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Gendersprache ist auch für planung&nalyse ein Thema
© IMAGO / Christian Ohde
Gendersprache ist auch für planung&nalyse ein Thema
Als Medium kommt man um das Thema Gendern nicht mehr herum. Die dfv Mediengruppe wollte wissen, wie ihr Fachpublikum dazu steht und wie wir künftig in unseren Medien mit dieser Frage umgehen sollen. Das ist nicht die erste Umfrage zu dem Thema, aber wir konnten durch differenzierte Fragestellung eine Entscheidungshilfe für die unterschiedlichen Medien im Haus entwickeln.
Vor Jahren ging es in einer Talkshow um künstliche Befruchtung bei Frauen, die keine Kinder bekommen können. Ein höchst weibliches Thema. Eine Frau meldete sich zu Wort und sagte: „Ich bin ein Betroffener“. Schwer verständlich, wie frau einen Satz zu diesem Thema so beginnen kann. Wenn also heute von gendergerechter Sprache die Rede ist, sollte zuallererst geschaut werden, ob eine Frau oder ein Mann die Position bekleidet und entsprechend auch genannt werden. Angela Merkel war demnach nicht Bundeskanzler, sondern Bundeskanzlerin. Damit wäre schon viel gewonnen.
Wer wird ausgegrenzt?

Das Ziel von gendergerechter Sprache ist es, möglichst viele Menschen in der Ansprache zu inkludieren. Was häufig übersehen wird: Texte mit Gendersternchen, Unterstrichen oder Binnen-I sind ein großes Hindernis für Menschen mit Seh- oder Lese-Einschränkungen. Darauf weisen zahlreiche Verbände hin. In der taz schreibt Autorin Dörte Stein: „Die angeblich diskriminierungsfreie Sprache ist … auch diskriminierend. Die Sprache absichtlich zu verkomplizieren bedeutet zwangsläufig auch, die Hürde höher zu legen und Andere aus dem Diskurs auszuschließen. Schon der Durchschnittsleser stolpert durch gegenderte Texte, für Nichtmuttersprachler sowie Menschen mit Leseschwäche, Hörbehinderung oder kognitiver Einschränkung ist die Herausforderung umso größer, denn gendergerechte Sprache und leichte Sprache folgen gegensätzlichen Regeln. Barrierefreiheit war gestern.“

Darüber hinaus ist die Sensibilität dafür, dass Frauen die Hälfte der Menschheit ausmachen und sich dies auch in der Sprache zeigen sollte, zu begrüßen. Allerdings kann man das Kind auch mit dem Bade ausschütten. So geschehen durch allerlei Wortschöpfungen, durch Sternchen, Binnen-I, Schräg- und Bindestriche und dies alles nicht nur geschrieben, sondern auch gesprochen (etwa im Deutschlandfunk).

Sollen wir Gendern und wie?

Wie sollen wir uns zum Thema Gendern verhalten? Diese Frage stellt sich nicht nur die Redaktion von planung&analyse, sondern zahlreiche Kolleginnen und Kollegen in der dfv Mediengruppe, dem größten europäischen Fachverlag mit Titeln von der Allgemeinen Fleischer Zeitung bis zur Zeitschrift für neues Energierecht. Wir entschieden uns zu einer Marktforschung.

Nicht, dass es davon nicht schon einiges gäbe. Prof. Kilian Moritz, von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, hat uns sein gesammeltes Material zur Verfügung gestellt. Eine Fundgrube zum Thema Gendern.

So hatte Infratest dimap im Jahr 2020 und 2021 die Wahlberechtigten zu dem Thema repräsentativ per CATI befragt. Mehr als die Hälfte (56 Prozent) lehnten demnach die Verwendung des gesprochenen Binnen-I in Medien „eher“ oder „voll und ganz“ ab. Ein Jahr später waren es schon 65 Prozent. Die zunehmende Präsenz einer gendergerechten Sprache in der Öffentlichkeit hat deren Akzeptanz somit nicht gesteigert. Im Gegenteil. Natürlich gibt es die erwartbaren Unterschiede. Frauen ist Gendern wichtiger als Männern und Junge sind dafür eher sensibilisiert als Ältere.

Zu ähnlichen Ergebnissen kamen die Forscher von Forsa in einer Umfrage für RTL bei der Frage nach der Akzeptanz des Gendern in geschriebenen Texten. Sie schrieben: „Ob in der neutralen Variante (wie Lehrende oder Lehrkraft), in der Nennung beider Geschlechter (Lehrerinnen und Lehrer) oder Genderzeichen wie Doppelpunkt und Sternchen (Lehrer:innen, Lehrer*innen) – auch in geschriebener Form in Texten stört das Gendern die Deutschen: Über die Hälfte der Befragten sieht das so.“ YouGov, der Mitteldeutsche Rundfunk, das ZDF-Politbarometer – alle fragten die Menschen, ob sie gendergerechte Sprache gut finden und bekamen die Antwort: „Nein“.

Wer sich die Sammlung von Stilblüten ansieht, die Prof. Moritz zum Gendern gesammelt hat, den wundert das nicht: So stand in einer studentischen Klausur „Urheber: innen rechts Verletzung“, er fand in einem Medium das Wort die Bürger*innenmeister*innenkandidat*innen und musste lesen: „Französ*innen, Spanier*innen und Deutsch*innen“. Er sammelte die Mediennutzer*innentypologie“ und die „Kanzler:innenkandidat:innen“ Bei solchen Wortungetümen kann man die obigen Umfrageergebnisse nur allzu gut nachvollziehen.

Wie geht Gendern bei den Fachmedien?

Unsere Marktforschungs-Tochter Business Target Group (BTG) unter Leitung der Marktforscherin Mareike Wisniewski ist das Thema daher etwas anders angegangen: Wir haben einen identischen Text in verschiedenen Varianten formuliert:

* mit dem generischen Maskulinum (etwa Teilnehmer einer Befragung),
* mit Nennung beider Geschlechter (Teilnehmerinnen und Teilnehmer),
* mit geschlechtsneutraler Formulierung (Teilnehmende) und
* mit dem Doppelpunkt (Teilnehmer:innen) als Beispiel für die sichtbarste Art von gendergerechter Sprache.

Diesen Text bekamen die Befragten per Zufallsauswahl (jeder nur eine Variante) und konnten ihn bewerten. Das erstaunliche Ergebnis:
• Diejenigen, denen gendersensible Sprache nach eigener Auskunft nicht so wichtig ist (das waren über alle Medien hinweg etwa zwei Drittel der Befragten), präferieren zwar das generische Maskulinum, können sich aber auch mit geschlechtsneutralen Formulierungen (also Studierende statt Studenten) anfreunden.
• Und diejenigen, denen gendersensible Sprache ein wichtiges Anliegen ist (rund ein Viertel aller Befragten), ist die geschlechtsneutrale Formulierung sympatischer als die Nennung beider Geschlechter oder der Doppelpunkt.

Die Studie

Die Business Target Group (BTG) hat im Zeitraum 12. November bis 8. Dezember 2021 eine repräsentative Online-Befragung unter den Nutzern und Nutzerinnen zahlreicher Titel der dfv Mediengruppe durchgeführt. Insgesamt nahmen 2162 Personen teil, davon 196 aus der p&a-Community.

Die p&a-Stichprobe bei der dfv-Umfrage zum Gendern
© p&a

Da deutet sich also ein Kompromiss an und diese differenzierte Auskunft kann nun den Medien der dfv Mediengruppe helfen, ihre eigenen Redaktionsstandards zu finden. Denn die Ergebnisse sind je nach Medium durchaus unterschiedlich ausgefallen.
Die p&a-Stichprobe bei der dfv-Umfrage zum Gendern / Angaben in Prozent n=196
© p&a
Die p&a-Stichprobe bei der dfv-Umfrage zum Gendern / Angaben in Prozent n=196
Während nur 11 Prozent der Leserinnen und Lesern der „agrarzeitung“ das Thema insgesamt wichtig ist, schätzen 44 Prozent bei Horizont eine Berücksichtigung der Geschlechter in der Sprache als relevant ein. Bei planung&analyse sind 23 Prozent der Befragten der Meinung das Thema ist „wichtig“ oder „sehr wichtig“.

Was bedeutet das jetzt für unsere praktische journalistische Arbeit? Der Doppelpunkt (oder das Binnen-I oder das Sternchen) ist für die Gender-Skeptiker (die in der Leserschaft immer noch in der Mehrheit sind) offenkundig eine Provokation, sie lehnen diese Form ähnlich vehement ab wie die Befürworter des Genderns das generische Maskulinum. Wenn es also Kompromisslösungen gibt, dann offenbar am ehesten durch geschlechtsneutrale Formulierungen und eigentlich auch durch die regelmäßige Nennung beider Geschlechter, also zum Beispiel Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen – eine Form, die bei unserer Befragung überraschend schlecht abgeschnitten hat. Vielleicht liegt das daran, dass jede sprachliche Figur die Menschen nervt, wenn sie zur Marotte wird? Sie kennen das aus den TV-Nachrichten: Die Ärztinnen und Ärzte können den Patientinnen und Patienten jetzt das Medikament verabreichen, dessen Freigabe Virologinnen und Virologen den Politikerinnen und Politikern empfohlen haben ...

Fazit der p&a-Redaktion: Wir bemühen uns um eine gendersensible Sprache, die niemanden ausschließt, weder Frauen noch Männer, weder Minderheit noch Mehrheit. Deshalb vermeiden wir nach Möglichkeit das generische Maskulinum. Andererseits verzichten wir darauf, den Doppelpunkt zum Standard unserer Sprache zu machen. Stattdessen verwenden wir geschlechtsneutrale Formulierungen, wo sie zur Verfügung stehen. Und wir nennen beide Geschlechter, allerdings nicht so häufig, dass der Text dadurch schwer lesbar wird.
„Wir bemühen uns um eine gendersensible Sprache, die niemanden ausschließt, weder Frauen noch Männer, weder Minderheit noch Mehrheit“
Allerdings: Keine Regel ohne Ausnahme. Etwa in unseren Überschriften. Die sollen kurz und prägnant sein; das trifft leider auf gendersensible Formulierungen selten zu.

Lesen ist Arbeit. Für die Augen und fürs Gehirn. Eine Arbeit, die eine Menge Spaß machen und das Leben bereichern kann. Oder die anstrengend und nervig sein kann. Deshalb bemühen wir uns um eine Sprache, die es Ihnen, unseren Lesern, Leserinnen, Leser:innen, also unserem Publikum, unserer Audience (falls Sie auf Anglizismen stehen) so leicht wie möglich macht.

  1. Ralph Ohnemus
    Erstellt 13. Januar 2022 14:45 | Permanent-Link

    Liebe Schreibende,

    mit diesem Kompromiss kann ich leben.

  2. Sabine Hedewig-Mohr
    Erstellt 19. Januar 2022 18:39 | Permanent-Link

    danke für Ihren netten Kommentar, Herr Ohnemus!

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