Dringend gesucht: Repräsentative COVID-19-Studie

Marktforscher, werden wir aktiv! Wer hat einen Draht nach Berlin?

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Trotz der Vielzahl an Studien rund ums Thema Corona, ob zum Einkaufsverhalten, zur Resilienzfähigkeit, zur Markenkommunikation in der Krise, – was nach wie vor fehlt, ist eine repräsentative bundesweite Untersuchung zur Verbreitung von COVID-19. Dies beklagt auch Silvia Böhm, Inhaberin der Böhm Marktforschung & Demografie-Beratung und fordert auf „Protestieren wir als Profession gegen diesen Zustand!“

Dringend gesucht: Repräsentative COVID-19-Studie oder – Was hat Österreich, was wir nicht haben? Ja, es gab schon einige Hinweise dazu, dass bevölkerungsrepräsentative Studien in Deutschland fehlen, um festzustellen, wie die wahre Verbreitung des Virus ist (siehe auch planung&analyse vom 21.04.2020). Nur hilft es nicht, wenn wir uns innerhalb der Mafo-Welt darüber einig sind. Die Politik reagiert bisher ausschließlich auf das symptomgeleitete Reporting der Virologen des Robert-Koch-Instituts (RKI). Eine Einbindung von Instrumentarium und Know how der Markt- und Meinungsforschung findet bisher nicht erkennbar statt.

Mittlerweile liegt der Abschlussbericht der Heinsberg-Studie vor. Sie zeigt das Infektionsgeschehen rund um die Gemeinde Gangelt in Heinsberg nach einem „Super-spreading-Event“ zu Karneval, demnach völlig ungeeignet zur allgemeinen Hochrechnung auf das bundesweite Infektionsgeschehen. Genau dies wird jedoch in einigen Medien vollzogen. Greifen wir als Mafo-Community dabei öffentlich korrigierend ein? Wenn ja, hört man uns jenseits der Fachmedien?



Dennoch, steter Tropfen höhlt den Stein

Gehen wir proaktiv auf die Politik in Berlin zu! Warten wir nicht länger, bis man auf uns zukommt. Protestieren wir als Profession, als Mafo-Community, sobald Fehlinterpretationen das Licht der Öffentlichkeit erblicken und dort zu verharren drohen! Stellen wir unser Know how in dieser uns alle persönlich und wirtschaftlich betreffenden Krise der Allgemeinheit zur Verfügung.


In München läuft seit Anfang April, was wir bundesweit benötigen: KoCo19. 3.000 zufällig ausgewählte Haushalte sind hier die Zielgröße. Bisher sind über 1.500 Haushalte aufgesucht worden, wovon ca. 80 Prozent am Befragungsset teilnehmen. Federführend ist hier das Tropeninstitut der LMU München. Aber auch dieser Ansatz gilt eben nur für München und lässt sich nicht bundesweit hochrechnen.

In Österreich wurde am 04.05.2020 nach der weltweit ersten repräsentativen Bevölkerungsstudie bereits die 2. COVID-19 Prävalenzstudie vorgestellt. Die wichtigsten Ergebnisse:


  • die Anzahl der Infizierten liegt landesweit deutlich unter einem Prozent

  • die Anzahl der Personen mit Antikörpern in Risikogemeinden liegt unter fünf Prozent

Ja, die Stichproben sind gering und ja, der B2B-Bereich fehlt noch. Aber Anfang und Vertiefung sind gemacht. Es haben interdisziplinär zusammengearbeitet: Marktforschungs- und Statistikinstitute, medizinische Fakultäten und das Rote Kreuz.



Der Untersuchungsansatz für Deutschland sollte demnach mindestens die repräsentative regelmäßige Testung und Befragung auf mehreren Ebenen, regional- und zielgruppenbezogen beinhalten:



  • Personen unabhängig von einer Symptomatik zu COVID-19

  • alle Altersgruppen und Geschlechter

  • spezielle Risikogruppen (von Alten- und Pflegeheimen bis zu Kitas)

  • ergänzend ein disproportionaler Ansatz für Hotspots

  • alle mit COVID-19 direkt befassten Berufsgruppen (wie MedizinerInnen, Kranken- und 
 AltenpflegerInnen)

  • weitere Zielgruppen nach Tagesaktualität

Zur Stichprobengröße: mindestens 30.000 bis 40.000 für die allgemeine Bevölkerung plus spezieller Risikogruppen nach aktuellem Bedarf. Weiterhin repräsentatives kontinuierliches Testing aller beruflich in das Infektionsgeschehen direkt eingebundenen Zielgruppen. Mindestens bis Ende 2020.

Wer überzeugt das RKI vom Sinn und Zweck repräsentativer Stichproben? Und dann wäre noch die Frage zu klären, ob die Verstorbenen an oder mit Corona verstorben sind. Benötigt wird also eine differenzierte Betrachtung der Mortalität. Mittlerweile steht das RKI Obduktionen offener gegenüber.

Der mehrdimensionale Untersuchungsansatz muss nach Berlin zu den Entscheidungsträgern ins Bundeskanzleramt, ins Gesundheitsministerium oder ins Wirtschaftsministerium. Auch wenn die aktuelle Verantwortung seit letzter Woche bei den Ländern liegt. In den Expertenrat von Nordrhein-Westfalen zur Eindämmung und Steuerung der Corona-Pandemie sind zwei Marktforscher berufen worden. Darauf lässt sich doch aufbauen!

Im zweiten Statement vom 04.05.2020 wird im Expertenrat ein Daten- und Faktenmonitor (Dashboard) gefordert auf der Basis kontinuierlicher Datenerhebung inclusive sozio-ökonomischer Begleitforschung.

Warum keine Branchen-Demo vor dem Reichstag?

Nutzen wir die Vielfalt an Kommunikationsmöglichkeiten, analog wie digital! Ob offener Branchen-Brief an die Entscheider in Berlin, ob Branchen-Demo mit oder ohne Mundschutz vor dem Reichstag, immer im Rahmen des am jeweiligen Tage Erlaubten.

Alle Politiker kennen das Instrument von Wahlprognose und Hochrechnung. Die Nachfrage nach guten Umfragewerten ist hoch. Der eine oder andere von uns Forschern sollte da doch einen direkten Draht nach Berlin haben.

Werden wir aktiv! Damit eine gezielte Pandemie-Steuerung in den kommenden Wochen und Monaten bundesweit und regional optimal gelingt. Unter Ausschöpfung aller im Lande vorhandenen Möglichkeiten.
Die Autorin

Silvia Böhm
© Böhm
Silvia Böhm, Diplom-Soziologin, war sieben Jahre Senior Consultant bei der GfK Nürnberg und 13 Jahre Leiterin der Marktforschung bei der Leipziger Messe GmbH. Sie ist Inhaberin der Böhm Marktforschung & Demografie-Beratung. s.boehm@boehm-marktforschung.de

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