Corona in Deutschland

Gefangen in der Erschöpfungsspirale

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© concept m
Neue auf Tiefeninterviews basierende Analyse des psychologischen Instituts concept m zeigen die Psycho-Dynamik, die derzeit in Deutschland vorherrscht: Die Menschen sind erschöpft, ihr Vertrauen in die Politik schwindet. Pragmatismus kann einen Ausweg aus der Krise bieten, glaubt Dirk Ziems, Partner von concept m.

Der Normalbürger – das zeigen unsere fortlaufenden Interviews mit Konsumenten – erlebt Fehleinschätzungen und Fehlplanungen der Politik (Masken, Impfkampagne, Schnelltests) als unverzeihliche Versäumnisse und als einen Verrat am Vertrauensvorschuss, den er den Regierenden entgegengebracht hat. 


Aktuell macht sich dadurch große Ermüdung und Verunsicherung breit. In unseren Tiefeninterviews beobachten wir, dass Deprivation und latente Angst eine toxische Gefühlsmischung eingehen. In klinisch-psychologischen Begriffen kann man diese Reaktion auf die Corona-Krise als Anpassungsstörung bezeichnen, die in einer Erschöpfungsdepression mündet. Die Menschen können einfach nicht mehr… Veranschaulichen lässt sich diese Situation mit einer Spirale:

1.

Ausgangspunkt ist der erklärte Führungsstil des Auf-Sicht-Fahrens

 Die Regierung will keine Versprechen machen und Hoffnungen wecken, die sich bei Veränderung der Lage zerschlagen. Auf Sicht fahren, heißt, sich im Nebel vorsichtig voranzutasten. Doch diese Methode hat eine Kehrseite: Passivität wird zur Grundhaltung. Die Politik macht den Eindruck, nicht zu agieren, sondern immer nur zu reagieren.

2.

Die Reaktionen kamen, aber meist spät, wenn nicht gar zu spät

 In der ersten Welle wurden zu spät Masken organisiert, die leicht vorhersehbare zweite Welle traf uns wie eine Überraschung, im November kam der Lockdown zu spät und war zu lasch, die vorhersehbaren Probleme der Impfstoffproduktion wurden ignoriert, die Optionen massenhafter Schnelltests stiefmütterlich behandelt.

3.

Deutschland ist gefangen im Debattenkarussell

Symptomatisch dafür ist die Endlos-Talkshow-Schleife im deutschen Fernsehen: Hier wird das Grundrauschen eines Dauerpalavers inszeniert, bei dem alle Standpunkte, konsequenzenlos gegenübergestellt werden. Forderungen stehen Bedenken gegenüber, Lauterbach legt sich mit Streeck an, Strategie reibt sich mit gegensätzlicher Strategie und der Wirtschaftsminister Altmaier betont, dass alles Erdenkliche getan wird.

4.

Abseits der Debatten arrangiert sich der Normalbürger

 Man versucht so gut wie es geht, in engen Großstadtwohnungen Home-Schooling und Home-Office zugleich zu managen. Man versucht, Freundschaften, Familienkontakte und Vereinsleben über Zoom-Konferenz am Leben zu halten. Man plant eine Fahrradtour statt Osterurlaub. Man ergattert einen Friseurtermin Anfang April.

 

5.

Ringen um Perspektiven

 Die Krisengipfel der Bundesregierung zeigen, wie seit Monaten im Wochentakt um Perspektiven gerungen wird: Mehr Lockdown oder mehr Öffnung? Doch jenseits der Hoffnungen auf Impferfolg irgendwann im Spätsommer oder Herbst scheint weiterhin kein klares Zielbild vor Augen. Das Vertrauen der Bevölkerung, dass Ankündigungen tatsächlich umgesetzt werden, ist stark beschädigt.

 

6.

Blockaden durch Versäumnisse

 Es besteht die Gefahr, dass das verordnete Still-Halten nicht mehr mitgetragen wird. Die Meinungsumfragen zeigen, dass die Stimmung nach einem Jahr in Richtung Misstrauen und Kritik kippt. Wenn es schlecht läuft, drohen tschechische Verhältnisse, wo die Regierung jegliches Vertrauen verloren hat und sich kaum einer an Maßnahmen und Regeln hält.
Der Autor
Dirk Ziems
© Dirk Ziems
Dirk Ziems ist Partner des Instituts concept m und Diplom-Psychologe. Seit über einem Jahr spricht er in Tiefeninterviews mit Menschen über deren Einschätzung zur Situation in der Pandemie.

Wie die Öffnung in den Köpfen beginnt

Der Weg raus aus der Erschöpfungsdepression beginnt in den Köpfen. Um aus der aktuellen Endlosschleife der ermüdenden Verarbeitungsmechanismen herauszukommen, ist es notwendig, eine Reihe festgefahrener Muster aufzubrechen, die für die Krisenlage kontraproduktiv sind.

Fokus auf pragmatische Lösungen: Insbesondere die Medien sollten über erfolgreiche Modellprojekte informieren, aufzeigen wie tatkräftige, pragmatische Lösungen vor Ort funktionieren und zu Mitmach-Aktionen animieren. So wird der Schalter von Passivität zu Aktivität umgelegt.

Zentralisierung statt Kompetenzwirrwarr: Ursächlich für viele Versäumnisse ist, dass der föderalen Kompetenzwirrwarr Entscheidungsschwäche begünstigt. Eine Reform der Zuständigkeiten und der Entscheidungsgewalt in Krisenzeiten ist vonnöten.

Verantwortung übernehmen statt Delegation: Die aktuellen Wirkungsfaktoren verstärken die passiven Muster der erlernten Hilflosigkeit und schwächen die Muster der gelernten Selbstwirksamkeit. Um aus dieser Falle herauszukommen, ist es notwendig, immer aufs Neue an die Selbstverantwortung zu appellieren und verantwortungsvolles Verhalten zu belohnen. Ein Beispiel: Wer sich häufig testet, bekommt das Privileg, mehr Geschäfte, Kulturveranstaltungen und Restaurants aufsuchen zu können.

Bedenkenträgerkultur minimieren: Länder wie England, Israel und jüngst auch die USA zeigen, dass eine pragmatische, anpackende Art in der Krise angemessen ist. In Israel wird auch bei Ikea geimpft, in den USA im lokalen Supermarkt. Endlose Debatten der Ethik- und Impfkommission über Prioritäten und Reihenfolgen, während gleichzeitig hunderttausende Impfdosen liegen bleiben, wären in den genannten Ländern nicht denkbar. Ein Durchbruch in dieser Hinsicht geht auch von den jüngsten Krisengipfel nicht aus. Es werden neue „Task-Forces“ gebildet, die Verantwortung wiederum verschoben.

Risikobereitschaft vor Sicherheitsdenken: Das Scheitern der Corona-App zeigt, dass die Mentalität, jedes Risiko zu vermeiden und vorauseilend auf Sicherheitsbedenken zu achten (selbst wenn sie gar nicht bestehen), zum Stillstand führt. Die Bürgermeister von Tübingen, Rostock und Münster haben deshalb außerordentliche Erfolge bei der Pandemie-Bekämpfung erzielt, weil sie den Mut zeigen, erst einmal Dinge auszuprobieren und in Modellprojekten Lösungswege ausloten, auch wenn beispielsweise Datenschutzbedenken nicht hundertprozentig ausgeräumt sind.

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