Eigenstudie

Was Befragte von Umfragen halten

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Früher hat das Forsa-Institut regelmäßig „Umfragen über Umfragen“ durchgeführt und wollte wissen, wie die primäre Erhebungsmethode der Markt-, Meinungs- und Sozialforschung in der Bevölkerung ankommt. Jetzt wurde erneut eine Befragung vor allem zu Meinungs- und Wahlforschung durchgeführt und Thorsten Thierhoff, Geschäftsführer von Forsa, berichtet über die Ergebnisse.

Vor einigen Wochen beschäftigte sich Jan Böhmermann in seiner Satire-Sendung „Magazin Royal“ mit der Umfrageforschung und stellte deren Wert grundsätzlich in Frage. Doch nicht nur Satiriker, sondern auch seriöse Medien äußern sich immer öfter kritisch über die Sinnhaftigkeit von Umfragen. So verunglimpfte im vergangenen Jahr der Journalist Markus Feldenkirchen im Spiegel Umfragen als „Meinungsdummfragen“, die „nah am Kartenlesen“ seien und deren Bedeutung „immer abstruser“ würde.


Doch wir wollten wissen: Was halten eigentlich die Menschen, deren Befindlichkeiten die Sozial-, Markt- und Meinungsforscher erkunden, von Umfragen? Zwischen 1985 und 2006 ist Forsa regelmäßig für den Context-Informationsdienst von Thomas Marcotty dieser Frage nachgegangen. Jetzt wurde diese „Umfrage über Umfragen“ wiederholt. Dazu wurden im Mai 2022 insgesamt 2.061 über 14-jährige Personen in Deutschland befragt.
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Meinungsforschung - notwendig und glaubwürdig

Das Hauptergebnis: Die große Mehrheit der Menschen (70 Prozent) glaubt, dass die mit Hilfe der empirischen Sozialforschung ermittelten Ergebnisse gerade in Zeiten wie diesen benötigt werden. Das meinen in überdurchschnittlichem Maße die jüngeren, 14- bis 29-jährigen Bundesbürger, ebenso die Befragten mit Abitur beziehungsweise Hochschulabschluss sowie die Anhänger der demokratischen Parteien. Lediglich die Anhänger der AfD sind der Meinung, man könne auf Umfragen verzichten.

Eine große Mehrheit (62 Prozent) der Bundesbürger glaubt zudem, dass die von der Markt- und Meinungsforschung erhobenen Daten zuverlässig und glaubwürdig sind. Auch dies glauben wiederum vor allem die jüngeren Befragten und die Anhänger der demokratischen Parteien, während die Anhänger der AfD die Ergebnisse der Marktforschung für nicht zuverlässig halten. Die Akzeptanz der Markt- und Meinungsforschung bei den Menschen ist zudem trotz aller auch im Umfeld der letzten Bundestagwahl geäußerten Kritik von politischen Akteuren und Medienvertretern nicht geringer geworden als zum Zeitpunkt der letzten „Umfrage über Umfragen“ vor mehr als eineinhalb Jahrzehnten, sondern hat sich seither noch verfestigt.
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Positives Bild der Branche

Dabei wird das Bild der Branche bei den Bundesbürgern vor allem von den Instituten geprägt, die politische Meinungsforschung betreiben. Bei der offenen Frage danach, welche Institute man kenne, werden neben dem Marktführer GfK nur Institute genannt, die schon sehr lange Wahlforschung betreiben: Infas, Infratest Dimap, Forschungsgruppe Wahlen, Forsa, IfD Allensbach, Dimap und Emnid. Das sind auch die Institute, die den höchsten „gestützten“ Bekanntheitsgrad haben. „Newcomer“ der Branche, wie YouGov oder Civey kennen hingegen nur wenige Bundesbürger (9 bzw. 5 Prozent).

Ein deutliches Gefälle zeigt sich auch bei der Einschätzung der Glaubwürdigkeit der von den einzelnen Instituten ermittelten Zahlen und Ergebnisse. So werden die Ergebnisse der Institute, die traditionell Wahlforschung betreiben, von einer großen Mehrheit der Befragten für glaubwürdig gehalten: Vom IfD Allensbach und von Forsa glauben das 82, von der Forschungsgruppe Wahlen und von Infratest Dimap 80 und von Kantar Emnid 78 Prozent. Geringer ist der Anteil der Befragten, die Vertrauen in zu den von Insa (65 Prozent) und YouGov (57 Prozent) ermittelten Zahlen haben. Die Daten von Civey halten 45 Prozent derjenigen, die das Institut kennen, für glaubwürdig.
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Jeder Zweite wurde schon einmal befragt

Der Anteil der Bundesbürger, die schon einmal befragt worden sind (aktuell 53 Prozent), ist in den letzten eineinhalb Jahrzehnten nicht mehr angestiegen. 14 Prozent der aktuell Befragten geben auch an, sie seien in den letzten 12 Monaten mehrmals befragt worden. Das dürfte vor allem an den existierenden Online-Panels liegen, wo sich Menschen anmelden, die sich bereit erklären, auch mehrfach an Befragungen teilzunehmen, wenn sie dafür angesprochen werden.
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Generell bestätigt die aktuelle „Umfrage über Umfragen“, dass bestimmte Gruppen – vor allem die Älteren sowie die oberen Bildungs- und Einkommensschichten und (damit zum Teil korrespondierend) die Anhänger der Grünen – deutlich häufiger befragt werden als die Bundesbürger in den unteren sozialen Schichten. Die dadurch bestehende Gefahr der Verzerrung von Ergebnissen darf die Branche nicht verdrängen.

Zur Akzeptanz der Markt- und Meinungsforschung bei den Menschen dürfte auch beitragen, dass nur eine Minderheit von 15 Prozent derer, die schon einmal befragt wurden, die Befragungssituation als unangenehm empfunden hatte. Als angenehm empfanden die Befragung vor allem die Jüngeren.
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Präferenz für Online- und Telefonbefragungen

Deutliche Unterschiede zwischen den Generationen zeigen sich bei der den Befragten begegneten Befragungsmethode. So wurden 44 Prozent der 14- bis 29-Jährigen, aber nur 9 Prozent der über 60-Jährigen online befragt. Die Mehrheit, der über 30 Jahre alten Befragten ist trotz der Zunahme von Online-Erhebungen aber immer noch telefonisch befragt worden. Fast ein Drittel aller Befragten (32 Prozent) würde sich am liebsten auch zukünftig telefonisch befragen lassen – vor allem die über 45-Jährigen.
Methode

Die Erhebung fand sowohl telefonisch wie auch online im forsa.omninet-Panel statt. Die Daten zur Glaubwürdigekeit und Bekanntheit von forsa sowie die Fragen zu Befragungshäufigkeit beruhen auf den Antworten der telefonischen Interviews. Es wurden im Mai 2022 insgesamt 2.061 über 14-jährige Personen in Deutschland befragt.

Etwas mehr (39 Prozent) würden eine Online-Befragung vorziehen – in erster Linie die jüngeren Bundesbürger. Bei denen, die schon einmal befragt worden sind, würden 38 Prozent auch bei einer weiteren Befragung am liebsten telefonisch befragt werden. 35 Prozent der bereits einmal Befragten würden eine Online-Befragung vorziehen.
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Telefonumfragen sind also weiterhin akzeptiert, auch wenn manche sie als aus der Zeit gefallen verteufeln. Es wäre deshalb wenig ratsam, auf telefonische Befragungen gänzlich zu verzichten, zumal die Gefahr besteht, durch Onlinebefragungen ganze Bevölkerungsgruppen auszugrenzen. Die „Antwortbereitschaft“ der Bundesbürger ist seit der letzten „Umfrage über Umfragen“ im Jahr 2006 nicht geringer geworden, sondern zum Teil sogar etwas größer geworden. Das ist vor allem bei Angaben über die Erwerbstätigkeit oder die Werbenutzung der Fall. Die Bereitschaft, Auskunft über die Einkommens- und Vermögensverhältnisse zu geben ist im Vergleich zu 2006 zwar etwas größer geworden, aber immer noch sehr gering.
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Call-Center-Anrufe werden als Belästigung empfunden

Ein Problem für die Branche ist seit 2006 noch größer geworden, nämlich der hohe Anteil derer, die von Call-Centern angerufen wurden, um etwas zu verkaufen. Der Anteil der Bürgerinnen und Bürger, die von Call-Centern angerufen wurden ist von 63 Prozent vor eineinhalb Jahrzehnten auf 80 Prozent angestiegen und übersteigt somit bei weitem den Anteil derer, die schon einmal von einem Forschungsinstitut befragt worden sind. Über die Hälfte der Befragten ist in den vergangenen zwölf Monaten sogar mehrmals von „Call-Centern“ kontaktiert worden. Und fast alle Befragten, die von Call-Centern angerufen wurden (92 Prozent), fühlten sich dadurch belästigt. Für die Branche jedoch extrem gefährlich ist, dass 40 Prozent der Call-Center-Anrufe als „Umfrage“ ausgegeben wurden. Bei dieser hohen Zahl von durch Call-Center Belästigten wird es immer schwieriger, den von Markt- und Meinungsforschungsinstituten Angerufenen klarzumachen, dass man nichts verkaufen will, sondern nur einige Angaben erbittet.
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Seriöse und verlässliche Forschung stärken

Die aktuelle „Umfrage über Umfragen“ belegt, dass die Akzeptanz der Markt- und Meinungsforschung bei den Menschen viel größer ist, als es aufgrund der vielfältigen Kritik von politischen Akteuren oder Vertretern von Medien zu erwarten wäre. Sie zeigt darüber hinaus, dass diese hohe Akzeptanz überwiegend auf die zuverlässige und glaubwürdige Arbeit von einigen wenigen bei den Bürgern bekannten Institute zurückzuführen ist. Davon profitiert die gesamte Branche gewiss stärker als von der nur kargen Öffentlichkeitsarbeit der Verbände. Ein vergleichbar gutes Ansehen müssen sich die Newcomer der Branche erst noch erarbeiten. Dies dürfte aber wohl nur auf dem Weg qualitativ hochstehender Forschung gelingen. Gerade hier zeigt sich schließlich, dass zukünftig keinesfalls allein durch Online-Umfragen die bisher hohe Akzeptanz der Forschung bei den Bürgern bewahrt werden könnte. So werden auf absehbare Zeit Forschungsinstitute weiterhin vielfältige Methoden beherrschen und je nach Untersuchungsziel auch einsetzen müssen. Das erwarten die Menschen, auf deren Auskünfte die empirische Sozialforschung angewiesen ist.
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