aber auf andere Merkmale wie Bildung und Erwerbstätigkeit trifft das nicht in gleicher Weise zu. Daher erheben wir diese Merkmale primär online. Die Gebäude- und Wohnungszählung erfolgt komplett online, hier fragen wir beispielsweise nach Quadratmeterfläche der Wohnung, Miete und primäre Energieträger. Die Haus- und Wohnungsbesitzer werden kontaktiert und erhalten Online-Zugangsdaten. Mit diesen können sie dann nach ihrem persönlichen Rhythmus die Fragen bequem auf dem Smartphone oder Computer beantworten. Wer nicht online-affin ist, bekommt einen Papierfragebogen.

Stefan Dittrich
© Statistisches Bundesamt
Stefan Dittrich ist fachlicher Projektleiter des Zensus 2022 im Statistischen Bundesamt. Zum Podcast Zensus 2022 >>
Wer sind die Interviewerinnen und Interviewer? Die Personenerhebung zu organisieren ist Aufgabe der Kommunen. Sie suchen gerade Interviewerinnen und Interviewerinnen (sogenannte Erhebungsbeauftragte), man findet derzeit viele entsprechende Annoncen in den Lokalblättern. Viele Gemeinden haben einen festen Kreis von Ehrenamtlichen und ehemaligen Mitarbeitern, auf die sie zurückgreifen. Auch eigene Mitarbeiter werden eingesetzt. In den Städten sind es oft auch Studierende oder Rentner. Sie werden sorgfältig ausgewählt und geschult– das Gesetz stellt hohe Anforderung an die Verlässlichkeit der Erhebungsbeauftragten. Deutschlandweit benötigen wir ungefähr 100.000 Erhebungsbeauftragte. Das ist ein hoher Aufwand für die Kommunen. , aber wir sind optimistisch, dass alle das schaffen werden. 

Ist eine Face-to-Face-Befragung in Zeiten der Pandemie überhaupt machbar? Natürlich gibt es die Frage: Wie kann man eine so umfangreiche Erhebung Corona-konform durchführen? Das beschäftigt uns derzeit. Wir haben leider keine Glaskugel, die uns die Pandemie-Entwicklung vorhersagt. Deshalb haben wir versucht, uns auf alle Eventualitäten vorzubereiten. Wenn es geht, wollen wir die kurze Befragung zur Feststellung, wer an den Stichprobenanschriften wohnt, persönlich durchführen. Dabei wird ermittelt, wer genau in der Wohnung wohnt – hier gibt es immer Sonderfälle (etwa Familienmitglieder, die nur gelegentlich dort wohnen), die man am besten persönlich klären kann. Dann werden Zugangsdaten vergeben, mit denen die Befragten selbständig online die weiteren Angaben machen können – auf Wunsch auch mit einem Papier-Fragebogen. Die Befragung der Haus- und Wohnungsbesitzer findet vollständig schriftlich bzw. digital statt. Alles ist also jetzt schon auf eine Minimierung der Kontakte ausgerichtet. Sollte es die Corona-Lage erfordern, können wir kurzfristig auf Telefon- statt Face-to-Face-Interviews umstellen. Gesundheit hat ganz klar Vorrang. 

Wie lange dauert die Feldzeit? Und wie lange die Datenaufbereitung? Die Feldphase startet am 15. Mai und ist für drei Monate angelegt. Parallel laufen Plausibilitäts-Checks. Es werden natürlich Erinnerungen und Mahnungen an die Anschriften verschickt, von denen die Angaben noch fehlen. Erfahrungsgemäß dauert es dann doch etwas länger, um alles einzusammeln. Wahrscheinlich wird die Erhebung im November abgeschlossen sein. Dann startet die Phase der Plausibilisierung und Aufbereitung, das Abgleichen mit dem Melderegistern und weitere Analysen. Unser Ziel ist es, damit schneller zu sein als beim letzten Zensus 2011. Wir wollen im November 2023 die Zahlen der Öffentlichkeit präsentieren. Dann wird es eine Pressekonferenz geben und die Daten werden online auf unserer Website zur Verfügung gestellt. Eine gedruckte Dokumentation wird es nicht mehr geben, das wäre bei der Masse der Daten nicht praktikabel. Natürlich wird aber auch der eine oder andere Aufsatz publiziert. Hinzu kommen Karten, Exposés für die einzelnen Gemeinden, Übersichtstabellen in unterschiedlichen Formaten – alles auf unserer Website. Wissenschaftler und Marktforscher können die Daten auch kleinräumiger analysieren – digital, maschinenlesbar und downloadbar über eine Datenbank. Für wissenschaftliche Studien können sogar Einzeldaten ausgewertet werden. Die werden vorher anonymisiert und sind über die Forschungsdatenzentren beziehbar. Das wird dann noch aber etwas dauern. 

In der Markt- und Meinungsforschung beobachten wir eine gewisse Umfragemüdigkeit in der Bevölkerung. Wie sieht das beim Zensus aus? Wir haben 2011 glücklicherweise eine sehr hohe Akzeptanz erlebt. Damals wie heute begleiten wir den Zensus mit Informationsmaßnahmen und weisen darauf hin, dass es eine seriöse und wichtige Erhebung im Interesse aller ist. Außerdem haben wir eine rechtliche Grundlage, die eine Auskunftspflicht vorsieht. Wir werden also falls nötig die Teilnehmenden mehrmals freundlich erinnern, aber es gibt auch letztendlich die Androhung eines Bußgeldes. Wir sind uns aber sicher, die Meisten zur Teilnahme überzeugen zu können. Einzelne Auskunftsausfälle wird es trotzdem geben, wenn zum Beispiel jemand längere Zeit im Ausland ist. Wir gehen davon aus, dass das nur selten vorkommt.

Haben in der modernen Gesellschaft die klassischen soziodemografischen Merkmale wie Alter oder Einkommen noch einen Aussagewert? Das Einkommen erheben wir nicht. Aber auch der Familienzusammenhang ist spannend. Hier schaffen wir mit dem Zensus einen großen Mehrwert. Welche Familienformen gibt es? Welche Auswirkungen hat die beobachtete Geburtensteigerung auf Haushaltsgrößen? Wo entwickelt sich unsere Gesellschaft hin? Wie sind die Wohnverhältnisse von Familien - von Alleinerziehenden bis zu Großfamilien? Da wir die Bevölkerungs- und Wohnungs-Statistik zusammenführen, bekommen wir hier wertvolle Erkenntnisse.

Was gibt es noch Neues bei den erhobenen Merkmalen? Wir haben Fragen zur Energetik der Gebäude aufgenommen. Das beinhaltet die Frage nach dem primären Energieträger, also ob mit Öl, Gas, Kohle etc. geheizt wird. Da werden viele Erkenntnisse gewonnen, die für Ministerien und Institute wertvoll sind und politische Entscheidungen auf eine bessere Basis stellen. Zudem werden erstmal Fragen zur Nettokaltmiete und zur Grund und der Dauer von Leerstand erhoben.

Welche methodischen Änderungen gibt es im Vergleich zur Vorgänger-Erhebung? Beim letzten Zensus haben wir die Stichprobe nur in großen Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnerinnen und Einwohnern durchgeführt – der Annahme folgend, dass die kleinen Gemeinden einen besseren Überblick über ihre Einwohner haben – dort „kennt man sich“ eben. Das wurde kritisiert, u. a. von den Stadtstaaten Hamburg und Bremen, wo eine erhebliche Korrektur der Bevölkerungszahl nach unten notwendig war. Der Zensus 2011 hat gezeigt, dass wir auch in den kleinen Gemeinden eine Stichprobe benötigen. Beim Zensus 2022 haben wir die Stichprobe daher auch auf kleine Gemeinden ausgedehnt.

Ein heiß diskutiertes Thema ist der Wohnungsmarkt. Wie kann hier der Zensus helfen? Hier werden wir vieles Neues erfahren. Wir fragen jetzt zum Beispiel erstmals nach der Netto-Kaltmiete. Das heißt: Wir werden für jede vermietete Wohnung in Deutschland eine Netto-Kaltmiete, die Quadratmeterzahl und somit auch die Miete pro Quadratmeter ermitteln. Eine so detaillierte Datenbasis gibt es bisher nicht. Die Daten werden nach Regionen und Wohnungs- und Haushaltsgrößen auswertbar sein. Man kann dann tatsächlich überprüfen, wie die Mieten etwa in den teuren Innenstadtlagen wirklich sind und wie die Kosten zum Beispiel  für Familien oder Singles aussehen. Da erwarte ich eine sehr erhellende Gesamtschau.

In den 1980er Jahren gab es landesweite Proteste gegen die Volkszählung. Warum bleiben die heute aus? Die Rolle der Statistik in der öffentlichen Meinung hat sich gewandelt. 1983 und 1987 war der Zeitgeist sehr staatskritisch. Heute ist vielen Menschen bewusst, dass politische Entscheidungen nicht aus dem Bauch heraus getroffen werden sollten, sondern faktenbasiert sein müssen. Die Pandemie hat das noch befördert – Statistik war noch nie so stark in den Köpfen präsent wie jetzt. Hätte man vor fünf Jahren jemand gefragt, was eine Inzidenz sei, hätte es nur Kopfschütteln gegeben. Heute kennt das jeder. Wir tun unseren Teil, um aufzuzeigen, dass der Zensus etwas Positives ist. Es lohnt sich, daran teilzunehmen. Wir nehmen aber alle Sorgen ernst und gehen der Diskussion nicht aus dem Weg.

2011 gab es einige überraschende Ergebnisse, etwa die wirkliche Größe von Großstädten betreffend. Ist so etwas wieder zu erwarten? Diesmal dürfte es keine größeren Überraschungen bei den Bevölkerungszahlen geben. 2011 war es der erste Zensus seit 1987, da hatte in der Zwischenzeit schon alleine die Wiedervereinigung einiges verändert. Zwischen 2011 und 2022 ist eine kurze Spanne, auch wenn der Zuzug von Geflüchteten etwas Bewegung gebracht haben dürfte. Zudem sind die Melderegister heute genauer. Meine Hoffnung ist, dass wir genau das nachweisen können. Diese Verwaltungsdatenquelle ist eminent wichtig für uns. Dieser Zensus ist ein wie ein Eichmaß für die Qualität der Register. Denn wenn die Melderegister nachweislich besser sind, brauchen wir in Zukunft gar keine Stichprobe mehr. Der nächste Zensus wird sich rein auf die Melderegister beziehen, zwar mit Korrekturberechnungen, aber ohne primärstatistische Erhebung.

Dieser Zensus wird also der letzte seiner Art sein? Sind die Tage der Volkszählung gezählt? Ja, das können wir schon mit Sicherheit sagen. Melderegister gibt es schon sehr lange. Mittlerweile hat sich einiges verändert: die Digitalisierung, das Melderecht, der Austausch zwischen Ämtern etc. Die Kommunen haben ein eigenes Interesse, die Register sauber zu führen, etwa bei Umzügen. Deshalb gehen wir davon aus, dass wir uns zukünftig darauf ergänzt um Korrekturen und Abgleichen mit anderen Datenquellen verlassen können und wir in Zukunft einen reinen Register-Zensus durchführen werden.

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