Forderung nach repräsentativen Studien

Warum Statistiker bei Corona-Tests ein Wörtchen mitreden sollten

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Während das Gros der Bevölkerung dieser Tage gelernt hat, wie eine exponentielle Kurve verläuft und wie die Macht der großen Zahlen wirkt, empfehlen Statistiker und Daten-Wissenschaftler die Sache mit den Tests endlich einmal systematisch anzugehen. Gefordert werden repräsentative Studien, die Infizierte, Gesunde und Geheilte erfassen.

Nicht nur Zahlenmenschen schauen derzeit jeden Morgen auf die Seite der Johns-Hopkins-Universität  um die Anzahl der Neuinfizierten zu erfahren. Inzwischen gibt es auch eine nationale Plattform für geografische Daten, den NPGEO Corona Hub, mit aktuellen Zahlen vom Robert-Koch-Institut für jeden deutschen Kreis aber auch Informationen aus angrenzenden Ländern. Die Daten des Robert Koch Instituts (RKI) wurden in den letzten Tagen häufig kritisiert (zuletzt im Spiegel vom 24.3.2020 „Die große Meldelücke“). Zu lange dauere es in manchen Regionen von der Erkennung eines Infizierten bis zur Aufnahme des Falls in die Statistik. 



Das mag sein. Immerhin findet man auf den interaktiven Karten des RKI nicht lediglich absolute Summen der Infizierten – eine Zahl, die für sich gesehen wenig aussagefähig ist. Hier werden die Fälle im Verhältnis zu den Einwohnern gesetzt und so erkennt man durchaus noch weiße Flecken auf der Landkarte, vor allem im Nordosten der Republik.
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Aber warum ist die Datenlage so dünn? Auch wenn die Zahlen hoch sind und täglich steigen, geben sie keine wahre Auskunft über das Geschehen und lassen keinerlei Prognosen zu. Aber mangelnde Daten, dass weiß jeder Forscher, das sollten auch Unternehmer und Politiker wissen, führen zu falschen Entscheidungen.

Verhaltensökonom Ernst Fehr fordert repräsentative Studien

Der Verhaltensökonom Ernst Fehr wirft der Politik vor, in der Corona-Krise auf unzureichender Datenbasis Entscheidungen zu treffen. In einem Video-Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung fordert er Corona-Testing mit repräsentativen Stichprobe. Fehr wohnt in der Schweiz und er glaubt mit einer für alle Regionen repräsentativen Zufallsstichprobe von etwa 5000 Menschen, könnte man verlässliche Aussagen treffen. Die Stichprobe müsste in engem Abstand, etwa wöchentlich getestet werden und am besten auch der Immunitätsstatus erhoben werden.

„Mit solchen Daten könnte man die Kosten, die verschiedene Massnahmen haben, eher abschätzen“, glaubt Fehr. Es mache schließlich wenig Sinn, Menschen, die immun sind und sich nicht mehr anstecken können, nicht arbeiten gehen zu lassen. Mit solchen Informationen könnte man regional spezifische Massnahmen treffen und die enormen wirtschaftlichen Kosten reduzieren. Fehr befürchtet, dass die Auswirkungen für die Wirtschaft größer werden könnten als bei der Finanzkrise im Jahr 2008 und vielleicht sogar größer als bei der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Online-Petition an die Bundesregierung

Mit der Forderung nach bevölkerungsrepräsentativen Tests ist Fehr nicht alleine. Katharina Schüller hat gar eine Online-Petition auf der Plattform change.org gestartet und wendet sich damit an Politiker in Ländern und Bund. „Wir fordern, unverzüglich repräsentative SARS-CoV-2-Tests durchzuführen und dazu sämtliche Mittel auszuschöpfen, um die Verfügbarkeit der nötigen Testkits zu gewährleisten – bis hin zu Exportbeschränkungen und der Verpflichtung von Unternehmen, die Testkits in Deutschland zu produzieren und einzusetzen. Statistik muss genutzt werden, um Schlimmeres für Menschen und Wirtschaft zu verhindern.“ Schüller ist Statistikerin und arbeitet unter anderem mit an der Unstatistik des Monats, einer Initiative des RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. In der jüngsten Pressemitteilung erklärt die Unstatistik des Monats, dass die derzeitige Datenlage keine Schlüsse auf die Ausbreitungswahrscheinlichkeit oder die Todesrate zulässt.
„Statistik muss genutzt werden, um Schlimmeres für Menschen und Wirtschaft zu verhindern. “
Katharina Schüller
Allerdings gebe es das Kreuzfahrtschiff Diamond Princess als quasi natürliches Experiment. Alle Passagiere wurden dort getestet, daher ist von einer vollständigen Erfassung der Infizierten auszugehen. Die Altersverschiebung durch die typischerweise ältere Kundschaft auf einem Kreuzfahrtschiff können Statistiker zumindest näherungsweise herausrechnen, heißt es. „Aus den Daten der Diamond Princess ergibt sich nach einer Altersstandardisierung dann eine Sterblichkeit von COVID-19, die bei 0,5% liegt – mit einer Unsicherheit, die etwa bei +/-50% liegt“, schreiben die Forscher.


Prof. Dr. Christoph Klimmt vom Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover beklagt ebenfalls „Das Problem der Nicht-Repräsentativität der bestätigten Infektionen“. Er erklärt in einem Beitrag auf der Webseite der Hochschule, wie es gehen könnte: 1000 zufällig ausgewählte Menschen präzise beobachten und verfolgen. „Mit solchen Daten wären wir in der Lage, die Gegenmaßnahmen systematisch zu planen. Wir könnten auch viel besser prognostizieren, ob und wann der gefürchtete Überlastungspunkt für die Intensivstationen erreicht werden wird. Wir könnten bei ausreichend großen Stichproben auch Risikogruppen und -faktoren viel genauer charakterisieren.“ 


Über die notwendige Zahl, die in so einer Stichprobe enthalten sein müssten, sind sich die Fachleute nicht einig. Der empirische Sozialforscher Menno Smid, Geschäftsführer des sozialwissenschaftlichen Instutut infas, spricht in einem Tweet auf Twitter von 20.000, die in Deutschland notwendig wären.
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Sicher ist jedoch, das eine repräsentative Studie Informationen liefern könnte, die es derzeit nicht gibt:

  • Wie viele Menschen tragen (statstisch gesehen) das Virus in sich?
  • Wie groß der Anteil der Infizierten, die Symptome entwickeln?
  • Wie viele weitere Personen steckt eine infizierte Person an? Gibt es Unterschiede, ob die Person Symptome zeigt oder nicht?
  • Wie hoch ist die Mortalitätsrate? In Bezug auf die Gesamtbevölkerung und in Bezug auf die Infizierten.

Es gibt zahlreiche weitere Wissenschaftler, die eine repräsentative Erhebung fordern. Etwa das Kieler Institut für Weltwirtschaft oder auch Präsident Gabriel Felbermayr sagt: „Die Wirtschaftspolitik muss in Zeiten einer Pandemie eng mit den gesundheitspolitischen Erfordernissen verzahnt sein. Beide Politikbereiche können nur evidenzbasiert in Einklang gebracht werden.“ Zwei Haken hat die Erwägung einer solchen Studie derzeit noch. Zum einen muss es genug Testkits geben, daran arbeiten derzeit mehrere Unternehmen. Und zum anderen wäre auch ein Test auf vorhandene Immunität wichtig. Dazu ist laut Spiegel eine große Studie unter der Koordination des Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig in der Planung.

Eines machen alle Wissenschaftler sehr klar: Eine verbesserte Datenlage wäre keine vollständige Alternativen zum jetzigen Lockdown-Ansatz. Valide Daten aus Repräsentativstichproben könnten jedoch helfen, die notwendigen Maßnahmen genauer zu begründen und vielleicht regional zu beschränken. 

Eine bevölkerungsrepräsentative Studie ist aber in jedem Fall bereits gestartet: Die Universität Mannheim hat in ihr hochwertiges German Internet Panel Fragen zu sozialen und wirtschaftlichen Aspekten in Zeiten der Corona-Krise mit aufgenommen, die tagesaktuell veröffentlich werden.  

Die Reaktion der Branche?
Auf den Artikel am vergangenen Wochenende zu den Reaktionen der Branche auf die Corona-Krise gab es dieses Statement auf LinkedIn: 
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