Interview mit Staatssekretär Gerd Billen

„Die Selbstreinigung einer Branche muss funktionieren“

   Artikel anhören
Staatssekretär Gerd Billen im Gespräch
© Frank Nürnberger
Staatssekretär Gerd Billen im Gespräch
Gerd Billen ist Staatssekretär im Justizministerium und zuständig für Verbraucherfragen. Im Frühjahr äußerte er sich zur Akte Marktforschung. Deswegen hat planung&analyse ihn um ein Gespräch gebeten und die Chance genutzt, ihn nach den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Bürger zu fragen. Gibt es Handlungsbedarf? Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Interview.
Herr Billen, welches Bild haben Sie von der Markt- und Meinungsforschung? Markt- und Meinungsforschung hat eine wichtige Funktion, nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für Politik und Verbände. Was für Bürger und Verbraucher besonders wichtig ist: Sie wirkt meinungsbildend und beeinflusst die politische Agenda.


Es gab im Frühjahr einen Vorfall mit Fälschungen bei Telefoninterviews. Warum haben Sie sich dazu geäußert? Dass es so einfach gewesen zu sein scheint – wenigstens in Einzelfällen –, Umfragen zu fälschen, das hätte ich nicht gedacht. Mein Vertrauen war dadurch sehr erschüttert. Das war ein Versagen der Qualitätskontrolle. Wir haben schließlich nicht über Peanuts gesprochen, sondern es ging auch um Umfragen im medizinischen Bereich, die manipuliert oder gefälscht wurden.

Inzwischen ist einige Zeit vergangen. Sie haben auch mit Branchenvertretern gesprochen. Wie ist Ihr Eindruck heute? Mein Eindruck ist, dass es Probleme gibt, die unter anderem damit zu tun haben, dass Auftraggeber auf die Preise drücken. Ökonomischer Zwang kann immer zu Schluderei führen. Zum Zweiten gibt es in dieser Branche, wie am Bau, Subunternehmen und Sub-Sub-Unternehmen. Da ist die Gefahr natürlich größer, als wenn alles aus einer Hand gesteuert wird.


Sehen Sie denn für die Branche einen Regulierungsbedarf? Branchenvertreter haben mir berichtet, dass es eine Art Schlichtungsstelle gibt, die aber niemand kennt. Die Branche muss einfach aktiver werden. Das bedeutet, sowohl nachvollziehbare Standards zu setzen, als auch die Etablierung eines Systems voranzutreiben, durch das Missstände und Fehlentwicklungen früh entdeckt und gemeldet werden können. Gegen schwarze Schafe muss man energisch vorgehen.

Nach meiner Kenntnis sind die beiden beschuldigten Unternehmen aus dem Verband ADM ausgeschlossen worden. Ja, das hätte aber auch früher geschehen können, wenn es ein Frühwarnsystem geben würde. Ich bin froh, dass wir jetzt unter anderem durch den Whistleblower eine erhöhte Aufmerksamkeit für die Redlichkeit von Marktforschung entwickeln.

Und die geht mit der Forderung einher, nur noch an zertifizierte Unternehmen Aufträge zu vergeben? Es hat von unserer Seite einen Hinweis an die anderen Ressorts in der Bundesregierung gegeben. Die öffentliche Hand hat ja ein großes Nachfragepotenzial. Da, wo Aufträge vergeben werden, sollte auf die Einhaltung der ISO-Norm geachtet werden. Wir wollen saubere Ergebnisse als Grundlage unserer Arbeit bekommen.

In der Branche wird immer wieder geklagt, dass es schwer fällt, Teilnehmer für Umfragen zu bekommen, weil für den Verbraucher die Abgrenzung zum Direktmarketing nicht deutlich ist. Dass sich Leute als Marktforscher ausgeben, um bestimmte Dinge zu verkaufen, ist unredlich. Wir prüfen daher, im Bereich der Gas- und Stromverträge eine schriftliche Bestätigung einzuführen. Der Verbraucher bekommt dann nochmal die Möglichkeit, zu prüfen, ob er das Produkt überhaupt haben will.

Aber solche Praktiken haben viele Menschen im Kopf, wenn sie einen Anruf von einem Marktforscher bekommen. Ja, viele Leute haben keine Lust mehr, am Telefon Rede und Antwort zu stehen, weil sie sich fragen: „Was habe ich davon?“ Ich kann mir vorstellen, dass diese Anrufe beim Verbraucher nicht gut ankommen, dass sie einfach auflegen und sich denken: „Ich hatte nicht darum gebeten, mich anzurufen.“

Diese Umfragemüdigkeit trifft dann aber auch die Sozialforschung, die wichtige Ergebnisse als Grundlage für die Politik liefert? Ja, das ist dann so.
Die Branche muss sich die Frage stellen, ob und wie sie im Bereich Image und Qualitätssicherung aktiv wird und wie sie für Vertrauen wirbt und deutlich machen kann, warum ihr Tun einen Mehrwert hat. Sie tut gut daran, mehr über Fehlentwicklungen zu berichten und wie sie dagegen vorgeht. Die Selbstreinigungskräfte einer Branche müssen funktionieren.
Und hinzu kommt die Diskussion über Datenschutz. Natürlich kann eine Befragung auch zu einer Profilbildung führen. Verbraucher stoßen sehr häufig auf Situationen, wo sie nach ihren Daten oder persönlichen Einstellungen gefragt werden. Dadurch sind sie – wie ich finde zu Recht – misstrauisch. Aber ich sehe auch, dass es dadurch für die Branche – aus gutem Grunde – schwieriger wird, Markt- und Meinungsforschung durchzuführen.

Eigentlich braucht die Marktforschung keine Angst vor dem Datenschutz zu haben, denn Umfragen sind anonym. Die personenbezogenen Daten müssen von den inhaltlichen Daten getrennt werden. Das wissen die Verbraucher aber nicht. Vielleicht sollte die Branche mehr darüber reden, welche Qualitätsstandards sie hat und warum und wie sie entwickelt worden sind. Und vielleicht sollte sie auch den Dialog mit anderen gesellschaftlichen Organisationen suchen, damit sie nicht lediglich als Teil der Wirtschaft betrachtet wird.

Das vollständige Interview lesen Sie in planung&analyse 5/2018
Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen und akzeptiere diese.
stats