Implizite Corona-Studie Teil 2

Amerikaner empfinden mehr Angst vor Virus

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© eye square
Eye Square hat in verschiedenen Ländern die Sorgen und Erfahrungen der Menschen in der Krise erhoben. Außerdem wurde ein 4-Phasen-Modell entwickelt und ein Experience-Center mit Studienergebnissen eröffnet.

Während Deutschland im Prozess der Krisenbewältigung bereits in Richtung Regression voranschreitet, scheint in den USA weitgehend noch Panik vorzuherrschen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Marktforschers Eye Square zur Wahrnehmung der Corona Pandemie in den USA. Die impliziten Messungen zu den Attributen “Krankheit” und “Ansteckung” zeigen, dass die rein physiologischen Gefahren sowohl für Grippe als auch für das Coronavirus ähnlich eingeschätzt werden. Dies ist bei den eher psychologischen und sozialen Folgen der Pandemie deutlich anders. So ergeben implizite Messungen in den USA bezüglich der Begriffe „Bedrohung”, “Angst” und “Krise“ deutlich höhere Ergebnisse. Während in den USA 72 Prozent der Teilnehmer das Coronavirus mit einer Bedrohung und 70 Prozent mit Angst assoziieren, liegen diese Werte in Deutschland nur bei 62 Prozent bzw. 56 Prozent - eine deutliche Abweichung.

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Der Grund für diese Unterschiede liegt sowohl in der wahrgenommen Nähe der Krisenursache, als auch in den politischen, sozialen und medialen Umständen, welche entweder Panik oder Entspannung als psychische Reaktionen auslösen. Um die Erfahrung der Menschen besser zu verstehen und die Kommunikation besser planen zu können, hat Eye Square ein 4 Phasen-Modell entwickelt. Damit ergibt sich eine gewisse Prognostizierbarkeit, welche Wahrnehmungen und Verhaltensweisen wahrscheinlich zu erwarten sind.

Das "Corona-Rad" - Phasen der Krisenbewältigung

Das eye square 4-Phasen-Krisenmodell beschreibt die inneren psychologischen und sozialen Reaktion und Verhaltensweisen während eine Krise.



Phase I: „Ich muss handeln” 



Das Coronavirus ist für die Menschen ein Reiz, der die eigene Sterblichkeit triggert. Durch diesen sogenannten mortalitätssalienten Reiz wird Angst und Schrecken ausgelöst. Da dieser sich auf den eigenen Tod beziehungsweise den Tod im familiären Umfeld bezieht, findet eine Erregung im tiefsten Zentrum des Menschen statt. In Phase I wird ein unruhiges Verhalten und kurzfristige Überlebensreaktionen ausgelöst, wie etwa der panische Kauf von nicht verderblichen Lebensmitteln und Toilettenpapier. Die Reaktionen sind chaotisch und könnten paranoid sein. Die Wahrnehmung ist geschärft, intensiv und nichtlinear, die Bilder sind dystopisch, klinisch und tödlich. Die Worte sind objektiv, neu und hart: "Triage" zum Beispiel. Das Aufmerksamkeitsfenster ist klein, da nur die neuesten Entwicklungen im Zusammenhang mit der Krise konsumiert werden. Es gibt eine eher paranoide Reaktion gegen den Staat (Kollektiv). Der innere Archetyp ist der Kämpfer, das Verhalten ist aufgewühlt.

Phase II: "Wir können nichts machen"

 

Wenn die Realität der neuen Umstände einsetzt und Panikreaktionen abklingen, entstehen neue emotionale Reaktionen, wie Entspannung mit positiven Gefühlen durch den Wegfall des Weg ins Büros oder den langsameren Gang des Lebens mit der Aufhebung vieler Verpflichtungen. Oder es entsteht Depression verbunden mit der Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, dem ständigen Verbleiben zu Hause, dem Niedergang der Finanzmärkte. In Phase II findet ein eher passives Gefühl von Fatalismus, Unvermeidbarkeit und Delegation statt. Die Wahrnehmung ist diffus, die Erregung gering, das Gefühl, klein zu sein, führt zu einem Rückgang der Handlungen. Die Wahrnehmung ist chaotisch und traumartig. Die Menschen beginnen, auf einen "Großen Anderen" zu schauen, um sowohl Trost als auch praktische Lösungen zu finden. Dieser "Große Andere" variiert von Kultur zu Kultur; für viele ist es die Religion, für einige, besonders in Westeuropa, der Staat. Das Aufmerksamkeitsfenster erweitert sich beträchtlich, wenn die Menschen Zeit haben und anfangen, tröstende Medien zu konsumieren.

Phase III : "Ich kann handeln"

 

Charakterisiert wird diese Phase durch die Konzentration auf praktische Lösungen zur Bewältigung der Situation oder zum Umgang mit den konkreten Problemen. Diese „heroische Phase" ist eine hochgradig emotionale. Sie ist lösungs- und kontrollorientiert mit erhöhter Motivation und Einfühlungsvermögen. Sie wird oft von einem Gefühl der Solidarität und dem Aufruf zur Zusammenarbeit bei der Bewältigung der anstehenden Probleme angetrieben. Die Betonung der Solidarität führt oft zu einer Überidentifikation mit dem eigenen Selbst und kann sich in einem verstärkten Gruppenverhalten manifestieren (“Wir gegen die anderen”). In Phase III werden sowohl auf lokaler als auch auf nationaler Ebene Grenzen errichtet und befestigt. Es gibt eine Hinwendung zu intellektuellen Ressourcen wie Büchern und Online-Kursen. Die Menschen beginnen, sich auf die Verbesserung sowohl des individuellen Selbst als auch der Gruppe, der man angehört, zu konzentrieren. Die Wahrnehmung ist fokussiert, die Reaktionen logisch, das Verhalten geordnet. Es herrscht hochenergetische Erregung, mit spürbarem Einfühlungsvermögen, Geduld und Stärke.

Phase IV: "Wir dürfen handeln"

 

Nach dem Abklingen der unmittelbaren Bedrohung kehrt die Bevölkerung wieder zu einem Gefühl der (neuen) Routine zurück. Während sie mit der neuen Situation zurechtkommen, ist diese Routine gekennzeichnet durch eine erweiterte Aufmerksamkeit und eine geringe Erregung. 

Diese vier Phasen der menschlichen Krisenerfahrung entwickeln sich nicht unbedingt linear und variieren von Kultur zu Kultur. In der Regel verlaufen sie jedoch von Phase I zu Phase IV. Eine weitere Veränderung der Situation kann das “Corona-Rad” erneut in Bewegung bringen.


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