Franke, Forscher, Funktionär

Raimund Wildner im Porträt

Prof. Raimund Wildner
© GfK
Prof. Raimund Wildner
Seinen Hauptberuf als Geschäftsführer des GfK Vereins, hat Raimund Wildner an den Nagel gehängt, altersbedingt. planung&analyse nimmt dies zum Anlass für ein Gespräch, um herauszufinden, was ihn antreibt. 

Die Aufzählung der Positionen, die Raimund Wildner nach seiner Pensionierung immer noch innehat, ist lang. Doch das sei alles nicht mehr als ein knapper Halbtagsjob, sagt er, und so fühlt er sich dennoch als Ruheständler und genießt die freie Zeit mit seiner Frau. Sie gehen wandern, in Museen und er liest gerne Sachbücher, am liebsten über Geschichte. Denn mit dem Blick in die Geschichte verstehe man die Menschen besser, sagt Wildner.



In seinem bisherigen Arbeitsleben war er vor allem Forscher, aber auch immer Funktionär. Er habe das Funktionärswesen zwar zu Hause vorgelebt bekommen – sein Vater war im fränkischen Nürnberg Stadtrat und Fraktionsvorsitzender –, aber seine erste Wahl sei es nicht gewesen. „Ich musste viel Politik machen“, berichtet er; zum Beispiel, um die Geschicke des größten deutschen Marktforschers mitzubestimmen.

Statistiker statt Pfarrer

Doch der Reihe nach: Als Kind wollte er Pfarrer werden. „Die wussten immer, was es zu sagen gibt, und jeder hat ihnen zugehört.“ Als er die Nachteile dieser Berufswahl erkannte, wollte er Journalist werden. Auch davon wurde ihm abgeraten, dann hatte er Berufsschullehrer zum Ziel und studierte Wirtschaftspädagogik. Die Promotion in Statistik war nur als Abstecher gedacht, doch dann verwarf er die Laufbahn als Lehrer und bewarb sich bei dem Nürnberger Unternehmen GfK. Das war 1984 und der Marktforscher hatte sich mit einem Umsatz von 100 Millionen DM und 400 Mitarbeitern gerade zu seiner Stellung als Wirtschaftsunternehmen bekannt, eine GmbH gegründet und sich formal vom Verein getrennt. „Die sagten damals, ‚einen Statistiker können wir nicht gebrauchen, wir machen Tabellen‘“, erinnert sich Wildner schmunzelnd.
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Einen Job bekam er trotzdem und zwar als Assistent der Geschäftsführung, zuständig für das Controlling. Dann hat sich herumgesprochen, dass es da einen Statistiker im Haus gab, und plötzlich gab es doch Bedarf. Im Auftrag von Heinrich Litzenroth, dem späteren Vorstand, der tragischerweise 2004 beim Tsunami in Südostasien ums Leben kam, baute er den Behaviorscan der GfK in Haßloch mit auf. Hier war Wildner ganz in seinem Element. Knifflige Aufgaben anzugehen und zu lösen, das ist seine Passion. Später wurde er Leiter der Methodenforschung und blieb dies auch nach seinem Wechsel zum Verein, bis zum Jahr 2009. Immer wenn es ein Problem gab, wurde es zum Methodenproblem erklärt und er war gefragt. „Das war stressig, aber auch sehr lehrreich“ sagt Wildner. Als Geschäftsführer beim Verein betreute er seit 1995 ebenfalls die Forschung, hier ging es um Grundlagen, neue Methoden, die unabhängig von einem Kundenauftrag erarbeitet und später der kommerziellen Tochter GfK zur Verfügung gestellt wurden.

Horrende Telefonrechnung

Als Geschäftsführer des GfK Vereins war er aber auch in die wirtschaftlichen Geschicke der GfK – von der Rechtsform zuerst GmbH, dann AG und jetzt SE – involviert. Zum Beispiel als im Jahr 2008 eine Fusion zwischen der GfK und TNS (dem Zusammenschluss des britischen Taylor Nelson und des französischen Sofres) fast in trockenen Tüchern war. Wildner war dagegen und hätte dabei fast seinen Job verloren, denn der damalige Präsident des Vereins wollte den Deal, der die GfK zur Nummer 2 in der Welt gemacht hätte. „Unsere Familie hat damals in der Bretagne Urlaub gemacht und meine private Telefonrechnung lag dann bei 1300 Euro“, erinnert sich Wildner. Aber auch die Mitgliederversammlung des GfK Vereins – bestehend aus Vertretern der Stadt Nürnberg, des Landes Bayern sowie zahlreicher Vertreter von Konsumgüterunternehmen und Privatpersonen aus der Region – lehnte das Vorhaben ab. Dank des Besitzes von 56,46 Prozent der Anteile an der GfK – damals wie heute – ist der Verein bei allen wichtigen Entscheidungen das Zünglein an der Waage. TNS ging dann an den Werbe- und Medienkonzern WPP, der mit Kantar bereits eine Marktforschungstochter hatte.
Aufgaben eine Unruheständlers
  • Aufsichtsrat der GfK SE und des Steering Committee
  • Vizepräsident des GfK Vereins
  • Vorstand des Rats der Marktforschung
  • Stellvertretender Vorsitzender der Initiative der Markt- und Sozialforschung
  • Professional Standard Committee von Esomar
  • Schatzmeister der Gesellschaft zur Erforschung des Markenwesens GEM
  • Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg

Entscheidend war auch das Jahr 2016. Die Umsätze der GfK gingen immer mehr in den Keller und der Verein sah Handlungsbedarf, machte sich auf die Suche nach einem Investor und kam mit der Private-Equity-Firma KKR ins Geschäft. Auch beim Einfädeln dieses Geschäftes war Wildner maßgeblich beteiligt. Als im August 2016 die Zeitschrift „Wirtschaftswoche“ Gerüchte über den Verkauf der Aktienmehrheit streute, wurde Wildner gegenüber planung&analyse deutlich: „Der GfK Verein hat zu keinem Zeitpunkt erwogen und tut das auch aktuell nicht, seine GfK Aktien insgesamt oder auch nur einen Teil davon zu verkaufen.“ Auch dieses Dementi kam aus dem Urlaub, dieses Mal aus Schweden. Aber, dass etwas passieren musste, war klar, schließlich lebt der Verein von der Dividende der GfK, im Moment allerdings von Rücklagen.

Auch heute noch steht Wildner zu dem Schritt, KKR ins Boot zu holen. „Es ist schwierig, aber es geht voran“, sagt er. Im Aufsichtsrat sitzt er mit den Vertretern der Equity-Firma zusammen und im Steering Committee bereitet er die Beschlüsse dieses Gremiums mit vor.

Welche Eigenschaften braucht man, um solch heikle Entscheidungen zu treffen? „Ich bin ein relativ optimistischer Mensch“, sagt er von sich selbst, und außerdem sei er kein Taktierer, sondern sage offen und direkt, was er denke. Dabei sei er eng an den Fakten orientiert. Um den heißen Brei herum zu reden, ist seine Sache nicht. Bei Entscheidungen in Gremien müsse man am besten vorher mit den Beteiligten einzeln reden und versuchen, sie zu überzeugen. „Mit dieser Strategie bin ich immer gut gefahren“, bekennt Wildner, auch wenn es darum ging, seine Mitarbeiter mitzunehmen. Zu seinem Abschied vom GfK Verein im Oktober wurde ihm ein Buch mit Rückmeldungen überreicht. An eine erinnert sich Wildner noch gut. Dort hieß es, dass er manchmal Entscheidungen treffe, die andere nicht nachvollziehen können. „Da habe ich dann doch zu wenig erklärt“, gesteht er selbstkritisch ein.

„Ich bin ein optimistischer Mensch, schaue nach vorne und denke, man sollte Chancen, die sich bieten, auch nutzen.“
Raimund Wildner

Neben den Ämtern in den beiden Forschungseinrichtungen hat Wildner auch immer Branchenpolitik mitgestaltet und sich bereit erklärt, Ämter zu übernehmen. Er war im Vorstand des BVM und hat den Vorstand für den Rat der Marktforschung, bei der Initiative der Markt- und Sozialforschung ist er stellvertretender Vorstand. Schließlich ist er seit einigen Jahren Hochschullehrer an der Universität Erlangen-Nürnberg. Heute noch hält er je eine Vorlesung im Winter- und im Sommersemester zu Datenerhebung und Datenanalyse.

Wie er das alles unter einen Hut bekommen hat? „Ich bin Frühaufsteher. Wenn es eng wurde, habe ich den Wecker auf 4 Uhr gestellt und dann bis 6 Uhr schon mal einiges weggeschafft.“ Heute geht er jeden Morgen eine kleine Runde, um den Kopf frei zu bekommen. 5000 Schritte reichen und dann kann der Tag beginnen, ob mit Rentneraufgaben oder den „Nebentätigkeiten“. Wir wünschen weiterhin viel Kraft.

Erschienen in planung&analyse Jubiläum 2019


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