Corona und Mobilität

Ist der Zug abgefahren? Warum so viele auf alternative Verkehrsmittel umsteigen

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Seit der Pandemie nutzen weniger Menschen öffentliche Verkehrsmittel. Warum das so ist, welche Verkehrsmittel sie bevorzugen und was sie dazu bewegen könnte, wieder mehr mit ihnen zu fahren – das untersuchten die Forscher rund um Andreas Krämer, CEO von exeo Strategic Consultant, für den Fern- und Nahverkehr.

Bahnfernverkehr

Die Forscher wollten herausfinden, wie die Bevölkerung die Veränderungen im Bahnverkehr, die die Corona-Pandemie mit sich bringt, sieht. Ziel der Befragungen sollte sein, bestimmte Faktoren zu ermitteln, die eine Änderung der Bahn-Nutzungspräferenz ermöglichen.

Es gibt positive und negative Faktoren, die entweder zu einer höheren oder einer niedrigeren Bahnnutzung führen. Gründe für die Mehrnutzung der Bahn waren bei den Befragten zu rund 20 Prozent jeweils Umweltaspekte, Reisekomfort sowie günstige Preise. Jeder Vierte, der die Bahn seltener nutzte, begründete dies mit Kontaktangst. Rund 25 Prozent nannten dagegen das klassische Problem der Bahn: die Performance, zu der Pünktlichkeit und Fahrplan zählen. Um die Nachfrage wieder anzukurbeln, erhielten folgende Maßnahmen in Deutschland große Zustimmung: Preisangebote sowie Sauberkeits- und Hygienemaßnahmen befürworteten zwei Drittel der Befragten, einer Begrenzung der Fahrgäste stimmten knapp 60 Prozent zu.

In Deutschland sehen 23 Prozent der Befragten die Mobilität nachhaltig stark betroffen. Unter den Bahnvielfahrern liegt der Wert mit 31 Prozent noch deutlich über dem Durchschnitt. Als Gründe für die nachhaltige Beeinträchtigung der Gesamtmobilität nannten rund 20 Prozent der Befragten das Reisevolumen und genauso wie Einschränkungen im Komfort-Bereich, die in direktem Zusammenhang mit Corona stehen.

Über die Studie
Die exeo Strategic Consulting AG und die Rogator AG führten die Studie namens „OpinionTRAIN“ als Kooperationsprojekt durch. In Deutschland, Österreich, der Schweiz und Schweden wurden im Rahmen der Studie Meinungen und Werte untersucht. Die Online-Erhebung mittels eines Online-Access-Panels umfasste ca. 2500 Interviews von Teilnehmern im Alter zwischen 18 und 80 Jahren.
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ÖPNV im Stadtgebiet Frankfurt

Im Stadt- wie im Fernverkehr hat die Corona-Krise dazu geführt, dass das Pkw an Popularität gewonnen hat. Unter den Befragten nutzen 27 Prozent das Auto coronabedingt mehr. Manche ÖPNV-Fahrten haben sich auch auf das Fahrrad verlagert oder wurden zu Fuß zurückgelegt. Der Anteil an ÖPNV-Nichtnutzern hat sich mit 21 Prozent mehr als verdoppelt. 62 Prozent von ihnen gaben im Oktober 2020 Corona als Grund für die Nichtnutzung an.

Von einem subjektiven Standpunkt aus soll die Wettbewerbsfähigkeit des ÖPNV davon abhängen, wie lange die Kontaktängste in der Bevölkerung nach der Impfung noch bestehen bleiben. Auch die Erfahrungen mit der Fahrrad-Nutzung sind entscheidend. Seit März 2020 erleben Mietfahrräder und E-Scooter eine neue Konjunktur.

Ob die veränderten Mobilitätsstrukturen komplett reversibel sind, ist noch unklar. Gerade in der Arbeitswelt könnte sich das Home-Office in einigen Branchen durchsetzen. Das stellt Unternehmen des ÖPNV vor eine tarifpolitische Herausforderung. Der Fahrtenrückgang lässt sich zu 47 Prozent den Zeitkarten-Inhabern und zu 53 Prozent den Bartarif-Nutzern sowie zur Hälfte auf den Wohnort Frankfurt und zur anderen Hälfte auf einen Wohnort außerhalb Frankfurts zuordnen.

Abgeänderte Versionen der Zeitkarten oder gar Alternativen zu Zeitkarten könnten das Problem lösen – damit geht aber auch die Gefahr einher, dass eine Bestandsflucht aus dem Zeitkarten-Abonnement folgen könnte. Um das auszuschließen, sei eine Analyse der Kundenloyalität und der Abwanderungswahrscheinlichkeit aus den Abo- und Stammkunden-Angeboten nötig, betonen die Forscher. Um den Kunden die derzeit verbreitete Angst vor einer Ansteckung bei ÖPNV-Fahrten zu nehmen, müssten Verkehrsunternehmen die Masken- und Kontaktregeln stärker kontrollieren und durchsetzen. So würden sie das subjektive Sicherheitsgefühl ihrer Kunden stärken.

Die Fahrtenverluste lassen sich in den meisten Kundensegmenten zurückgewinnen. Das soll durch aktives Management gelingen. Mittelfristig sind aber auch Veränderungen in der Nachfrage-Struktur zu erwarten. Diese betreffen die Tarifbildung und das Ticketangebot, genau wie die Fahrplanoptimierung, Produktion und Vertrieb.

Über die Studie
Grundlage der Untersuchung bildete eine Kombination der Projekte von traffiQ und exeo, bei denen mobile Menschen im Stadtgebiet Frankfurt einmal kurz vor dem ersten Lockdown und im September 2020 befragt wurden.
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