Darwinici-Kongress vom Rheingold Institut

Von der digitalen Allmacht zur analogen Ohnmacht

Stephan Grünewald und Karl-Heinz Land mit Moderatorin Claudia Dichter
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Stephan Grünewald und Karl-Heinz Land mit Moderatorin Claudia Dichter
Der diesjährige Kongress des Rheingold Instituts in Köln verlor sich nicht im Klein-Klein verschiedener Studien, sondern versuchte das großen Thema der digitalen Transformation und wie der Mensch sich darin zurechtfindet, zu umreißen. Als Partner dabei war Karl-Heinz Land von Neuland.

„Wenn die Auswirkungen der Digitalisierung ein 5-Gänge-Menü sind, dann haben wir erst das Amuse Gueule serviert bekommen.“ Dies war eines der vielen Bonmots über die sich die rund 200 Zuschauer in der Fabrikhalle in Köln Ehrenfeld beim Darwinci-Kongress freuen durften. Und dieses stammt nicht von Stephan Grünewald, dem gewohnt redegewandten CEO des Rheingold Insituts, sondern von Karl-Heinz Land, Digital Evangelist, Redner und Buchautor und für Projekte wie diesen Kongress Partner von Rheingold.

„All das, was mir meine Frau schon immer gesagt hat - bewege dich mehr, trink und iss nicht so viel - bekomme ich jetzt von der Apple-Watch schriftlich“
Karl-Heinz Land, Neuland

Land und dessen Firma Neuland beschäftigen sich mit Digitalem Darwinismus. Bei seinem Vortrag zur Mechanik der digitalen Ökonomie machte er sehr nachdrücklich deutlich welche Auswirkungen die Transformation für uns alle und natürlich auch für Unternehmen und deren Marken haben. „Beide Welten gehören zusammen“, sagte er „und es kommt nicht darauf an, welche Welt uns besser gefällt“. Und das Thema ist nicht auf das Business beschränkt, sondern hat politische Relevanz und zwar weltweite. Land: „Solange mehr Menschen Zugang zu Mobilfunk haben als zu fließendem Wasser, werden die zu uns kommen“. Wenn alle Menschen so leben würden wie die Europäer, bräuchten wir drei Erden, erläutert er bildhaft. Wenn alle Menschen so wie die Amerikaner leben würden, bräuchten wir fünf Erden.
Karl-Heinz Land, Neuland
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Karl-Heinz Land, Neuland
Kernanliegen von ihm ist, zu verdeutlichen, was genau die Exponentialität bedeutet mit der der technische Fortschritt wächst. Legt man auf einem Schachbrett auf das erste Feld ein Reiskorn und verdoppelt bei jedem Feld die Menge an Körnern, wie viele Körner liegen dann auf Feld 64? Die Antwort: Reiskörner mit denen man eine Form in der Größe von Deutschland bilden könnte und zwar zwei Kilometer hoch; sprich unglaublich viel.


„Wer heute mit dem technologischen Fortschritt ein Problem hat, der hat den Schuss noch nicht gehört“, sagt Land und weist darauf hin, dass wir bei der Entwicklung der Computerprozessoren erst auf Feld 37 stehen. Er beschreibt den Prozess, der nicht mehr aufzuhalten ist: Digitales erzwingt Digitales und alles wird nicht nur automatisiert sondern auch dematerialisiert.

Vom digitalen App-Solutismus


Nach der Vorstellung der Evolution, des digitalen Darwinismus, hatte Stephan Grünewald bei dem Darwinci-Kongress den Part des da Vinci: Was macht die Technologie mit dem Menschen? Er sprach über die Auswirkungen des digitalen „App-Solutismus“ auf unseren Alltag. Während für viele das Smartphone mit seinen Apps bereits zum neuen Körperteil geworden ist – „wir haben gefragt: Stellen Sie sich vor, der Akku streikt, da haben manche Menschen Nahtod-Erfahrungen“ – kommt doch immer wieder die Ernüchterung, dass etwas nicht so reibungslos klappt. Dann verfällt der Mensch „von der digitalen Allmachts-Phantasie in die analoge Ohnmacht“. Es ist eben nicht so, dass wir uns „per Fingerstrich die Welt erobern“ können, obwohl wir deren totale Verfügbarkeit anstreben.
„Das Handy gibt uns die Möglichkeit einen ständigen Kleinkrieg gegen unsere Langeweile zu führen“
Stephan Grünewald, Rheingold Institut
In den Tiefeninterviews, die Rheingold mit Probanden zu verschiedensten Themen durchführt, wird deutlich, wie unversöhnlich viele Menschen ob der Unvollständigkeit des Alltags sind. Diese Erfahrungen erzeugen Wut. Grünewald sieht die Menschen hin- und hergerissen zwischen den Sphären und in einer Art Zwischenzustand: „Es gibt die alte Welt noch, aber sie löst sich auf, aber die neue Welt hat noch keine richtige Struktur“. Laut Grünewald müssen Produkte auf allen Ebenen punkten und sich als tauglich erweisen. Er erläutert dies beispielhaft für den Medienwandel.
Stephan Grünewald, Rheingold Institut
© pua
Stephan Grünewald, Rheingold Institut
Kann Alexa auch Einkaufen?

Aus einer anderen Branche berichtet Sebastian Buggert, Mit-Geschäftsführer vom Rheingold Institut. Gemeinsam mit GS1 Germany, PwC Deutschland hat Rheingold einen Blick in die Zukunft der Konsumgüterbranche und dem Handel geworfen. Auch in diesen Tiefeninterviews wurde die Zerrissenheit der Menschen deutlich. Einerseits kann man alles jederzeit kaufen, andererseits ist die damit verbundene Transparenz bedrohlich. Die Lösung für viele ist ein beherztes "sowohl-als-auch". Onlineshoppen, ja, aber auch auf den Wochenmarkt gehen. Und den Sprachassistenten Alexa mögen viele fürs Einkaufen noch nicht so richtig benutzen.

Buggert wurde in den Interviews deutlich, wie ambivalent viele Nutzer die Maschine Alexa sehen. Einerseits ist es prima, dass sie die Bedürfnisse kennt, vielleicht sogar immer besser kennen lernt, andererseits ist es auch gut, dass sie einen Abstellknopf hat. Wenn Alexa falsch antwortet, wird mit einer gewissen Häme auf die dumme Maschine geblickt. Interessanterweise wird dies in China ganz anders gesehen. In dem kürzlich eröffneten Büro in Shanghai wurden ebenfalls Alexa-Nutzer befragt. Sie sehen das Versagen von Sprachassistenten als ihr eigenes Versagen.

Braucht die Welt einen digitalen Imbusschlüssel?

Am Nachmittag des Kongresses kamen dann Kunden zu Wort, sowohl alteingesessene als auch Newcomer. Claudia Willvonseder, verantwortlich für das globale Marketing bei Ikea, zeigte wie das 75 Jahre alte brick-and mortar-Unternehmen den digitalen Wandel angeht.
Wie weiß kann Digitalität sein?
Johanna Reich, Künstlerin
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Mehrere künstlerische Einlagen umrahmten den Darwinci Kongress. Johanna Reich erklärte eines ihrer Kunstwerke. Sie hat ein weißes Blatt Papier fotografiert, sich den digitalen Code des Fotos angeschaut und mehrere Menschen verschiedenen Alters gebeten, diesen Code handschriftlich abzuschreiben. Dann wurden die Codes wieder eingelesen und heraus kam nicht etwa ein weißes Blatt Papier, sondern ein schillerndes Kunstwerk.
Ein digitales Startup, die Firma Trackle, hat den kürzlich von Rheingold Institut ausgeschriebenen Wettbewerb und damit eine Marktforschungs-Studie sowie Vorschläge für die Kommunikation für ihr Produkt gewonnen. Es geht um ein Produkt zum Managen der Fruchtbarkeit. Diese Ergebnisse wurden von Sabine Loch von Rheingold und Gründerin Katrin Reuter vorgestellt. Auch hier wieder zeigten sich die Teilnehmerinnen gespalten. Diejenigen, die ihr Smartphone kaum aus der Hand legen mochten und auf diversen Medien Bilder posteten, machten sich die meisten Sorgen um die Datensicherheit.

Insgesamt ein sehr inspirierender Blick über den Tellerrand mit reichlich Input zum Diskutieren und Weiterdenken.

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