Digitales Forschen mit der Generation Alpha

Kinder lieben es, Co-Entwickler zu sein

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Je nach Definition sind sie entweder noch Teil der Generation Z oder gehören bereits einer neuen Generation, der Generation Alpha, an: Die nach 2010 Geborenen. Für sie ist ein Aufwachsen mit digitalen Medien selbstverständlich. Thale Fleming von Meinecke & Rosengarten teilt in ihrem Artikel ihre Erfahrungen aus der Online-Usability-Forschung mit Kindern und beleuchtet, wie diese Zielgruppe Spiele-Apps nutzt.
Kinder, die nach 2010 geboren wurden, integrieren ganz selbstverständlich die digitale Welt in ihr Leben und erstaunen damit selbst die Millennial-Eltern, denn viele dieser Alpha-Kids lernen zu scrollen, bevor sie sprechen können. Das beeinflusst die Erwartungen dieser Generation an Spielzeug: es muss kurzweilig, interaktiv und visuell ausdrucksstark sein. Kids wollen heute gerade digitale Spiele-Apps schnell verstehen und davon begeistert werden, sonst wenden sie sich gelangweilt anderen Optionen zu – und davon gibt es viele. Interessanterweise werden Spiele-Apps nicht wie Spielzeug gehortet, sondern schnell wieder vom Smartphone gelöscht, wenn sie den Ansprüchen nicht genügen. Immer mehr Kids besitzen ein eigenes Smartphone, oft ein Gerät der zweiten Generation, bei denen der wertvolle Speicherplatz gering ist, während die Spiele-Apps immer größer werden.


Um den kognitiven und intuitiven Umgang der Kids mit digitalen Angeboten zu verstehen, sind Online-Usability-Tests sehr gut geeignet. Dafür laden die Kids die entsprechende Spiele-App auf das Smartphone und teilen in einem – in der Regel mehrtägigen – Online Board mit Unterstützung der kommentierenden oder auch filmenden Eltern live alle Phasen des Produkterlebnisses – vom Unboxing, Onboarding und der First-time User Experience bis hin zum Long-term Appeal.

Der große Vorteil ist dabei, dass Kinder es lieben, Co-Entwickler zu sein. Die Verantwortung, die sie durch diese Rolle bekommen, motiviert sie. Und auch die Eltern finden es interessant, die eigenen Kinder im Umgang mit digitalen Medien zu beobachten und die Forscher mit ihrem Feedback, in das auch immer die Besonderheiten des Kindes einfließen, zu unterstützen. Da die Kinder mit dem Testgegenstand in ihrem individuellen, geschützten Umfeld, unter realen Gegebenheiten, in ihrem eigenen Tempo interagieren, ist der Output besonders reichhaltig. Gleichzeitig kann ein größeres – auch internationales – Sample einbezogen werden, das die Betrachtung unterschiedlicher Subgruppen ermöglicht.

Kinder verzeihen keine Technikfehler

Die forschenden Moderatoren decken durch Beobachtung, Nachfrage und Analyse Pain Points und Joy Points auf, um das Potenzial der App für anhaltenden Spielspaß zu eruieren. Dafür müssen sie sich vorab intensiv mit dem Forschungsgegenstand vertraut machen, damit sie die Erfahrungen der Kinder nachvollziehen können. Und sie müssen flexibel auf das Unerwartete reagieren können, das unweigerlich kommt. Zudem müssen sie eine vertraute und individuelle Beziehung zu Kind und Eltern aufbauen – auch mit Hilfe eigener Videokommentare. So wird den Probanden eindrücklich vermittelt, dass es gut ist, alles auszuprobieren, sie nichts falsch machen können und auch selbst Fragen stellen dürfen. Um das Engagement der Kinder über einen längeren Zeitraum hoch zu halten, bedarf es zudem einer intensiven Moderation über die gesamte Dauer des Online Boards: die Aufgaben müssen nicht nur kindgerecht, abwechslungsreich und unterhaltsam sein, sondern die geteilten Erlebnisse bedürfen individueller Rückmeldungen und Nachfragen, um enttäuschten Rückzug zu vermeiden.


Damit ein Usability-Test gelingt, müssen vor allem aber auch die technischen Voraussetzungen stimmen, das heißt die Entwicklung der App muss weit vorangetrieben sein. Kinder verzeihen keine Technikfehler, denn sie können das Erlebte im Hinblick auf eine Beurteilung kaum abstrahieren. So kann ein an sich leicht zu behebender Fehler das ganze Spielerlebnis überschatten. Im Gegenzug können sich die Entwickler bereits in der Erhebungsphase ein Bild davonmachen, wie genau Kinder die Spiele-App nutzen und bedienen. Idealerweise werden die Erkenntnisse schon während der Erhebung kontinuierlich mit den App Analytics verknüpft, die die aggregierten User Verläufe abbilden. Die Belohnung für das allseitige Engagement ist ein reicher Schatz an Erkenntnissen, denn die kleinen (und großen) Co-Entwickler sind zwar gnadenlos kritisch, aber auch ansteckend enthusiastisch und konstruktiv.
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