Bundestagswahl 2021

Was Forschung vor Wahlen erreichen kann – und was nicht

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Es wurde alles schon einmal gesagt, nur nicht von jedem. Neben dieser bekannten „Weisheit“ gilt auch: Es wurde alles schon einmal geschrieben, nur noch nicht von jedem gelesen. Daher wollen wir uns nicht wiederholen, sondern auf frühere Beiträge zur Wahlforschung verweisen, aber auch den einen oder anderen aktuellen Hinweis geben.

Was ist die Sonntagsfrage nicht?

Am 26. September ist Bundestagswahl und wie der nicht kommerziellen Webseite Wahlrecht.de zu entnehmen ist, findet beinahe täglich die Veröffentlichung einer „Sonntagsfrage“ statt. All diese Institute sowie weitere wie Civey und seit Kurzem auch Ipsos fragen hierzulande die Menschen: „Wen würden Sie wählen, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre?“ Die Aussagekraft dieser Studien bezüglich des Punktes, wer die Wahl voraussichtlich gewinnt, ist wesentlich geringer als das mediale Echo. Die Sonntagsfrage ist eine Momentaufnahme und keine Wahlvorhersage. Wie oft dies die Institutsvertreter auch sagen mögen, von Medien wird dies anders kolportiert oder suggeriert. Zumindest sind diese Feinheiten vermutlich kaum einem Wähler bekannt. Ob es dazu wohl eine Befragung gibt?

Kann man den Wahlausgang vorhersagen?

 Arndt Leininger, Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin erklärte im vergangenen November – damals am Beispiel der US-Wahl – dass es bessere Methoden gibt, um den Wahlausgang vorherzusagen, wenn man das denn will. Eine dieser Methoden ist die Befragung des Umfeldes. In einer Diskussionsrunde auf der Insights21 hat Frauke Kreuter, Professorin an den Universitäten Mannheim und Maryland, erklärt, dass man mit der Frage nach dem sozialen Umfeld bereits einige Schwierigkeiten auffangen kann: Da man nie alle relevanten Wählergruppen erreichen kann, müsse man versuchen diese Stimmen indirekt einzufangen. Etwa so: „Was glauben Sie, wie werden die Menschen in Ihrer unmittelbaren Umgebung entscheiden?“ In der Diskussionsrunde, die Markt- und Medienforscher Dirk Engel auf dem p&a Insights21-Kongress moderierte, werden auch multimodale Methoden angesprochen – etwa mit qualitativer Forschung oder auch die Möglichkeit von Wahlbörsen. Wer es verpasst hat: Zum Glück gibt es die Diskussion auf Video. Die Möglichkeiten, Menschen als sozialen Sensor zu nutzen, war auch das Thema der Keynote auf der General Online Konferenz der DGOF. Mirta Galesic vom Santa Fe Institute in den USA erklärt dabei: „Wir fragen nicht nach der eigenen Wahlpräferenz, sondern danach, was die Menschen in der Umgebung des Befragten vermutlich wählen.“ Sie hat dabei herausgefunden: je vielfältiger und diverser das soziale Umfeld einer Person ist, desto eher ist sie als Forecaster tauglich.

Andreas Gräfe von PollyVote benutzt ebenfalls solche Social Circle Questions. Auch die in unserer Insights-Diskussion angesprochenen Börsen, in denen Menschen auf den Wahlausgang wetten, werden von ihm berücksichtigt. Zudem spricht er mit Experten. Mit diesem Methoden-Mix prognostiziert (und hier ist wirklich Prognose gemeint) PollyVote seit 2004 Wahlen in Deutschland aber auch den USA. Bei PollyVote sieht man übrigens – Überraschung – die CDU vorne. 

Vor der letzten Bundestagswahl im Jahr 2017 sprach planung&analyse mit Andreas Gräfe über sein Vorgehen. Und im vergangenen Herbst sprachen wir mit ihm über die US-Wahl.

Was kann die Veröffentlichung der Wählerumfragen bewirken?

Über die Sonntagsfrage werden zu jeder Wahl Tausende Artikel in allen Medien veröffentlicht. Was weniger mediale Aufmerksamkeit bekommt, ist der Einfluss der Veröffentlichung der Stimmungsbilder auf das Wahlverhalten.

In einer Diskussionsrunde, die ebenfalls auf der GOR stattfand, wurde ausgeführt: Ja, es gibt Leihstimmen und es gibt strategische Wahlentscheidungen. Die Experten – Carsten Reinemann von der LMU München, Yvonne Schroth von der Forschungsgruppe Wahlen und Oliver Strijbis von der Universität Zürich – sagten aber auch, die Forschung dazu lasse noch zu wünschen übrig. Es gebe lediglich die Möglichkeit, Evidenzen zu kumulieren.

Wenn etwa von einem Kopf-an-Kopf-Rennen berichtet wird, dann mag es sein, dass sich mancher Wähler im letzten Moment noch anders entscheidet und dass deswegen die Wahl anders ausgeht, als die Stimmungsbilder der Sonntagsfrage vermuten ließen. Dies könnte zuletzt in Sachsen-Anhalt geschehen sein. Der Vorsprung der CDU vor der AfD war von fast allen Instituten als knapp angegeben worden. Tatsächlich waren es dann mehr als 16 Prozentpunkte. Über „Das Desaster der Demoskopen“ schrieb dann FAZ-Herausgeber Jürgen Knaube am 7. Juni 2021. Dass die Kritik über dieses Versagen der Wahlforscher nicht größer gewesen sei, hänge, so Knaube selbstkritisch, mit „der massenmedialen Liebe zu Umfragen zusammen. Man schont, wovon man lebt.“

Dies ist in der Tat ein wahrer (Halb)satz. Nur, fragt man sich, warum machen die Institute bei diesem Wahlzirkus mit? Rainer Faus von Pollytix, der auch in unserer Insights-Diskussionsrunde mit dabei war, hat diese Frage bereits 2017 beantwortet: „Die Verstrickung von Unternehmen, die einerseits für die öffentlich-rechtlichen Medien arbeiten und hier objektiv berichten sollen, gleichzeitig aber politische Entscheidungsträger beraten, ist äußerst problematisch und schadet im Übrigen auch dem Image der Branche.“ Und es besteht die Gefahr, dass das Image der Wahlforschung auf die Meinungsforschung insgesamt und auf die Marktforschung ausstrahlt. Diese Befürchtung scheint die Branche nicht zu teilen, sie diskutiert lieber die bekannten methodischen Themen: Zufall oder Quote und Face-to-Face, Telefon oder Online. All dies wurde schon vor der Bundestagswahl 2017 in p&a ausführlich diskutiert und beschrieben. Hier nachzulesen:  

Was ist in diesem Jahr anders?

Was die passende Erhebungsmethode für eine Wahlumfrage ist, hängt natürlich auch mit der Veränderung in der Gesellschaft zusammen: geringe Bereitschaft am Telefon zu antworten, unter 40-Jährige haben nur noch ein Handy, aber Mobilnummern sind nicht regional zu verorten. Bisher galt das Telefon dennoch als Mittel der Wahl der großen etablierten Institute. Doch auch hier scheint ein Wandel zu beobachten. In einem Bericht des Deutschlandfunks hieß es, dass Infratest dimap in diesem Jahr standardmäßig auf Mixed Mode umgestiegen sei. Ein erheblicher Teil der Befragung werde dort jetzt online erhoben. Geschäftsführer Manfred Kunert sagte dem Sender, man habe sich mit dem Kundenbindungsprogramm Payback zusammengetan.

Ein weiterer Aspekt (es gibt sicher noch andere, die hier nicht genannt werden können) scheint bei dieser Wahl dramatisch anders zu sein: Die Wähler wissen nicht, was sie tun (sollen). Knapp zwei Wochen vor der Bundestagswahl lag bei einer Umfrage von Allensbach die Zahl der unentschlossenen Wählerinnen und Wähler bei 40 Prozent, andere Institute veröffentlichten noch höhere Zahlen. Diese Information macht die Wahrscheinlichkeit, dass die Stimmungsbilder und Momentaufnahmen auch für den 26. September gelten, nicht wahrscheinlicher.

Für wen wird die Sonntagsfrage gemacht?

Man kann sich natürlich fragen: Für wen werden diese Umfragen gemacht? Wie bei allen Studien: Für die Auftraggeber – zu einem großen Teil die Medien. Die Entscheider in den Parteizentralen haben seit jeher ein ambivalentes Verhältnis zu den Sonntagsfragen. Der Spiegel befragte jüngst die Geschäftsführer der Parteien. Einhellige Meinung: Für die Strategie im Wahlkampf sind diese Umfragen wenig tauglich.

Doch die gute Nachricht: Die Parteien scheinen den Wert von Forschung erkannt zu haben, beschäftigen selber Forscher, geben Studien in Auftrag, um etwas über die Stimmung im Volk zu erfahren, und versuchen mit modernen Methoden, etwa Small Area Estimation, herauszufinden, welcher Kandidat in welchem Wahlkreis mit welchen Argumenten die besten Karten hat, Gehör zu finden. Ob sich die Parteien dann auch genau danach richten, ist allerdings nicht gesagt – siehe die Entscheidung Laschet statt Söder für die CDU zum Kanzlerkandidat zu machen – aber dieses Los trifft auch auf andere Studien und die daraus folgenden Empfehlungen zu.

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