infas-Lebenslagenindex

Wie ein Virus die Gesellschaft spaltet

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Das Corona-Virus wirkt sich auf jeden von uns aus, allerdings nicht im gleichen Maße. So haben Deutsche mit einem hohen Lebensstandard deutlich weniger Angst um Finanzen, Arbeitsplatz und Gesundheit als solche mit niedrigem. Das geht aus dem aktuellen Lebenslagenindex von infas hervor. Laut diesem besteht außerdem die Gefahr, dass die Corona-Krise die Spaltung der Gesellschaft vorantreibt. 
Im aktuellen infas-Lebenslagenindex vom April diesen Jahres werden die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Menschen in Deutschland untersucht. Der Index selbst wird seit 2007 erhoben. Befragt werden in den repräsentativen Telefoninterviews zirka 1.000 Menschen pro Monat, und zwar zu den wirtschaftlichen Lebensbedingungen und der gesellschaftliche Teilhabe; auch Einschätzungen der eigenen Lage und Zukunftserwartungen fließen mit ein. Daraus leiten die Forscher schließlich drei Kategorien ab: Menschen mit niedriger, mittlerer und hoher Lebenslage.

Niedrigere Lebenslage, größere Sorgen

Ob Angst vor Ansteckung mit dem Virus oder generelle Auswirkungen auf den Alltag: Befragte mit einer hohen Lebenslage zeigen sich durchweg gelassener als solche mit einer mittleren oder niedrigeren Lebenslage. So sagen 29 Prozent aus ersterer Kategorie, sie haben Angst, sich mit Corona anzustecken, während 38 Prozent der Menschen mit mittlerer und 41 Prozent jener mit niedriger Lebenslage sich darum sorgen. Von den Einschränkungen im täglichen Leben belastet sehen sich 41 Prozent jener mit niedriger Lebenslage, 28 Prozent jener mit mittlerer und nur 19 Prozent der Befragten mit hoher Lebenslage. Dasselbe Muster zeigt sich auch bei der Frage nach Geldproblemen und Arbeitslosigkeit: Während sich jeweils nur drei Prozent der Menschen mit hoher Lebenslage davor fürchten, liegt der Wert bei denen mit niedriger Lebenslage bei 35 beziehungsweise 26 Prozent.


Dazu passt, dass das Vertrauen in staatliches Handeln in der Bevölkerung mit niedriger Lebenslage geringer ist als das der restlichen Befragten. Ein Indikator dafür ist das Ansehen der Volksparteien. Von den Befragten mit niedriger Lebenslage sagen 32 Prozent, die Krise lasse das Ansehen der Volksparteien steigen, von denen mit mittlerer Lebenslage sind 42 Prozent dieser Meinung und von den Befragten mit hoher Lebenslage ganze 62 Prozent. Dass das Vertrauen in staatliches Handeln durch die Krise steigt finden nur 18 derer mit niedriger, aber 55 Prozent derer mit hoher Lebenslage. Insgesamt sehen die Forscher von infas in den Ergebnissen konkrete Anzeichen einer Spaltung der Gesellschaft, die durch die Pandemie verstärkt werden könnte.
Die Studie zeigt: Menschen mit niedriger Lebenslage verunsichert die Corona-Krise mehr als solche mit mittlerer oder hoher Lebenslage.
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Die Studie zeigt: Menschen mit niedriger Lebenslage verunsichert die Corona-Krise mehr als solche mit mittlerer oder hoher Lebenslage.

Corona: Eine Belastung in fast allen Bereichen

Der Lebenslagenindex lässt nicht nur Schlüsse auf die einzelnen Gruppen zu, sondern auch auf die allgemeine Lage in Deutschland. So stellt die Krise für viele Befragte zweifellos eine mentale, finanzielle und gesellschaftliche Herausforderung dar. 49 Prozent aller Befragten gaben an, sich um Eltern und Großeltern zu sorgen. 27 Prozent empfinden die Einschränkungen im täglichen Leben als belastend und 31 Prozent fühlen sich dadurch einsam.

Dass die Corona-Pandemie Bürger- und Freiheitsrechte einschränkt befürchten 56 Prozent, und ganze 91 Prozent rechnen mit einer wachsenden Arbeitslosigkeit. Außerdem, so suggeriert das Feedback der Befragten, zeigt die Pandemie Schwächen des Staates auf: 63 Prozent sagen, die hiesige Wirtschaft sei überfordert, und 66 Prozent finden, dass durch die Pandemie Schwächen im Gesundheitssystem deutlich werden. Zudem glauben 36 Prozent, das föderale System sei hinderlich für ein gutes Krisenmanagement.


Auch die Bereiche Arbeit, Einkaufen und Kinderbetreuung erfahren aktuell starke Veränderungen. So arbeiten 34 Prozent aller befragten Erwerbstätigen mittlerweile überwiegend im Home-Office. Das bringt neue Herausforderungen mit sich, insbesondere, was die Kinderbetreuung angeht. Von jenen Arbeitnehmern, die Kinder zu betreuen haben, fühlt sich fast die Hälfte (49 Prozent) vom Arbeitgeber allein gelassen. Eher konstant hingegen scheint das Einkaufsverhalten der Deutschen: 77 Prozent sagen, sie haben dieses nicht geändert; 10 Prozent kaufen aktuell mehr online ein und nur 9 Prozent haben tatsächlich Produkte „gehamstert“.
Um das Wohlergehen der Eltern und Großeltern machen sich die Deutschen zurzeit am meisten Sorgen, um den Verlust von Arbeitsplatz oder Wohnung kaum.
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Um das Wohlergehen der Eltern und Großeltern machen sich die Deutschen zurzeit am meisten Sorgen, um den Verlust von Arbeitsplatz oder Wohnung kaum.

Die Krise hat auch positive Auswirkungen

Trotz all der Sorgen und Herausforderungen, die die Pandemie mit sich bringt, können die Befragten der Krise erstaunlicherweise auch Positives abgewinnen. Während 45 Prozent glauben, dass der Zusammenhalt in der Gesellschaft zunimmt, glaubt nur ein Viertel, dass die Menschen in dieser Zeit nur an sich selbst denken, und ebenfalls nur ein Viertel, dass die Pandemie die Konflikte zwischen Jung und Alt vergrößert. 74 Prozent sind derweil der Meinung, dass man sich momentan wieder mehr auf die wahren Dinge des Lebens besinnt und ebenso viele sind überzeugt, dass der digitale Wandel durch Corona beschleunigt wird.
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