Die Psychologie des Social Distancing

Wie der Verlust der Nähe sich auswirken kann

   Artikel anhören
© pixabay.com
Stadien ohne Zuschauer, Plätze ohne Besucher, Straßen ohne Passanten. Die Leere ist irgendwie seltsam. Die Corona-Pandemie bricht die Selbstverständlichkeit der Nähe auf. Diplompsychologe Jens Lönneker, Geschäftsführer des Rheingold Salons, beschreibt wie Corona die Veränderung der Sinnlichkeit bewirkt.

„Wir stehen zusammen! Wir sind uns nah! Das hat mich berührt!“ Das sind gängige Redewendungen, die emotional bewegen und anrühren können. Sie verdeutlichen, dass die Erfahrung von räumlicher Nähe immer auch weitergehende Bedeutungen hat – gerade wenn Menschen zusammenkommen: Der Raum eines Fußballstadions mit vielen Zuschauern vor Ort vermittelt Gemeinschaft aber auch wer der Gegner ist. Das Miteinander und das Gegeneinander werden sinnlich besonders stark und unmittelbar erfahrbar durch diese räumliche Nähe. Leere Stadien, leere Hallen und Studios ohne Zuschauer und deren Beifall sind ungewohnt und irgendwie seltsam.

Der Autor
Jens Lönneker
Jens Lönneker ist Diplom- Psychologe und Geschäftsführer von rheingold salon. Er lebt in Köln und befasst sich national und international mit tiefenpsychologischen Analysen – von der Grundlagenforschung und Produktentwicklung bis hin zur Überprüfung von Werbemaßnahmen und strategischen Empfehlungen mit einem Fokus auf Food, Getränke und Medien.
Zum Firmenprofil im planung&analyse mafonavigator >>

Die Corona-Pandemie bricht die Selbstverständlichkeit der sinnlichen Erfahrung von Nähe auf: Es ist verstörend, dass sich die gefühlte Nähe zu anderen Menschen plötzlich nicht mehr in räumlicher Nähe ausdrücken darf. Der Kollege, der Kunde, der Freund, die Spielgefährten der Kinder sind auf einmal durch Corona auch potentiell bedrohlich. Ein Beispiel aus einem Interview: Ein Mädchen möchte sich mit ihrer besten Freundin verabreden, eigentlich kein Problem was das Infektionsrisiko angeht, weil sie seit Tagen zusammenhocken und es kein neuer Kontakt ist. Aber: Der Vater der Freundin ist Gastronom. Hat er nicht zwangsläufig so viele unterschiedliche Kontakte, dass er sich infiziert haben könnte und dann vielleicht auch seine Tochter…..? Freunde werden auf einmal zu potentiellen Gefährdern der eigenen Familie und ihrer Gesundheit.


Aber nicht nur die Nächsten können bedrohlich werden, man selbst kann es auch für andere werden. Wer beim Besuch einer Bäckerei hustet, wird schnell an den Blicken der anderen Kunden merken, wie nervös und tendenziell feindselig sie dadurch werden. Die eigene Körperlichkeit wird in der Nähe auf einmal zum Problem. Man gerät dadurch zu sich selbst in ein neues ambivalentes und in Teilen distanzierteres Verhältnis.

Führt der Verzicht auf räumliche Nähe zu einer neuen Bildsprache im Alltag?

Räumliche Nähe von Menschen wird daher aktuell gesellschaftlich diskreditiert. Damit werden aber auch die Ausdrucksformen für Gefühle und Bedürfnisse nach Gemeinschaft, Freundschaft, Liebe stark eingeschränkt. Die Welt “verkehrt“ sich Heute in Zeiten von Corona entsteht Gemeinschaft paradoxerweise gerade im gemeinsamen Verzicht auf Nähe: im Opfern von „nahen“ Begegnungen sei es bei Kulturveranstaltungen, beim Sport oder bei Reisen. Wer sich dem widersetzt, wird gesellschaftlich zunehmend als Egoist geächtet. Demonstrativ wird in den Fernsehstudios kein Studiopublikum mehr zugelassen und die Gäste werden weit entfernt voneinander platziert. Die Distanz wird zum Ausdruck von Respekt und Fürsorglichkeit. Die Ikonographie in der Kommunikation ändert sich und drängt auf mehr Distanz und andere Ausdrucksformen für gefühlte Nähe – mit Konsequenzen auch für die Anforderungen in der Bildsprache von Werbung: Fröhliche Freunde, die sich bedenkenlos herzen und knutschen, werden plötzlich anders wahrgenommen.

Führt das Distanz-Gebot zu einem neuen Selbstbild und Körperempfinden?

Die Corona-Angst ist leibnah und macht den eigenen Körper ein stückweit unheimlich und fremd. Er erscheint schutzbedürftig und unheilvoll zugleich. Es entstehen neue Hygienevorstellungen wie häufiges Händewaschen, verändertes Verhalten beim Husten und Niesen. Negative Einflüsse des Körpers werden eingeschränkt. Das Tragen von Atemschutzmasken, wie in Asien schon länger üblich, erscheint auf einmal nicht mehr so fern. Durch Corona kann ein neues Selbstbild und Körpergefühl entstehen, das den Leib wieder ambivalenter erscheinen lässt. Die eigene Anfälligkeit wird bewusster. Das macht Angebote und Produkte attraktiv, die die eigene Wirkmächtigkeit gegen die Gefahr wieder stärken. Produkte, die schützen, reinigen, pflegen, distanzieren, sind gefragt.

Wie kann räumliche Nähe ersetzt werden?

Diese Umwertung von sinnlichen Erfahrungen wie Nähe und Gemeinschaft wird so schnell nicht wieder von der Bildfläche verschwinden, da gegen das Covid 19 Virus nicht innerhalb kurzer Zeit Medikamente oder Impfungen zur Verfügung stehen werden. Das Bedürfnis nach seelischer Nähe muss sich daher in neuen Formen und mit anderen „Sinnen“ Ausdruck verschaffen. Gemeinschaft kann auch „gehört“ oder der Wunsch nach ihr „erhört“ werden, wenn viele gemeinsam am offenen Fenster singen oder die Helfer in der Krise beklatschen. Empfindungen können auch „gesehen“ werden – zum Beispiel in den Social Media und beim Fern-Sehen können gemeinschaftliche Haltungen erlebt werden. Die Verlagerung gefühlter Nähe auf andere Sinne wird sicherlich noch zunehmen. Welche Ausdrucksformen können das leisten? Wie kann Gemeinschaft zum Beispiel schmecken? Wird es Rituale geben wie der Truthahn an Thanksgiving? Gibt es Share-Produkte, bei denen ein Teilerlös an den Kampf gegen den gemeinsamen Virus-Feind fließt und der Spender ein Feedback mit Emojis oder Rewards erfährt? Hier entstehen Spielräume für neue Angebote.

Ein Verbot von Nähe ohne lustvolle Kompensationen wird scheitern

Ein psychologischer Effekt von Geboten und Verboten besteht auch darin, dass sie in Frage gestellt, umgangen oder nicht beachtet werden – sofern sie nicht auch lustvolle Momente integrieren. Jungen Menschen, die sich als nicht gefährdet betrachten, wird man nur schwer den Verzicht auf Nähe vermitteln können. Sie müssen positiv besetzte Aufgaben bekommen, für den Verzicht belohnt werden, damit sie nicht ständig gegen Auflagen rebellieren. Warum keine Online-Konzerte anbieten oder „Zeig-Deinen-Song-Battles“ einrichten? Warum Jugendliche nicht aktiv in Nachbarschaftshilfe einbinden und Leistungen der Tafel übernehmen lassen, die jetzt überall eingestellt werden? Auch das Marketing kann etwas tun: Und warum sollen jungen Menschen keine coolen Ideen für ihre Lieblingsmarken entwickeln? Das ist gesellschaftlich produktiver als Klopapier in Deutschland zu kaufen oder Schusswaffen wie in den USA.

Bitte loggen Sie sich hier ein, damit Sie Artikel kommentieren können. Oder registrieren Sie sich kostenlos für H+.
Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen und akzeptiere diese.
stats