Der steinige Weg zur richtigen Stichprobe

Wer CATI sagt, muss auch MOBIL machen

   Artikel anhören
© pixabay.com
Wer bevölkerungsrepräsentative Studien durchführen möchte, für den ist CATI der Königsweg. Um alle Bevölkerungsgruppen zu erreichen, müssen dafür auch Mobiltelefone berücksichtigt werden. Aber vor allem für kleine Regionen wird das teuer. Zwei kleine Hoffnungsschimmer könnten einen Ausweg aus dem Problem weisen.
Ein Telefon hat jeder. Also fast jeder. Lediglich ein Prozent der Haushalte, manche sagen auch 0,2 Prozent, kommt ohne dieses Kommunikationsmittel aus. Und daher ist das Telefon nach wie vor der Königsweg, um Menschen nach ihrer Meinung zu fragen, ob nach der Parteipräferenz, der Einstellung zu Migranten oder der bevorzugten Automarke. Wer wissen will, was Deutschland denkt, und zwar ganz Deutschland, der wählt eine Telefonumfrage, kurz CATI.


Nun gibt es einige Hürden bei dieser Methode. Altbekannt sind die Probleme der Teilnehmerbereitschaft, der Erreichbarkeit, die Schwierigkeit qualifizierte Interviewer zu finden. Aber wenn vom Telefon die Rede ist, denkt kaum noch jemand an seinen Festnetzanschluss bei sich zu Hause, sondern an das Smartphone in der Hosentasche. 96,7 Prozent der Haushalte haben laut Statistischem Bundesamt Destatis (2018) ein Mobiltelefon, dagegen nur 84,9 Prozent einen Festnetzanschluss. Die Anzahl der gesprochenen Minuten war im Jahr 2018 erstmals höher mit dem Handy: 119 Milliarden Minuten haben die deutschen Telekommunikationsanbieter auf Mobiltelefonen verzeichnet, auf dem Festnetz waren es noch 107 Milliarden Minuten. Eine Substitution findet nicht zwischen den Netzen – Mobilfunk und Festnetz – statt, sondern die Bundesnetzagentur, von der diese Daten stammen, sieht vielmehr eine Ablösung von Sprachtelefonie zu Chat-Nachrichten, ob geschrieben oder gesprochen.
© p&a 1/20
„Für CATI geführte Interviews bedeutet diese Entwicklung, dass der Anteil an mobil geführten Interviews weiter steigen muss, da dies der offensichtlich präferierte Device der Privatpersonen ist.“ Diese Empfehlung stammt von BIK Aschpurwis + Behrens, einem Hamburger CATI-Institut, welches unter anderem im Auftrag der „Arbeitsgemeinschaft Stichproben“ des ADM, genannt Arge, die Stichproben für CATI erstellt.

BIK erhält Rufnummernblöcke von der Bundesnetzagentur, also etwa die Vorwahl und die ersten paar Zahlen einer möglichen Telefonnummer. Dann wird technisch ergänzt, was zur eigentlichen Rufnummer an Ziffern noch fehlt und mit den aktuellen Telefonbucheinträgen gemischt. So steht das gesamte Universum an Telefonnummern zur Verfügung. Aus dieser Grundgesamtheit wird eine Zufallsstichprobe gezogen, die dann eine repräsentative Stichprobe darstellt. Mit dieser Vorgehensweise erstellt BIK Stichproben für CATI mit Dual-Frame – also der Mischung aus Festnetz und Mobilnummern –, mit der dann die Institute der Arge telefonisch befragen.

Jeder zweite junge Haushalt hat Festnetz

Von der „Arbeitsgemeinschaft Stichproben“ des ADM stammt auch die Empfehlung für das Mischungsverhältnis: 70 Prozent Festnetz und 30 Prozent Mobilfunk sollten es sein. Diese Empfehlung ist allerdings schon acht Jahre alt und beruht auf einer umfangreichen Studie im Jahr 2012, bei der die Erreichbarkeit und die Kosten gegeneinander abgewogen wurden. „Mittlerweile erheben wir im Verhältnis 60 zu 40“, berichtet Christiane Heckel, die Ansprechpartnerin für diese Tätigkeit bei BIK Aschpurwis + Behrens ist. In manchen Fällen sei auch 40 zu 60 sinnvoll. Es komme ganz auf den Zweck der Studie und vor allem die Zielgruppe an. Wer beispielsweise vorwiegend Migranten erreichen will, sollte in noch größerem Maße aufs Handy setzen, weiß Heckel. Auch im Osten Deutschlands ist der Anteil der Mobil-Telefonierer höher. Dort gibt es im Durchschnitt fünf Prozent weniger Festnetzanschlüsse als in Westdeutschland.
© p&a 1/20
Wer junge Menschen erreichen will, könnte sich eigentlich vollkommen auf Mobil-CATI konzentrieren. Wenn der Haushaltsvorstand zwischen 18 und 24 Jahren alt ist, verfügen laut Destatis 99,9 Prozent der Haushalte über ein Mobiltelefon, aber nur noch 45,5 Prozent über einen Festnetzanschluss in der Wohnung.


Na dann, rufen wir doch einfach auf dem Handy an! Wenn das so einfach wäre. Wer nicht drangeht, kann sein Telefon auf stumm geschaltet haben, die Nummer kann aber auch noch gar nicht vergeben worden sein oder die SIM-Karte wird als Datenkarte genutzt. Um diese technischen Hindernisse auszuräumen, gibt es ein sogenanntes Home-Location-Register- Look-up (HLR-Look-up). Rund 25 Anbieter versuchen technisch alle Widrigkeiten auszuschließen, damit wirklich nur erreichbare Nummern die Stichprobengrundlage bilden. Allerdings lässt die Telekom, einer von drei maßgeblichen Anbietern für Mobilfunk, neben Vodafone und Telefónica (seit 2014 mit E2), seit einiger Zeit diese Prüfung nicht mehr zu. Ein unverständliches Ärgernis für BIK.

Wenn die technischen Hürden beseitigt sind, kann dann endlich der Interviewer zum Hörer greifen? Ja, wenn es sich um eine bundesweite repräsentative Befragung handelt, trifft das zu. Wer allerdings nur in einer bestimmten Region Menschen erreichen will, etwa als regionale Tageszeitung, Radiosender oder Stromanbieter, der stößt auf ein neues Problem: Bei einer Handynummer ist – im Gegensatz zum Festnetz mit der Ortsvorwahl – nicht erkennbar, wo derjenige, den man anruft, wohnhaft ist. Die Nummern wurden bei Einführung des Mobilfunks nach Anbietern vergeben, später konnte jeder seine Nummer zu einem anderen Anbieter mitnehmen, sodass die Vorwahl keinerlei Aussage über die Lage des Wohnortes in Deutschland mehr zulässt.

Die regionale Kennung fehlt bei Mobil-CATI

„Das ist ein ungelöstes Problem“, sagt Menno Smid, CEO der infas-Holding AG und Geschäftsführer des infas-Instituts, zu dem mehrere Telefonstudios mit insgesamt annähernd 200 Plätzen gehören. Für den Sozialforscher sind Stichproben nach dem Zufallsprinzip der Königsweg. Fehlende regionale Kennungen bei den Mobilfunknummern machen diese Erhebungen unnötig teuer und erschweren deren Akzeptanz.

Auch Dieter Storll von mindline media hat das Thema auf dem Schirm: „Vor allem für Medienforscher ist das dramatisch. Bei regionalen Studien ziehen wir eine Stichprobe von generierten Mobilfunknummern, ohne zu wissen, in welcher Region der Angerufene wohnt. Wer in Bayern eine Studie machen will, wo 16 Prozent der Bevölkerung wohnen, kann nur 16 Prozent der Nummern wirklich verwenden.“ Der Rest, also 84 Prozent, wandert gleichsam in den Schredder.

In kleineren Bundesländern wie Hessen, Thüringen wird das Problem massiver und in Berlin, Hamburg, Bremen oder dem Saarland wird eine regionale repräsentative Telefonumfrage für den Auftraggeber sehr teuer.

Was kann man da tun? Zum einen ist der ADM ebenso wie die Arge an dem Thema dran. Einige Studiobetreiber haben sich bereits entschieden, die erreichten Teilnehmer via Postleitzahl für die Zielregion zu verifizieren und sich die Erlaubnis für eine Speicherung und einen nochmaligen Anruf zu holen. Die Nummern haben dann eine Regionalkennung und stammen aus einer Zufallsauswahl und sind für eine andere Studie vielleicht verwendbar. Warum fragt man sich, sollten diese Nummern nicht in einen neuen Pool wandern, um dann allen ADM-Stichprobennutzern zur Verfügung zu stehen? Ein Initiative dazu ist unter den ADM-Instituten zwar angedacht, aber noch ist nichts spruchreif.

E-Privacy im Dschungel der EU-Bürokratie

Dann gibt es noch einen schwachen Hoffnungsschimmer, der sich mit der E-Privacy-Verordnung auftut. Diese Regelung, die bereits in demselben Jahr wie die DSGVO, also 2018 in Kraft treten sollte, steckt noch im eurokratischen Dschungel fest. Zur Freude vieler Gegner, aber – und dies ist kaum bekannt – zum Leidwesen der Marktforschungsbranche. Denn in dem Entwurf der Verordnung geht es im Artikel 6 um Kommunikations-Metadaten, zu denen die Verortung von Mobilfunknummern genutzt werden könnten. Hier sieht der ADM zumindest eine Chance, einen Schritt weiterzukommen. Für wissenschaftliche und statistische Zwecke soll die Weitergabe dieser Daten erlaubt werden. In diese Lücke könnte die Branche schlüpfen. Sollte dieser Artikel im Sinne der Marktforschung formuliert werden, dann gäbe es eine gesetzliche Grundlage. Und auf Basis dieser gesetzlichen Grundlage könnten Verhandlungen mit den Mobilfunkanbietern angestrebt werden. Eine Menge Konjunktive. Aber dennoch, für den ADM ist unter anderem der ehemalige Geschäftsführer Erich Wiegand sowie die jetzige Geschäftsführerin Bettina Klumpe an diesem Thema dran. „Wenn die E-Privacy käme und der Artikel 6 so wäre, wie wir uns das wünschen, dann könnte das für Telefonstichproben eine positive Entwicklung sein“, so Klumpe vom ADM.
© p&a
Bevor es dazu kommt, müsste die E-Privacy-Verordnung aber erst mal verabschiedet werden. Hier gilt das bewährte Pingpong: Die Kommission macht einen Vorschlag, das Parlament überarbeitet diese, macht ebenfalls einen Vorschlag und lässt darüber abstimmen. Der Rat versucht dann alle Standpunkte unter einen Hut zu bringen und verhandelt diesen im Trilog-Verfahren mit den EU-Institutionen. Im vergangenen Herbst wäre es beinahe so weit gewesen. Unter der finnischen Präsidentschaft gab es eine Abstimmung eines Entwurfs im Ausschuss der ständigen Vertreter. Diese ist jedoch krachend gescheitert. 14 Länder waren dagegen, neun waren dafür, Deutschland hat sich enthalten. Die Hoffnung der Verbände liegt nun auf der deutschen Präsidentschaft. Doch die Hoffnung ist gering. „Wer voraussagen will, wie das ausgeht, der betreibt Kaffeesatzleserei“, sagt Wiegand. Sollte es noch in diesem Jahr zu einer Verabschiedung kommen, dann wäre frühestens 2023 eine E-Privacy auf dem Tisch.

Die Situation für CATI könnte also rosiger sein. Manche mögen sich fragen: Ist Telefon als Erhebungsmethode überhaupt noch relevant? „Ja, sie ist noch sehr relevant“, sagt Heckel von BIK. „Es ist nach wie vor ein gut genutztes Medium und man kann mit einer Befragung wirklich die Meinung der Bevölkerung abbilden, weil jedes Element der Grundgesamtheit eine Chance hat in die Stichprobe zu kommen. Das haben wir bei Online nicht, weil nicht alle Personen Online nutzen. Aber ein Telefon haben alle.“
© p&a 1/20
Bitte loggen Sie sich hier ein, damit Sie Artikel kommentieren können. Oder registrieren Sie sich kostenlos für H+.
Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen und akzeptiere diese.
stats