Interview mit ADM-Vorstand

Auch ein Verband muss sich wandeln

Roland Abold
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Roland Abold
Im Geschäftsbericht des Arbeitskreis Deutscher Markt-, und Sozialforschungsinstitute (ADM) thematisiert Roland Abold, Vorstand des Verbandes, den Wandel in der Branche und fragt, wie eine Interessenvertretung damit umgehen soll. Wir fragen zurück.

Sie sprechen im Geschäftsbericht des ADM über die vielen neuen teilweise branchenfremden Anbieter, hauptsächlich aus dem digitalen Bereich, die in den Marktforschungsmarkt drängen. Sie haben sich auch gleich die Frage dazu gestellt: Wie soll ein Branchenverband wie der ADM mit dieser Entwicklung umgehen? Als Verband der gesamten Branche ist es zum einen unser Auftrag, diesen Wandel zu gestalten und auch in Bezug auf unsere Mitgliederbasis einen möglichst umfassenden und breiten Querschnitt der am Markt tätigen Unternehmen anzustreben. Daher sind alle  Unternehmen, die sich im Bereich der datenbasierten, angewandten Forschung betätigen, prinzipiell zunächst einmal willkommen.



Sollen IT- oder Marketingunternehmen, die Marktforschung nur „nebenher“ betreiben, auch in den ADM aufgenommen werden dürfen? Aus Sicht des ADM-Vorstandes ist es weniger entscheidend, ob ein Unternehmen ausschließlich Markt-, Meinungs- und Sozialforschung betreibt oder dies nur eines von mehreren Betätigungsfeldern ist. Vielmehr besteht aber eine klare Verpflichtung, die Grundsätze und Regeln des ADM in Bezug auf Anonymität und Wissenschaftlichkeit sowie hinsichtlich der Trennung der Markt- und Meinungsforschung von anderen Tätigkeiten klar erkennbar zu wahren. Bei (Direkt-)Marketing ist das schwer vorstellbar, bei IT-Unternehmen oder auch ganz anderen Branchen vielleicht schon.

Was machen Sie, wenn junge Unternehmen einen Antrag stellen, die neue Methoden verwenden, über die in der Fachwelt noch diskutiert wird? Prinzipiell kann jedes Unternehmen einen Antrag auf Aufnahme in den ADM stellen. Die Satzung des ADM gibt eine Reihe von Regeln vor, die erfüllt sein müssen, wenn Unternehmen Mitglied im ADM werden wollen. Vorstand und Geschäftsführung prüfen, inwieweit die entsprechenden Voraussetzungen für einen Beitritt erfüllt sind. Dies beinhaltet auch einen Vor-Ort-Termin bei den potenziellen Mitgliedern. Am Ende wird per Vorstandsbeschluss über die Aufnahme entschieden. Die Diskussion neuer Methoden ist daher per se kein Ausschlusskriterium. Entscheidend ist, ob die geltenden Standesregeln eingehalten werden. Dazu gehört insbesondere auch Transparenz über verwendete Methoden, egal ob diese neu oder „bewährt“ sind.


Passen die derzeitigen Statuten zu den in den Markt drängenden Unternehmen? Unsere ADM-Satzung enthält derzeit einige Vorgaben: Ordentliche Mitglieder können demnach alle privatwirtschaftlichen Unternehmen werden, die ihren Sitz in Deutschland haben, deren Geschäftszweck wissenschaftliche Markt- und Sozialforschung einschließlich Primärforschung ist und die rechtlich eigenständig sind. Darüber hinaus müssen die Unternehmen mindestens drei Jahre am Markt sein, einen bestimmten Mindestjahresumsatz erwirtschaften und die Einhaltung der Qualitätsstandards, der Vereinssatzung und der Beschlüsse des ADM sowie der Berufsgrundsätze und Standesregeln der Markt-,Meinungs-, und Sozialforschung gewährleisten. Für junge Startups und kleinere Unternehmen  sind oftmals die notwendigen drei Jahre am Markt sowie der Umsatz eine Hürde, um in den Verband einzutreten. Eine praktikable Möglichkeit, auch diese Newcomer in den Verband einzubinden, könnte sich aus einer „assoziierten Mitgliedschaft“ ergeben, die in der Satzung jedoch aktuell nicht spezifiziert wird. Im Rahmen einer Arbeitsgruppe erarbeiten wir hierzu derzeit ein Konzept.  Sicherlich wird es dabei auch ein entsprechend angepasstes Beitrags- und Stimmrechtsmodell geben müssen.

Muss die Definition von Marktforschung beim ADM angepasst werden? Eine feste Definition von „Marktforschung“ und im Übrigen auch Meinungs- oder Sozialforschung existiert aus Sicht des ADM nicht, da die Branche sich seit jeher permanent wandelt. Allerdings stand bis zur Digitalisierung sehr stark die Primärforschung im Vordergrund. Dies ist im Zeitalter von Big-Data und der Integration verschiedenster Datenquellen nicht mehr ganz zeitgemäß. Primärforschung bleibt ein integraler Bestandteil unserer Branche, ist jedoch nicht mehr notwendige Bedingung, um bei einem Unternehmen oder einem Projekt von Marktforschung zu sprechen.

Wie kann der ADM für die Newcomer in der Branche – ob nun Startups oder IT-Berater – attraktiv werden? Um die Attraktivität des ADM sowohl für neue als auch für bestehende Mitglieder weiter zu steigern,  erarbeiten wir derzeit eine Reihe neuer Formate und Initiativen. Konkret möchten wir zukünftig verschiedenen Interessengruppen eine bessere Plattform bieten, auf der sie ihre spezifischen Themen im kleineren Kreis zielgerichtet entwickeln, diskutieren und dann im Rahmen der bewährten Formate, wie beispielsweise der halbjährlichen Mitgliederversammlung, in den größeren ADM-Kontext einbringen können.

Sehen Sie solche Unternehmen eher als Gefahr oder Bereicherung für die Branche? Und für den ADM?
Sofern die genannten ADM-Grundsätze hinsichtlich Anonymität und Wissenschaftlichkeit und der Trennung von Markt-, Meinungs- und Sozialforschung von anderen Tätigkeiten gewahrt bleiben, sehen wir eher Vorteile für die gesamte Branche und damit für den ADM. Für  potenzielle Mitgliedsunternehmen kommen  Vorteile  aus der Vernetzung mit Experten und Unternehmen aus der Markt- und Sozialforschungsbranche sowie durch unsere ADM-Services für Mitglieder. Für den Verband ergeben sich zusätzliche Möglichkeiten, noch intensiver in neue Entwicklungen und Branchentrends involviert zu sein und dadurch die Interessensvertretung und Branchenentwicklung noch effektiver  zu begleiten. Für alle zusammen entsteht eine neue Plattform, die es uns ermöglicht, mit neuen und etablierten Playern einen Dialog zu starten und zukünftig stärker miteinander als übereinander zu sprechen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Abold.

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