Gender Social Norms Index

Warum die Glasdecke weiterhin stabil bleibt

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Auch wenn eine völlige Gleichberechtigung der Geschlechter noch nicht in Sicht ist, sollte man meinen, es gehe im Jahre 2020 emanzipatorisch zumindest aufwärts. Eine Studie der Vereinten Nationen trübt dieses Bild nun. Demnach haben 9 von 10 Menschen Vorurteile gegenüber Frauen. Allein im Bereich der Wirtschaft würde es aktuell 257 Jahre dauern, bis Geschlechterdisparitäten komplett ausgeglichen sind.
Der gerade erschienene Gender Social Norms Index wird vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) herausgegeben und misst, wie soziale Überzeugungen die Gleichstellung der Geschlechter beeinflussen, und zwar in Bereichen wie Politik, Arbeit und Bildung. Dabei wurden Daten aus 75 Ländern ausgewertet, die über 80 Prozent der Weltbevölkerung abdecken. Die Datengrundlage liefert hierbei zum einen der World Values Survey, in dem Menschen aus knapp 100 Ländern zu ihren Werten befragt werden. Die Daten hierfür stammen aus den Jahren 2005-2009 und 2010-2014. Angewandt wurde ein Methodenmix aus face-to-face Interviews, traditionellen Fragebögen und CAPI. Zum anderen erstellte das UNDP einen Gender Inequality Index (GII), der die Geschlechterungleicheit aufzeigen soll und auf Zahlen aus internationalen Datenbanken basiert, darunter die Müttersterblichkeitsquote, Geburtenrate und der Bildungsstand der einzelnen Länder. Der aktuelle GII stammt aus dem Jahr 2018.


Das meistzitierte Ergebnis der Studie: 90 Prozent der Bevölkerung haben noch immer Vorurteile gegenüber Frauen. Weltweit sind fast die Hälfte aller Befragten der Meinung, dass sich Männer besser für politische Führungspositionen eignen, und über 40 Prozent sagen, Männer sind auch in der Wirtschaft bessere Führungskräfte und sollten bei Arbeitsplatzknappheit eher einen Job bekommen als Frauen. Und fast ein Drittel, nämlich 28 Prozent, finden es in Ordnung, wenn ein Mann seine Frau schlägt. Insgesamt ist der Anteil derer mit moderaten bis starken Bias gegenüber der Gleichstellung von Mann und Frauen in den letzten Jahren laut UNDP in 15 Ländern angestiegen. Insgesamt hat der sogenannte Gender Inequality Index in den letzten Jahren stagniert – laut UNDP würde es demnach 257 Jahre dauern, um Disparitäten im wirtschaftlichen Bereich auszugleichen, bliebe der aktuelle Trend konstant.
Laut UNDP stieg in den vergangenen Jahren sowohl der Anteil derer, die vereinzelte Vorurteile gegenüber Frauen haben, als auch derer, die stärkere Bias hegen. Vor allem Frauen haben in letzterer Kategorie um 3,1 Prozent zugelegt.
© UNDP
Laut UNDP stieg in den vergangenen Jahren sowohl der Anteil derer, die vereinzelte Vorurteile gegenüber Frauen haben, als auch derer, die stärkere Bias hegen. Vor allem Frauen haben in letzterer Kategorie um 3,1 Prozent zugelegt.

Mit Einfluss steigt auch der Gender Gap

Dabei haben nicht nur Männer Vorurteile; auch Frauen hegen durchaus Bias gegenüber der Geschlechtergleichstellung. Dennoch sind es eher Männer, die eine Gleichberechtigung in diversen Bereichen ablehnen. In Deutschland ist der Anteil derjenigen Männer, die keine Bias haben, sogar zurückgegangen. Diese sozialen Überzeugungen spiegeln sich auch in der politischen und wirtschaftlichen Realität wider: Weltweit werden nur 24 Prozent der Parlamentssitze von Frauen besetzt, und lediglich 10 von 193 Regierungschefs sind weiblich.

In der Wirtschaft beobachtet das UNDP, dass der gender gap mit zunehmendem Einfluss steigt. So sind unter den CEOs der 500 größten börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen weniger als sechs Prozent Frauen; von den weltweiten Arbeitgebern sind 21 Prozent weiblich und von den Milliardären nur 12 Prozent. Währenddessen sind Frauen laut der Studie in prekären Beschäftigungsverhältnissen überrepräsentiert: 43 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeiter in Entwicklungsländern ist weiblich, aber nur 18 Prozent der Frauen besitzen selbst Land. Die sogenannte Glasdecke, die Frauen daran hindert, in politische und wirtschaftliche Führungspositionen aufzusteigen, bleibt also weiterhin stabil.

Auch im Bereich KI Aufholbedarf

Wenig überraschen dürfte der Fakt, dass auch in den Naturwissenschaften noch ein gender gap herrscht. So sind weniger als 33 Prozent der Absolventen in den OECD-Ländern in diesem Bereich Frauen. Das UNDP macht hier auch darauf aufmerksam, dass Ungleichheiten in zukunftsweisenden Bereichen wie Künstliche Intelligenz unbedingt ausgeglichen werden müssen. So können laut des Indexes Algorithmen die in der Gesellschaft vorhandenen Vorurteile reproduzieren, beispielsweise, wenn Frauen bei der Jobsuche weniger gut bezahlte Positionen vorgeschlagen werden. Auch Gesichtserkennungssoftwares sind laut UNDP häufig weniger akkurat, wenn es darum geht, Frauen zu identifizieren.
Während der Anteil der Männer ohne Bias in Chile, Australien, den USA und den Niederlanden zugenommen hat, zeigt sich in Indien, Deutschland und Schweden die stärkste negative Entwicklung. Auch der Anteil der deutschen Frauen, die keine Bias haben, hat leicht abgenommen.
© UNDP
Während der Anteil der Männer ohne Bias in Chile, Australien, den USA und den Niederlanden zugenommen hat, zeigt sich in Indien, Deutschland und Schweden die stärkste negative Entwicklung. Auch der Anteil der deutschen Frauen, die keine Bias haben, hat leicht abgenommen.
Der Appell der Verantwortlichen ist klar: Das Feld muss auch hier diverser werden, damit Frauen ihre Erfahrungen in das Entwickeln Künstlicher Intelligenz mit einbringen können. Generell schlagen die Herausgeber des Indexes vor, künftig beispielsweise mit Steuern Anreize für eine gerechte Aufteilung der Kinderbetreuungsaufgaben zu schaffen und Frauen und Mädchen mehr für männerdominierte Felder zu begeistern.


Das United Nations Development Programme (UNDP) arbeitet mit Menschen in rund 177 Ländern und Gebieten und auf allen Ebenen der Gesellschaft zusammen, um beim Aufbau krisenfester Nationen zu helfen und ein Wachstum zu fördern, das die Lebensqualität für alle verbessert.

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