Frauen im Arbeitsleben

„Mit schlechtem Gewissen lässt sich schlecht verhandeln“

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Ute Jäger, Dynata
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Ute Jäger, Dynata
Ein Thema, welches Unternehmen in Zukunft mehr beschäftigen wird, ist der Wandel in der Arbeitswelt. Ute Jäger ist Managing Director DACH und Osteuropa bei Dynata. Im Gespräch mit planung&analyse fordert sie Veränderung vor allem in den Köpfen und weniger schlechtes Gewissen bei den Frauen.
Frau Jäger, Sie sind Chefin von Dynata in der DACH-Region und in Osteuropa und haben drei Kinder. Wie oft sind Sie schon gefragt worden, wie Sie das alles unter einen Hut bekommen? Ja, diese Frage kommt tatsächlich unfassbar oft. Im Prinzip ist das auch immer sehr nett gemeint. Aber ich habe noch nie gehört, dass diese Frage einem meiner männlichen Kollegen gestellt wurde. Stattdessen kommt dann nur: „Oh, 3 Kinder! Wie reizend, da ist bestimmt viel los zuhause“ oder noch besser: „Da hat Ihre Frau bestimmt viel zu tun!“.


Das ist ja typisch. Aber auch Frauen sind in dieser Beziehung nicht frei von Vorurteilen? Eine Kundin berichtete mir dazu eine schöne Anekdote: Eine weibliche Führungskraft hat ihr von ihrem schlechten Gewissen berichtet, dass sie habe, seit sie wieder aus der Elternzeit zurück ist. Meine Kundin hat sie dann mit Verweis auf die exzellente Betreuung in der Kita beruhigt und wandte sich an den nebenstehenden männlichen Kollegen in einer vergleichbaren Führungsposition. Auf die Frage, wie er mit dem Problem des schlechten Gewissens klar käme, kam nur ein sehr verblüfftes, fragendes Gesicht.

Die beiden Beispiele verdeutlichen sehr schön, wie von beiden Geschlechtern ganz klare Verhaltens- und Emotionsmuster gelebt und erwartet werden. Welche Auswirkungen hat das? Es sind meist die Frauen, die sich entschliessen Teilzeit zu arbeiten. Mehr als zwei Drittel der Mütter, aber nur 6 Prozent der Vätern von Kindern unter 18 Jahre arbeiten in Teilzeit. Das allerdings ist nicht nur Resultat des schlechten Gewissens, das Frauen treibt, sondern vor allem auch des Anspruchs immer alles unter Kontrolle haben zu müssen. Der Kuchen für den Kita-Flohmarkt darf niemals gekauft werden, sondern muss selbstverständlich selbst gebacken und mit Zutaten aus dem Bioladen um die Ecke hergestellt sein. Dabei müssen die Allergien und die Nahrungsintoleranzen der anderen Kita-Kinder natürlich berücksichtigt werden. Man darf auch auf keinen Fall beim Adventsbasteln fehlen und so weiter. Viele Frauen wollen das weder dem Zufall noch ihrem Mann überlassen.


Solche Beobachtungen kennen sicher viele, die Kinder haben. Aber gibt es dazu auch Belege? Wir haben gerade eine Studie zu Rollenbildern gemacht, die das ebenfalls zeigt: Wenn Frauen gefragt werden, warum sie und nicht ihr Partner Teilzeit arbeiten, kommen gleich nach den üblichen Gründen, der Mann verdiene besser und dem Wunsch schlicht mehr Zeit mit den Kindern verbringen zu wollen, auch gleich das Statement: „Beruf und Kinderbetreuung zu vereinbaren, fällt mir einfacher als meinem Partner“ (39 Prozent). Gefolgt von „die Kinderbetreuung liegt mir besser als meinem Partner/meiner Partnerin“. Das sagt ein Drittel. Die Schweizer Soziologin Margit Stamm nennt das übrigens den Mama Mythos. Frauen wollen im Beruf performen und haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie mit den Kindern zusammen sind und eigentlich noch etwas für die Arbeit fertig machen sollten. Auch hier nochmal Zahlen aus unserer Studie: 41 Prozent der Frauen gaben an, sie hätten oft ein schlechtes Gewissen, weil sie sich zu wenig ihrer Familie widmen würden. Und ein Drittel gab an, sie hätten das Gefühl im Beruf nicht die volle Leistung bringen zu können, weil sie der Arbeit nicht immer ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit widmen könnten.

Was können die Teilzeitmütter in solchen Situationen machen? Den zweiten Effekt, der sich aus diesem schlechten Gewissen ergibt, beobachte ich seit Jahren: Sobald das Kind im Bett liegt, loggen sich die Teilzeit-Mütter wieder ein und arbeiten nochmal, um dann im Endeffekt tatsächlich doch wieder auf eine 40-Stunden-Woche zu kommen, wenn nicht sogar mehr. Wenn ich das anspreche und vorschlage, sich bei gleichbleibender Flexibilität der Stunden als Vollzeitkraft einstellen zu lassen, dann bekomme ich eine Antwort, die der Schlüssel zu der ganzen Problematik ist: „Ich hätte einfach ein schlechtes Gewissen, wenn ich mittags meine Tochter abhole und mich bezahlen lasse, wenn ich mit ihr auf dem Boden sitze und spiele.“ Das muss man sich mal vorstellen! Diese Frauen setzen sich abends wieder an den Laptop und arbeiten mehrere Stunden aber sagen, sie hätten ein schlechtes Gewissen sich voll bezahlen zu lassen.

In den Köpfen ist halt noch die 8/5-Denke. Anwesenheit bedeutet Arbeit und dies bitte nur zwischen 9 und 17 Uhr. Welche Auswirkungen hat das noch? Dass die Mütter, aufgrund ihrer Sorgen nicht richtig verhandeln, wenn es um das Gehalt geht. Sie sind sich ihres Wertes gar nicht bewusst, sondern haben ständig das Gefühl hinterher zu sein. Sie fordern keine Beförderung und nicht einmal ein angemessenes Gehalt. Mit schlechtem Gewissen lässt sich halt schlecht verhandeln. Ich hatte schon Frauen in Gehaltsverhandlungen, die absolute Überflieger sind, aber zufrieden gewesen wären, wenn ich ihnen 1 Prozent Gehaltserhöhung gegeben hätte, weil sie sich immer Sorgen machen nicht 100% zu geben. Dabei ist oft das Gegenteil der Fall. Das Gender Pay Gap habe ich immer wieder mal beobachtet, vor allem wenn ich ein Team neu übernommen habe. Die Verteilungsstruktur der Gehälter war schief und zwar eindeutig zugunsten der Männer. Diese bekamen 10 bis 20, in Einzelfällen sogar 30 Prozent mehr für denselben Job. Dann habe ich selbstverständlich gedacht, es kann ja auch sein, dass die eine Person/Frau einen sehr viel schlechteren Job macht, als die andere Person/Mann. Aber das hat sich tatsächlich nicht bestätigt. Vielmehr wurde bei der nächsten Gehaltsverhandlung klar, dass Männer besser verhandeln können und zudem davon ausgehen, dass sie selbstverständlich mehr verdienen sollten. Weil es ihnen sozusagen zustehe. Frauen hingegen zweifeln ständig und trauen sich nicht nach mehr Geld zu fragen. Alles aus der Sorge, sie leisten nicht genug oder seien nicht gut genug.

Und wie lässt sich die Situation ändern? Was können Arbeitgeber tun? Was sollten Männer tun? Und was müssen die berufstätigen Frauen selber machen? Zunächst einmal müssen wir offener an das Thema herangehen: Ich denke im Moment wird in der ganzen Debatte um das Gender Pay Gap und auch bei der Diskussion um die Frauenquote die Situation verzerrt dargestellt. Es ist nicht der Fall, dass ich in meiner bisherigen Karriere erlebt hätte, dass Frauen für Führungspositionen Schlange stehen. Viele Frauen, die den Job super machen könnten, wollen diese Position oft gar nicht, weil sie lieber Teilzeit oder voll zuhause sein wollen. Und das ist ja auch vollkommen okay. Wir brauchen die Offenheit zu sagen, dass es nicht nur daran liegt, dass Frauen der Weg nach oben versperrt wird. Ich will aber gar nicht bestreiten, dass das bestimmt auch oft der Fall ist. Wir brauchen mehr Akzeptanz für Frauen, für die, die zuhause bleiben wollen und für die, die Teilzeit arbeiten wollen. Das ist völlig legitim. Und die Frauen, die beides wollen: Familie und Karriere, die müssen dann vielleicht auch öfter loslassen und zulassen, dass sie nicht gleichzeitig die Über-Mama und die Berufstätige sein können. Absolute Perfektion in beiden Bereichen bekommt selbst eine Superwoman nicht hin. Auch ihre Einstellung zur „Eignung“ ihres Partners in der Kinderbetreuung sollten Frauen kritisch hinterfragen. Solange unbewusst suggeriert wird, dass sie eigentlich die bessere Wahl sind, werden sich Männer nicht dafür einsetzen, dass sie eine wichtigere Rolle in der Kinderbetreuung übernehmen.

Wie können Frauen mit dem Thema Gender Pay Gap umgehen? Da würde ich an die Frauen appellieren, schon beim Einstellungsgespräch ganz offen zu fragen: „Verdiene ich damit mehr oder weniger als das durchschnittliche Gehalt der Männer in Ihrem Betrieb ist, die denselben Job machen?“ Nur wenige Chefs werden ihr dann glatt ins Gesicht lügen. Sie müssen fragen! Wenn sie sich für weniger Geld einstellen lassen, wird niemand freiwillig die Differenz anbieten. Außerdem sollte der Arbeitgeber vorgeben, welche Gehaltsspanne für eine bestimmte Arbeit in einem bestimmten Level vorgesehen ist. Dies ist auch bereits bei einigen größeren Unternehmen in unserer Branche Realität. Dann besteht zwar noch immer die Möglichkeit, dass die Frauen am unteren Ende kleben bleiben, aber es gibt ihnen zumindest einen gewissen Anhaltspunkt. Arbeitgeber sollten ausserdem maximale Flexibilität für Eltern anbieten.

Was sollten die Männer tun? Sie sollten mehr Druck beim Arbeitgeber machen ebenfalls flexiblere Stunden zu bekommen. Und damit meine ich nicht nur Teilzeit zu arbeiten, sondern auch die Möglichkeit, die Kinder vielleicht an zwei Tagen in der Woche abzuholen, sich ein paar Stunden um sie zu kümmern und sich dann wieder einzuloggen. Damit könnten sie die Frauen entlasten, die dann wiederum entspannt im Büro sitzen bleiben und einen normalen, wenig gehetzten Arbeitstag haben können. Oder, dass sie zumindest um 17 oder 18 Uhr gehen können, damit sie noch mit dem Abendessen und dem Zubettbringen helfen können, um sich dann vielleicht nochmal einzuloggen. Ich erlebe oft, dass Mann diese Extrastunde lieber gleich dranhängt, um dann nach Hause zu kommen, wenn die Kinder bereits satt und gebadet im Bett liegen.

Welche Auswirkungen hat diese Situation auf die Karriere der Frauen? Wie sieht das in anderen Ländern aus? Ich habe ja lange in Grossbritannien gelebt und habe auch viele Kollegen in Frankreich. Dort ist das Selbstverständnis der Mütter ein ganz anderes. Es gibt kein schlechtes Gewissen, wenn man als Mutter nicht zum Adventsbasteln mitgeht, weil man arbeiten muss. Und viele werden jetzt sagen, ich geh total gern zum Adventsbasteln oder ich backe total gerne den Kuchen aber das ist gar nicht mein Thema. Ich backe auch gerne einen Kuchen, aber wir müssen diese Punkte mit in den Ring werfen, wenn wir über Emanzipation und etablierte Rollenbilder sprechen, sonst ist die Diskussion nicht ehrlich und vollständig und wir finden dann auch nicht die richtigen Lösungen.

Hat sich die Situation durch Corona verschärft oder hat das in den Familien und Unternehmen vielleicht sogar einen Denkprozess ausgelöst? Zum einen gab es Situationen in denen Berufstätige wieder in Elternzeit mussten, die eigentlich schon Teilzeit gearbeitet hatten, da die Kitas und Schulen geschlossen waren. Das wurde dann meist von den Frauen übernommen. Zum anderen kam währen des Lockdown zu den üblichen Herausforderungen auch noch das Homeschooling dazu und das wurde in den meisten Familien ebenfalls von den Müttern durchgeführt und betreut. 18 Prozent der in unserer Studie befragten Frauen gaben an, sie würden seit Corona noch mehr Aufgaben bei der Kinderbetreuung und im Haushalt übernehmen, um dem Partner den Rücken freizuhalten. Überraschenderweise sagten rund 41 Prozent aller Befragten Corona hätte keinerlei Einfluss auf ihr Arbeitsleben, da sie die Kinderbetreuung anderweitig gelöst haben. Nichtsdestotrotz hat aber auch das schlechte Gewissen erwartungsgemäss zugenommen. So haben 21 Prozent der befragten Frauen angegeben, ihr Gefühl ein schlechtes Gewissen zu haben, weil sie ihrer Familie zu wenig Zeit widmen, hätte sich seit Corona noch verstärkt. Das ist kein guter Zustand und sollte sich ändern.
Frau Jäger, wir danken herzlich für das Gespräch
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