Im Auge des Betrachters

Das Berliner Startup Oculid analysiert Blickbewegungen per Smartphone

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Klaas Filler (links), Dr. Antje Venjakob und Dr. Stefan Ruff gründeten das Startup Oculid
Gerd Seipold, © Gerd Seipold
Klaas Filler (links), Dr. Antje Venjakob und Dr. Stefan Ruff gründeten das Startup Oculid
Zu welchem Ikea-Teppich wandert der Blick zuerst? Welche Pepsi-Dose sticht sofort ins Auge? Wie lange bleibt der Betrachter am Himbeer-Smoothie hängen, wie lange klebt er am Kiwi-Saft? Fragen wie diese möchte das Berliner Startup Oculid beantworten – und das mit Hilfe von Eye-Tracking, also der Erfassung und Analyse von Blickbewegungen.
Eye-Tracking ist eine wissenschaftliche Methode, die in der Medizin, den Neurowissenschaften und in der Psychologie zum Einsatz kommt. Aber auch bei Usability-Tests, die das Nutzererlebnis, die sogenannte User Experience (UX) digitaler Produkte, verbessern sollen. Oder auch in der Marktforschung, wenn es etwa um die Wirkung von Werbevideos oder das Design von Produkten geht.

Genau hier setzt Oculid an – UX und Marktforschung sind die beiden Forschungsfelder des 2018 in Berlin gegründeten Unternehmens. Es hat eine Technik entwickelt, die es möglich macht, die Blickdaten eines Handy-Nutzers mit der eingebauten Selfie-Kamera zu erfassen und auszuwerten. Dabei spielt es keine Rolle, um welches Smartphone-Modell es sich handelt – Hauptsache, es besitzt eine Handycam. Die erfassten Blickdaten geben dann Aufschluss über die
Aufmerksamkeit, die Awareness, des Betrachters. Wo liegen die sogenannten Areas of Interest, also die Blickfelder von stärkstem Interesse, die Areale, die am längsten, am häufigsten oder als Allererstes fixiert werden?

Visualisieren lassen sich diese Fixationsflächen mit einer Heatmap – von Rot für heiß bis Blau für kalt. Schaut ein Proband schneller, länger oder öfter auf eine Cola-Flasche im E-Food-Shop, wenn er vorher einen Cola-Werbeclip gesehen hat? Wie verändert sich die Fixationsdauer oder die Zahl der Fixationen über 100 Probanden hinweg, wenn der brandneue Smoothie in einer grünen Flasche daherkommt statt in einer knallgelben?
Herzstück, um all das herauszufinden, ist die Oculid-Smartphone-App. Dahinter steckt eine Software-Plattform, mit der Kunden aus Marktforschung und Konsumgüterindustrie ihre eigenen Tests mit Fragebögen anlegen können. Diese können sowohl qualitative als auch quantitative Methoden und Analysen umfassen.

Die neuartige Handycam-Eye-Tracking-Technik, die die individuellen Blickbewegungen aufzeichnet, ist eine Eigenentwicklung. Zum Einsatz kommt Künstliche Intelligenz in Form von Deep Learning und Computer Vision. „Dieses Verfahren ist unser USP, unser Alleinstellungsmerkmal“, sagt Dr. Antje Venjakob. Die 37-jährige Psychologin hat Oculid zusammen mit ihren beiden Kollegen Stefan Ruff und Klaas Filler gegründet.
Die drei kennen sich bereits von ihrer gemeinsamen Arbeit im Bereich Mensch-Maschine-Interaktion an der Technischen Universität Berlin, wo Venjakob und Ruff promovierten. Oculid ist ein Spin-off der TU Berlin.

Ursprünglich verfolgten die drei Gründer eine etwas andere Idee: Sie wollten eine sichere und bequeme biometrische Multifaktor-Authentifizierung entwickeln. Basis für dieses Verfahren zur Nutzerauthentifizierung wäre eine Kombination aus den individuellen Augenbewegungen und der blickgesteuerten Eingabe eines Codes gewesen. Bereits geplant war der Markteinstieg in der Automobilbranche. Aber dazu kam es nicht. „Das wäre zu forschungsintensiv gewesen und hätte uns zu lange gedauert“, erklärt Venjakob den Strategieschwenk. „Über Venture Capital hätten wir das nur schwer finanziert bekommen.“ Und so machten sie ihr Startup zu dem, was es heute ist: zu einem Anbieter einer mobilen Eye-Tracking-Lösung für UX und Marktforschung.

Die inzwischen 12-köpfige Firma wurde vom Bundeswirtschaftsministerium mit dem EXIST-Gründerstipendium gefördert und hat Anfang 2021 eine weitere Seed-Finanzierungsrunde abgeschlossen, die von IBB Ventures der Investitionsbank Berlin angeführt wurde. Was will Oculid mit dem frisch eingesammelten Kapital anfangen? Wie geht’s weiter? Oculid möchte seine Präsenz auf dem europäischen Markt stärken und die Funktionen der Plattform um weitere quantitative Analysen erweitern; auch eine iOS-App ist geplant.
„Wir haben noch viel vor“, sagt Venjakob. Und ihr Blick verrät: Sie meint es ernst.

Von Silvia Flier
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