BVM-Regionalabend

„Wahlumfragen sind keine normalen Umfragen“

   Artikel anhören
© Pixabay
Wurde aus den Fehlern des vergangenen Wahlkampfes gelernt? Das fragte der virtuellen Regionalabend Ende September eine Expertenrunde. Mit dabei waren Prof. Peter Selb von der Universität Konstanz, Prof. Thorsten Faas vom Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft in Berlin, Paul Bremer vom Kölner Rheingold Institut und Yvonne Schroth von der Forschungsgruppe Wahlen.
Rund 70 Teilnehmer sind dem Aufruf der BVM-Regionalleiter Matthias Wenzel und Sindy Krambeer gefolgt und haben den Einschätzungen der Experten zur Wahl gelauscht. Peter Selb aus Konstanz untersucht mit seinem Team Fehler in nationalen und internationalen Wahlumfragen. Er hat die Daten von über 1000 Umfragen gesammelt und sie in einem Chart vereinigt. „Nicht jede Abweichung vom Endergebnis ist ein Umfragefehler“, sagt Selb. Eine Beurteilung sei eigentlich erst am Wahltag möglich. In diesem Jahr haben sich drei Institute mit ihrem zuletzt veröffentlichten Stimmungsbild sehr nah am vorläufigen amtlichen Endergebnis befunden: Allensbach, Forschungsgruppe Wahlen und Civey. Umso erstaunlicher, wenn man weiß, dass die Erhebungsmethode der drei Institute sehr verschieden ist: Allensbach setzt immer noch auf Face-to-Face, die Forschungsgruppe Wahlen schwört auch rein telefonische Befragung und Civey arbeitet mit einem Online-Panel. Von der Methode der Befragung könne man also nicht auf Umfragefehler schließen. Auch der „Ruf“ bestimmter Institute manchen Parteien näher zu stehen, und dann pro dieser Parteien zu veröffentlichen, ließ sich nicht validieren. Es gebe Fehler, aber insgesamt müsse man eingestehen: Wir wissen zu wenig über Verzerrungen und Umfragepannen. Selb plädiert daher für eine Partnerschaft zwischen Instituten und Universitäten. „Die Institute haben die Daten und wir haben die Zeit diese aufzuarbeiten.“

Auch Qualiforschung sagt viel über das Stimmungsbild

Ein Institut, welches bei diesen vergleichenden Studien wahrscheinlich nicht dabei ist, ist das Rheingold Institut aus Köln. Paul Bremer berichtet von der Vorgehensweise der qualitativen Forscher und den Beobachtungen. Seit den 80er Jahren werde Wahlforschung betrieben und man arbeite auch für alle großen politischen Parteien. „Außer der AfD. Die haben wir abgelehnt.“ Rheingold hat in den Befragungen einen enormen Unmut und ein fundamentales Machbarkeitsdilemma der Menschen gehört. Die nach der Corona-Krise gerade gewonnene Normalität wolle man nicht wieder aufgeben, heißt es von den Befragten. Auf die Frage, wo denn die Bürger ihr Kreuzchen am liebsten machen würden, kam häufig: am liebsten bei drei Kandidaten. Bremer freut sich, dass letztendlich auch ein solches Baukasten-Modell bei der Bundestagswahl herausgekommen ist. 

Menschen lassen sich von Umfragen beeinflußen - aber wie?

Thorsten Faas, Prof. am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft an der FU Berlin, erforscht, wie Menschen mit politischen Informationen umgehen und wie sich dies am Wahltag auswirkt. Seine Conclusio ist: Es gibt Effekte – „Umfragen sind omnipräsent und es ist naiv zu glauben, dass sie nichts mit den Menschen machen“, aber es sei sehr schwer sie zu erkennen. Dennoch beschreibt er einige Effekte. Zum Beispiel: "Ich will zu den Siegern gehören" oder „Ich helfe den Abgeschlagenen“. Es gibt emotionale und kognitive Effekte, es gibt strategische Wähler und Kultivierungseffekte.

Telefonbefragung mit Dual Frame ist Standard

Yvonne Schroth, Vorstandsmitglied der Forschungsgruppe Wahlen, war nun direkt betroffen, da ihr Institut im Auftrag des ZDFs Wahlbefragungen durchführt. Sie beschreibt den Wandel, den das Stimmungsbild der Bevölkerung im Laufe der Wochen vor der Wahl vollzogen habe. Sie weiß, dass 40 Prozent der Befragten angeben, dass sie sich prinzipiell für Umfragen interessieren und dass 20 Prozent angeben, die Umfragen haben ihre Wahl beeinflusst. Wenig verwunderlich setzt ihr Institut auf die Zufallsstichprobe und eine Erhebung ausschließlich per Telefon. Dabei habe man mit Festnetz und Mobilfunk ja bereits zwei Modi, eine weitere Methode – etwa Online – könne man nicht mehr dazu mischen.

Auf Nachfrage der Moderatorin Sindy Krambeer kamen dann noch einige interessante Statements zu tage. So beschrieb Selb, das Viele sagen, sie würden wählen gehen, da die Wahlbeteiligung ein sozial erwünschtes Verhalten sei. Man habe daher eher eine Overcouverage der Grundgesamtheit. Auch dafür, dass sich Menschen spät entscheiden, gebe es kaum Modelle, dies zu berücksichtigen. Es käme in manchen Kreisen zu einer Politisierung, ob man an einer Wahl teilnehme oder nicht. Das habe man auch deutlich im US-Wahlkampf gesehen und dies sei schwer einzuschätzen. Weiteer Methoden, sich dem Wahlergebnis zu näher, sei die Frage nach dem Verhalten des sozialen Umfeldes. Schroth betont, dass bei ihrem Institut eine Reihe anderer Frage als die Sonntagsfrage gestellt werden. Das werde in den Medien jedoch nicht immer so deutlich. Aber diese haben sich verbessert, war der Tenor. Die Aggregation von Umfragen und die Angabe des statistischen Fehlers sei mittlerweile bei vielen Medien Usus.

Insgesamt wurden an diesem Abend viele interessante Themen rund um die Wahlforschung beleuchtet. Man kann zusammenfassend sagen, dass Wahlumfragen sich nicht mit normalen Umfragen der Marktforschung vergleichen lassen. Leider wurde das zahlreiche Publikum so gut wie nicht in die Diskussion mit einbezogen. Dies hätte vielleicht noch andere Aspekte mit in die Diskussion gebracht.
    Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen und akzeptiere diese.
    stats