infas Institut für angewandte Sozialwissenschaften

Die Vermächtnisstudie: Was die Deutschen bewegt

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Das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaften begeht sein 60-jähriges Bestehen. Anlässlich dessen veröffentlichen wir eine Zusammenfassung der Vermächtnisstudie, die das Institut nun schon zum zweiten Mal mit den Partnern DieZeit und dem WZB herausgibt. Sie soll ein Seismograf gesellschaftlicher Entwicklungen sein und Aufschluss darüber geben, wie die Deutschen leben und was sie sich für nachfolgende Generationen wünschen.

Wie ticken die Deutschen und wohin steuert das Land? Antwort auf diese Fragen sucht die Vermächtnisstudie vom infas Institut für Sozialwissenschaften gemeinsam mit der Wochenzeitung Die Zeit und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Zwischen Mai und September 2018 befragten WZB und das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaften 2.070 Personen aus ganz Deutschland. 1.227 davon hatten bereits im Sommer 2015 an der ersten Runde der Vermächtnisstudie teilgenommen. Als Methode wurde die CAPI-Befragung gewählt. Eine besondere Komponente der Interviews war der sogenannte Riechtest, bei dem die Befragten gebeten wurden, ihre Eindrücke zu den Düften Grapefruit, Rose, Heu und Leder zu äußern.



Laut der Zeitschrift Die Zeit versteht sich die Studie als „Seismograf gesellschaftlicher Entwicklungen in allen Lebensbereichen“. Die untersuchten Themenfelder reichen von Arbeit über Digitalisierung bis hin zu den größten Ängsten der Deutschen. Dabei wurden stets drei Kategorien erforscht: Das Hier und Jetzt, die normativen Vorstellungen und die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Entwicklung insgesamt. Das heißt: Wie beurteilen die Menschen ihre aktuelle Situation, welche Werte und Entwicklungen halten sie für erstrebenswert und inwiefern denken sie, dass es künftigen Generationen tatsächlich gelingt, diese Zukunftswünsche in die Tat umzusetzen?

Die Ergebnisse sind vielfältig. So zeigt sich zum einen eine gewisse Stabilität. 90 Prozent denken, in zehn Jahren dort zu stehen, wo sie jetzt stehen. Ebenfalls unverändert bleibt die Tatsache, dass es oftmals eine große Differenz zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung gibt – dazu gleich mehr. Es gibt aber auch Ausnahmen: Auf den technischen Wandel beispielsweise schauen die Befragten heute gelassener als noch 2015.
Technischen Neuerungen stehen die Befragten heute gelassener gegenüber als 2015 (Abb. 3). Allerdings sind heute weniger Menschen der Meinung, dass sich kommende Generationen dank des Internets weniger allein fühlen, als noch 2015.
© Zeit/Vermächtnisstudie
Technischen Neuerungen stehen die Befragten heute gelassener gegenüber als 2015 (Abb. 3). Allerdings sind heute weniger Menschen der Meinung, dass sich kommende Generationen dank des Internets weniger allein fühlen, als noch 2015.
Jutta Allmendinger, Soziologin und Präsidentin des WZB, beobachtet: Die Grafiken, die den Fragen zugeordnet sind, ergeben meist die Form eines Spitzdachs. Das heißt, die Befragten vermuten, dass ihre Zukunftserwartungen enttäuscht werden. Ein Wir-Gefühl ist beispielsweise 75 Prozent der Befragten wichtig. Der Wunsch, die nachfolgenden Generationen hätten ein solches Wir-Gefühl, ist sogar noch stärker ausgeprägt. Die meisten gehen jedoch davon aus, dass dies Wunschdenken bleibt – nur 25 Prozent glauben, dass das Thema den zukünftigen Generationen auch wirklich wichtig sein wird. Ebenfalls Misstrauen herrscht im Bereich Arbeit: Während es 73 Prozent der Befragten heutzutage wichtig ist, einen Job zu machen, den man auch wirklich machen will, glauben nur circa neun Prozent, dass dies auch den zukünftigen Generationen wichtig sein wird. Die Linie in der Grafik ist auch hier gezackt: Die Befragten befürchten, dass sich eine bisher stabile Wertvorstellung in Zukunft auflösen wird.
Das „Wir“ ist wichtig, finden 75 Prozent aller Befragten. Das Vertrauen darin, dass es künftigen Generationen ebenfalls wichtig sein wird, ist jedoch gering.
© Zeit/Vermächtnisstudie
Das „Wir“ ist wichtig, finden 75 Prozent aller Befragten. Das Vertrauen darin, dass es künftigen Generationen ebenfalls wichtig sein wird, ist jedoch gering.

Blumige Aussichten

Doch sind die Deutschen in jeder Hinsicht pessimistisch und fürchten sich vor Wandel? Die Antwort lautet ganz klar: nein. Bei der Frage, ob man seine Kinder möglichst früh ans Internet heranführen würde, lag der Mittelwert im Jahr 2015 bei knapp 3,5 auf einer Skala von eins („stimme voll und ganz zu“) bis sieben („stimme überhaupt nicht zu“). Im Jahr 2018 liegt er bei etwas über vier. Zwar glauben fast 50 Prozent, dass Deutschland bei der Digitalisierung Aufholbedarf hat, und nur 14 Prozent denken, dass Bildungseinrichtungen hierzulande gut auf die digitale Entwicklung vorbereitet sind. Allerdings glauben auch nur drei Prozent, dass Computer sie in ihrem Job ersetzen könnte.


Und auch von einer generellen Unzufriedenheit kann nicht die Rede sein. Das bestätigt eine etwas ungewöhnliche Komponente des Interviews: der Riechtest. Hier sollten die Teilnehmer an verschiedenen Düften riechen und entscheiden, welche davon am besten zu ihrem Leben passen. Der allgemeine Konsens: „Die angenehmen“, schreibt Zeit-Autor Rudi Novotny. Die genannten Assoziationen umfassten unter anderem die Wörter „Sonne“, „Gesundheit“ und „Blumengarten“.

Apropos Wandel: Migration, Klimawandel und Heimat – diese Themen dominierten in den letzten Jahren die medialen Berichterstattungen. Die Befragten der Vermächtnisstudie zeichnen jedoch ein Bild, das sich in wichtigen Aspekten von dem abhebt, was in vielen Medien vermittelt wurde. Beispiel Heimatbegriff: 59 Prozent aller Befragten verbinden mit diesem Begriff nationale Ideen und denken in erster Linie an Deutschland. Damit liegt diese Antwortmöglichkeit allerdings eher im Mittelfeld. Viel mehr, nämlich 88 Prozent, sagen: Heimat ist, wo ich mich geborgen fühle. Damit landet diese Antwort sowohl bei Deutschen mit als auch bei Deutschen ohne Migrationshintergrund auf Platz eins.
Heimat – für die meisten Deutschen beschreibt der Begriff einen Ort, an dem man sich geborgen fühlt.
© Zeit/Vermächtnisstudie
Heimat – für die meisten Deutschen beschreibt der Begriff einen Ort, an dem man sich geborgen fühlt.

Die Ängste der Deutschen

Auch wenn die Befragten mit ihrer aktuellen Lebenssituation vorwiegend zufrieden sind, so hat doch jeder von ihnen auch Ängste. Ganz vorne steht die Angst, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren. 69 Prozent der Befragten fürchten sich davor. Auf Platz zwei liegt mit 65 Prozent die Angst vor Terroranschlägen in Deutschland, die jedoch seit 2015 um knapp vier Prozentpunkte zurückging. Schaut man darauf, welche Ängste im Vergleich zu 2015 am meisten zugenommen haben, so ist hier vor allem die Angst vor Klimakatastrophen erwähnenswert, die um knapp fünf Prozentpunkte auf 64 Prozent stieg. Auf der anderen Seite steht die Angst vor Massenarbeitslosigkeit, die um 5,4 Prozentpunkte auf 35 Prozent gesunken ist. Interessant ist auch, dass die Angst vor Ausländerfeindlichkeit mit 47 Prozent zwar immer noch deutlich vor der Angst vor Überfremdung liegt (34 Prozent). Der Trend zeigt jedoch, dass seit 2015 erstere ab- und letztere zugenommen hat, und zwar jeweils um knapp vier Prozentpunkte.

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